Die nähern Freunde des Barons waren nach dieser Schilderung sehr begierig, einen Mann zu sehen, der wie von bösen und guten Geistern geplagt und verfolgt wurde. Als daher Graf Alten eintrat, sahen ihm alle mit großer Neugier entgegen. Er begrüßte die Gesellschaft hastig und sein dunkles Auge durchlief sie eilig; dann senkte er den Blick und setzte sein Gespräch mit einem alten, hagern und eingeschrumpften Italiener fort, welcher mit ihm gekommen war. Doch plötzlich brach er ab und rief halb vernehmlich: Himmel! was ist das? Er stand unmittelbar hinter Julien. Jetzt sang der Tenorist eine Arie der neuen Oper, und Alles schien begeistert, der Graf war in tiefen Gedanken. Nun, Eccellenza, fragte der Italiener am Schlusse, sein Sie contentirt? Ich habe keinen Ton gehört, antwortete der Graf, indem er den Kopf erhob und die schwarzen Locken aus der denkenden melancholischen Stirne strich.

Er benutzte die Pause, in welcher sich Alles lobend und bewundernd um den Kapellmeister drängte, vorzutreten und sich neben Julien zu setzen. Er wollte sie anreden, aber indem sie höflich das Antlitz zu ihm wandte, fuhr er wie erschreckt zurück. Nein, wahrlich, dergleichen hatte ich nicht erwartet! sagte er für sich. Das junge Mädchen war erstaunt und verlegen. Verzeihen Sie, redete der Graf sie heiterer an, Sie werden mich sonderbar finden; als ich vorher hinter Ihnen stand, mußte ich glauben, eine ehemalige Bekanntschaft zu erneuen, und jetzt bin ich von Ihrer mehr als wunderbaren Schönheit so geblendet worden, daß ich Zeit haben muß, um mich zu fassen. Die wahre ächte Schönheit kann wohl erschrecken, denn etwas Uebermenschliches kündigt sich unsern Sinnen und dem Gemüthe an. Himmel! wie müssen Sie singen!

Ich singe gar nicht, Herr Graf, und habe weder Stimme noch Kenntniß der Musik, erwiederte sie mit angenehmem Ton.

Der Graf sah sie prüfend an, schüttelte dann zweifelnd den Kopf und murrete unverständliche Worte verdrossen vor sich hin. Jetzt wurde ein Duett vorgetragen, und Alles war aufmerksam, nur der Graf betrachtete unverwandt seine Nachbarin. Das Duett war schwierig und die erste Sängerin äußerte ihren Verdruß, der Kapellmeister wurde empfindlich, wies zurecht, half nach, Alles vergebens; man mußte abbrechen, indem die Virtuosin behauptete, die Passage müsse geändert werden, weil sie ihrer Stimme ganz entgegen sei; der Componist meinte, er dürfe Ausdruck und Kraft nicht dem Eigenwillen aufopfern, denn die vortreffliche Künstlerin könne dies und noch schwierigere Sachen leisten, wenn sie sich nur bemühen wolle. Darüber aber wurde der Gesang völlig unterbrochen, und indem der Kapellmeister ein anderes Musikstück anordnen wollte, sagte der Graf zu Julien: ich wette, Sie können diese schwierige Stelle ohne Anstoß vom Blatte singen, wenn Sie nur wollen. Als Julie zu leugnen fortfuhr, sagte jener: Ihre Röthe, Ihr Auge widerspricht! Wie? dieser gewölbte Mund sollte in der Mitte der Lippen diese sanfte, seelenvolle Erhöhung von selbst haben, und nicht von den reinen vollen Tönen, die so oft über diesen Hügel schwebten? Denn nur der Ton, wenn er stark und lieblich die rothe Straße befährt, darüber klingend weht, bildet diese ausdrucksvolle Erhebung; ganz im Gegensatz jener gefurchten Mundwinkel, die jene berühmte Sängerin dort hat, die mit breitgedrückten und in die Länge gequetschten Lippen den armen kreischenden Ton hervor preßt. Sie versündigen sich, meine Schöne, daß Sie Ihr großes Talent verleugnen wollen.

Sie sind zu scharfsichtig, erwiederte Julie; um so trauriger, daß Sie dennoch irren.

Sie sprechen auch ganz wie eine Sängerin, fuhr jener fort, es ist ein lieblicher aber unterdrückter Ton in der Rede, der seine Fittige nicht auszufalten wagt. Wenn Sie doch nur wenigstens einen einzigen Ton anschlagen wollten! das Glück meines Lebens hängt davon ab, daß Sie singen können.

Sie quälen mich, Herr Graf, antwortete die Verlegne empfindlich; ich versichere Sie auf das Theuerste, ich werde nicht singen, weil mir diese herrliche Gabe von der Natur versagt wurde.

Gnaden, sagte der braune kleine Italiener, sollen Alles zu Virtuosen haben: kann aber nicht Alles singen, was hübsch und feinen Mund hat. Conträr! haben oft göttliche Prima Donna vor pur himmlisch Gesang und forzirt Schreien eine Schnautz wie Signor Cerberus, der die Talent hat, dreistimmige Sach solo durchzuführen.

Der frohe leichte Geist der Musiker war gestört, der Kapellmeister verstimmt, und die erste Sängerin mehr als verdrießlich. Der Enthusiast war in der Klemme, weil er es mit keinem verderben und doch keinen stummen gleichgültigen Zuschauer abgeben wollte. Da man sah, daß für diesen Abend nichts Bedeutendes mehr geschehen würde, so entfernten sich nach und nach die Fremden, auch die Musiker gingen, und nur der Kapellmeister blieb, dem sich der Enthusiast, ohne eine nähere Einladung abzuwarten, anschloß; der gedankenvolle Graf und sein Italiener verweilten ebenfalls, um mit der Familie des Barons beim Glase Wein und einem leichten Abendessen sich zu erheitern.

So ist es nun wieder wie fast immer ergangen, fing der Kapellmeister an, als sie um den runden Tisch saßen; man arbeitet sich ab, man studirt, man quält, und endlich freut man sich auch, wenn das Werk vollendet ist und gelungen scheint, und dann muß es diesen elenden, verdorbenen Handwerkern übergeben werden, die nichts gelernt haben, und mit dem Wenigen, was sie wissen, noch wie mit Wunderwerken hinter dem Berge halten wollen. Kann es einen traurigern Beruf, als den eines musikalischen Componisten geben? Denn endlich nun, wenn auch dieser Jammer durch Bitten, Drohen, Scherzen, Vergötterung, Lüge und Falschheit, durch kleine Aenderungen, Zusätze und Wegnahme überwunden ist, wird das gemarterte Werk der Laune des Publikums, und dem blinden Zufall, seinem allmächtigen Beherrscher übergeben. Nun muß es aber weder zu heiß, noch zu kalt, das Haus muß weder zu voll noch zu leer seyn, keine große politische Neuigkeit darf sich eben haben hören, ja keine Seiltänzer und Springer anmelden lassen, um das so nothwendige Klatschen und mit diesem armen Beifall einigen Enthusiasmus zu erregen. Und doch kann man es nicht lassen, sich wieder in der Vorstellung zu erhitzen, um eine neue undankbare Arbeit zu beginnen.