In diesem Augenblick stürzte der Bewunderer im Schlafrock heraus und umarmte die beiden Künstler mit theatralischer Herzlichkeit; er wurde es nicht müde, jedem wieder von Neuem an die Brust zu stürzen, ihn zu drücken und dann die Arme verwundernd in die Höhe zu strecken, bis der Sänger endlich sagte: Laßt es nun gut seyn, Hasenfuß! Ihr habt das Ding jetzt hinlänglich getrieben. Ein Glück, daß noch kein Mensch auf der Straße ist, sonst würden Eure Bockssprünge in dem saffrangelben Schlafrock alle Gassenjungen aufregen.

Also Ihr seid nun wirklich da, Ihr goldnen Menschenkinder? rief der Enthusiast aus; was würde es mich kümmern, wenn der vollständige Magistratus an meinem Entzücken Aergerniß oder Theil nehmen wollte? Habe ich doch seit drei Monaten nicht begreifen können, wozu diese Gasse eigentlich gebaut sei, noch weniger, warum sie so viele Fenster zum Auf- und Zuschieben habe, bis nun endlich ihre Bestimmung erfüllt ist; Ihr kommt durch dieselbe hergegangen, und ich kucke da oben mit meiner verlornen Mütze heraus, um Euch im Namen der Nachwelt zu begrüßen. Also nun wird Eure Oper doch gegeben werden, ausbündigster Mann?

Sind denn Sänger und Sängerinnen auch noch alle gesund? fragte der lebhafte Kapellmeister.

So, so, erwiederte jener, wie es die Laune mit sich bringt; genau genommen, existirt das Volk gar nicht, sondern lebt nur wie im Traum; die Zugabe, die an die Kehle mit Arm und Bein gewachsen ist, macht es oft schwer, sie nur zu ertragen, der unnatürliche Geschwulst aber oben, den sie Kopf tituliren, ist wie ein Dampfkolben, um in diesem Recipienten die unbegreiflichsten Verrücktheiten aufzunehmen. In so weit sind sie alle gesund, als es ihnen bis jetzt so gefällt, ist aber die und jene Arie ihnen nicht recht, hat der eine zu viel, die andre zu wenig zu singen, geht die Arie aus As moll, wenn sie Gis seyn sollte, so fallen sie vielleicht binnen drei Tagen wie die Fliegen hin.

Zieht Euch an, sagte der Sänger, und kommt zu uns in den Gasthof hier drüben, so können wir mehr sprechen, auch sollt Ihr uns auf den Besuchen begleiten.

Ohne Antwort sprang Kellermann in sein Haus, und die Reisenden begaben sich in das Hotel, wo sie ihren Wagen schon fanden.

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Im Hause des Barons Fernow war am Abend große Gesellschaft versammelt. Der Ruf, daß der beliebte Kapellmeister und sein erster Tenorist endlich angekommen seien, hatte in die Wohnung des Musikfreundes alles getrieben, was sich für die neue Oper interessirte. Man hoffte, einige der vorzüglichsten Partien vorgetragen zu hören, und viele drängten sich hinzu, um wenigstens nachher in andern Gesellschaften darüber sprechen zu können.

In diesem Getümmel, welches der Hausherr, seine Frau und eine Tochter mit Klugheit beherrschten, schwamm der behende Enthusiast wie in einem Strome herum, um Jedem von der Herrlichkeit der neuen Composition begeisterte Worte, über die große Manier, die lieblichen Melodieen und den vortrefflichen Ausdruck in das Ohr zu raunen, obgleich er selbst noch keine Note davon gehört hatte. Sein rundes geröthetes Gesicht schob sich wie eine Kugel von einem zuhörenden Kopf zum andern, und die meisten Gesichter zogen jene nichtssagende Miene, die in Gesellschaften geistreiche Aufmerksamkeit bedeuten muß. Jetzt wurde ein Theil der Versammlung auf einen andern Gegenstand hingerichtet, denn in einfacher, höchstsauberer Kleidung trat ein junges Mädchen herein, von so glänzender Schönheit, daß man ihren unbedeutenden Anzug über den edlen und ausdrucksvollen Kopf, über die vornehme Geberde, den feinen Anstand gänzlich vergaß, und die Nahestehenden sie mit Ehrfurcht begrüßten. Die Tochter des Hauses eilte auf sie zu, indem sie ausrief: o meine theuerste Julie! wie glücklich machen Sie mich, daß Sie meinen Bitten doch noch nachgegeben haben! Aber Ihr Vater? — Sie wissen ja, erwiederte die Schöne, wie menschenscheu er ist, wie wenig er mit seiner Melancholie und Kränklichkeit in die Gesellschaft paßt; und ich gestehe, ich würde auch nicht gekommen seyn, wenn ich einen so großen Cirkel hätte vermuthen können.

Die Umgebung sprach über die außerordentliche Schönheit dieses Wesens, und man erfuhr, daß sie die Tochter eines armen Musikers sei, die aus einer entfernten Stadt dem Fräulein des Hauses einen Brief einer Freundin überbracht hatte. Immer noch hatte der Kapellmeister mit seinen Sängern keines der Stücke vorgetragen, weil der Wirth noch einen jungen Grafen erwartete, der einer der größten Enthusiasten für Musik seyn sollte. Denken Sie sich, sagte der Baron zum Kapellmeister, den sonderbarsten, unruhigsten aller Menschen, nichts interessirt ihn als Musik, er läuft von einem Concert in’s andre, er reis’t von einer Stadt zur andern, um Sänger und Compositionen zu hören, er vermeidet allen andern Umgang, er spricht und denkt nur über diese Kunst, und selten ist er doch ruhig genug, ein Musikstück ganz und mit völliger Aufmerksamkeit anzuhören, denn er ist eben so zerstreut als überspannt. Dazu scheint er den eigensinnigsten und eingeschränktesten Geschmack zu haben, so daß ihm selten ein Kunstwerk zusagt, eben so wenig ist er mit dem Vortrag zufrieden, und dennoch bleibt er Enthusiast. Er ist von großer Familie und reich, war eine Zeit lang in diplomatischen Geschäften an einem angesehenen Hofe, hat aber Alles der Musik wegen, die er doch oft nach seinen Reden zu verabscheuen scheint, aufgegeben.