Ein Wagen hielt am Dorfe. „Willst du ruhen, mein Kind?“ — fragte die Mutter. — „„Ja, aber im Freien.““ — „Bist du auch wohl genug?“ — „„O Sie sorgsame, treue, mütterliche Pflegerin, antwortete die Tochter, Sie sehn ja, wie es mit meiner Gesundheit mit jedem Tage besser wird. Vertrauen Sie mir nur mehr, damit ich mir auch selber wieder vertraue. Nein, Geliebteste, jene trübe Zeit wird niemals wieder kehren; aber ich fühle es, durch diesen fürchterlichen Zustand mußte sich meine Krankheit arbeiten, damit ich wieder genesen konnte.““ — Bist du dessen so gewiß, meine Tochter? Dann möchte ich Gott mit Thränen für die Verzweiflung danken, durch welche er mich damals geprüft hat.
Gewiß, liebe Mutter, sagte die reizende Tochter. Kenne ich doch nun mein ganzes Unglück; es ist mir kein düstres Geheimniß mehr. Wenn ich an die Ewigkeit der Liebe glaube, warum sollte ich denn jemals verzweifeln? Hier ist er geboren! O hätte ich ihn doch als Kind gekannt! Eine Welt voll Glück wäre mehr in meinem Besitz! Hier ist er auch wohl gewandelt; alle diese Gegenstände hat sein frisches Auge, wie oft, begrüßt. Nur über die Wiese will ich gehn, ein Viertelstündchen am Bache ruhn, so recht an ihn denken; dann komm’ ich zurück und wir reisen weiter. Aber allein müssen Sie mich lassen! — Sie umarmte die Mutter, und schritt über die kleine hölzerne Brücke. — —
Raimund träumte indessen einen seltsamen Traum. Der Wahnsinn war die Wahrheit, und was die Menschen Vernunft nannten, nur ein dämmernder Schimmer. Auch kein Raum war da, und keine Zeit. So wie auf den alten Stammbäumen es abgebildet ist, sah er sich aus dem Herzen eine hohe Blume wachsen; sie wurde von seinem Herzblut getränkt, und ihr rother Glanz ward immer mehr zum goldnen Purpur. Da sang es im wiegenden Kelch, er that sich süßflötend auf, und Blanka schaukelte sich drin hin und wieder, wie in einem durchsichtigen Kahn. Da blickte er über sich, und ihr blaues Auge ging in das seine; da zitterte sein Herz und mit ihm die Blume. Warte, rief sie, jetzt stirbt mein Blumenhaus ab, ich komme draußen in der Wirklichkeit zu dir! Sie schlüpfte auf den Rasen und stellte sich unter die Linde. — Gott im Himmel, hörte er sagen, das ist Raimund! Er schlug die Augen auf, und Blanka’s blaues Auge ging in das seine. Er kannte sie gleich. Sie umschlossen sich, als wenn die Arme sich nie wieder los lassen wollten. Auf den lauten Freudenschrei eilte die Mutter herbei, und fand das unvermuthete Glück, das sie noch nicht begriff. Auch Walther und Anselm kamen. Walther war so entzückt und berauscht, als wenn er selbst der Bräutigam wäre.
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Im Hause des Pfarrers tobte indessen ein lautes Getümmel. Die Hochzeitgäste waren so lustig, daß es die Glücklichen endlich auch auf der Wiese hörten. Der alte Baron hatte indessen schon seinen Sohn Theophilus heraus gesucht und ihm unter Umarmungen seine Vaterschaft erklärt. Ich habe nun auch einen Vater! rief Theophilus im Hause lärmend umher, und schlug laut lachend mit den Beinen aus, als der Pfarrer ihm dazu vernünftig Glück wünschen wollte. Wolfsberg machte es mit dem Pfarrer ab, daß er ihn in den nächsten Tagen mit seiner überglücklichen Franziska verbinden sollte. Der Gerichtspräsident Walther konnte in der Leidenschaft des Glücks nicht so mit dem Geistlichen sprechen, wie dieser es wohl verdient hätte; auch wurden alle Unterhandlungen durch ein laut schmetterndes Posthorn unterbrochen. Eine glänzende Equipage hielt, viele zierlich gekleidete Diener beeiferten sich, einen ansehnlichen Mann, der auf dem Rocke einen großen Stern trug, aus dem Wagen zu heben. Die Dorfleute befiel ein stilles Grauen, und als Anselm ausrief: der alte Graf Birken! so fing der Pfarrer an zu zittern.
Wo ist mein ungerathener Sohn? schrie der alte Graf, als er in das mit Menschen überfüllte Zimmer trat. Die Braut heulte laut, und die anwesenden Weiber aus dem Dorfe stimmten in denselben Ton ein. Wo ist Caspar Birken? schrie der Alte noch einmal. Hier, winselte der junge Graf, der sich hinter einen großen eichenen Tisch verschanzt hatte. — Und wo ist der unverschämte Pfaff, der es gewagt hat, den dummen Laffen mit seiner Tochter zu verkuppeln? — Hier! rief der Pfarrer, der sich indessen wieder gesammelt hatte; aber keine Verkuppelung, sondern eine ächte christliche Ehe, wie unsre Kirche sie vorschreibt. — „Die wird wieder geschieden!“ — „„Die wird nicht geschieden!““ — „Sie ist nicht gültig, so gewiß da oben auf den Ebreschenbäumen keine Aprikosen wachsen.“ — „„Sie bleibt so lange gültig, bis da oben die rothe Felsenwand ein Mensch hinauf klettern kann, und von den nämlichen Ebreschenbäumen sein Veto in das Thal zu uns herunter schreit.““ — „Und wenn ich Blut und Leben, wenn ich mein Vermögen lassen muß, und wenn ich der Mörder meines eigenen Sohnes werden sollte, so gebe ich zu dem Unsinn nie meine Einwilligung.“ — „„Und wenn ich, schrie der Pfarrer entgegen, prozessiren müßte, bis ich keinen Groschen mehr hätte, und wenn ich zur Fortsetzung des Prozesses von dem Junker Görge, oder einem noch Einfältigern, das Geld betteln müßte, so lasse ich die Sache nicht ruhn. Mein Kind muß glücklich und Gemahlin des Grafen, Ihres Sohnes, bleiben. Wissen Sie, was ein Horoskop ist?““ — „Nein.“ „„Nun, dann können Sie auch gar nicht mit sprechen. Sehn Sie dies Papier; in der Geburtsstunde meiner Tochter habe ich alle ihre Sterne beobachtet, und schon damals mit Gewißheit prophezeiht, daß sie eine Gräfin werden müsse. Was können Sie gegen alle Sterne ausrichten? He?““
Der Graf sah das Papier eine Weile mit staunenden Blicken an. He! Caspar! schrie er von Neuem. Heraus aus Deinem Winkel, Du Satansbrut! Komm her, Spitzbube, ich will Dir ja meinen väterlichen Segen geben, weil es denn also doch einmal nicht anders seyn kann.
Der junge Birken hüpfte herbei, er legte die Hand des Sohnes in die seiner Braut und küßte das kleine dicke Mädchen dann recht herzlich auf den Mund. Nun, Spaß bei Seite, sagte hierauf der alte Herr bedächtlich, im Grunde ist es mir ganz lieb, daß die Sache so gekommen ist, denn der Junge hätte einmal noch ärger anlaufen können; er kommt somit in eine ziemlich reputirliche Familie; der Mosje Caspar muß nun aber seine dummen Teufeleien lassen, die ihm einmal den Hals hätten kosten mögen; der Schwiegerpapa ist ein resoluter Kerl, der wird ihm wohl den Daumen aufs Auge halten. Aber nun kriegt Dein jüngerer Bruder die großen Güter, und Du, Hasenfuß, trittst in seine Rechte, wie es auch eigentlich viel vernünftiger ist.
Alles war zufrieden und glücklich. Walther und Raimund waren indeß mit der geliebten Blanka zum Hause des Edelmanns gewallfahrtet. Es war vorläufig davon die Rede gewesen, den Jugendwohnsitz Raimunds wieder zu kaufen; auch zeigte sich die Möglichkeit einer Verbindung zwischen der empfindsamen Baronesse und Theophilus, da dieser jetzt von seinem Vater anerkannt wurde.
Alle gingen selig, in Gefühlen und Hoffnungen schwelgend, sprechend und scherzend die grüne Wiese hinunter. Kilian unterhielt sich mit Sokrates. Gnädige Frau, sagte er nachher zu Görges Mutter; der Mann kann Ihrem Sohne auf die Beine helfen; ich habe ihm auf den Zahn gefühlt, ich habe mit ihm disputirt, einen solchen Gelehrten bekommen Sie niemals wieder. Indem man noch sprach, hörte man von oben, die Felswand herunter ein lautes Veto! rufen. Alle sahen hinauf und schwindelten, denn von der steilsten Höhe hing der alte Graf Birken reitend auf einem Ebreschenbaum. Veto! rief er noch einmal; aber nun kommt schnell zu Hülfe, oder ich breche den Hals! Widerrufen Sie erst Ihr Veto! schrie der Pfarrer hinauf. Ich widerrufe, tönte es herab, aber ich werde doch den Hals brechen. Die Bedienten liefen: die Leute aus dem Dorfe holten Stangen, Leitern und Stricke. Plötzlich brach der Baum, und der Graf stürzte herab; er kam aber noch ziemlich glücklich auf dem Boden, zur Freude Aller, an. — Wie ist er nur auf die steile Wand gekommen? rief der Pfarrer. Ja, Schwiegervater, antwortete der junge Graf Birken, Sie sehen, mein Papa ist noch toller, als ich!