Plötzlich entsteht draußen ein lautes Geschrei. Die Thür der Bude wird aufgerissen, und ein wunderschöner Lockenkopf, das Antlitz eines himmlischen Mädchens blickt wie ein Blitz auf einen Augenblick in die Narrenbude. Sie schreit auf, so wie sie uns da schweben sieht, und Maschinka kreischt einer; ob Ferdinand, ob Wachtel, ob der Herr des Kunststückes, das konnte ich nicht unterscheiden, der Maschinendreher war es nicht, denn dieser orgelte noch einen Augenblick an seinen Kunsträdern. Das Mädchen ist verschwunden und Ferdinand, der unten schwebt, springt aus seinem Käfig, der Eigenthümer des Kunstwerkes ihm schreiend nach, dies erschreckt den subalternen Drehkünstler, er rennt auch hinaus, und Wachtel kann eben noch vom Einfluß der Bewegung so viel genießen, daß er im Herabschweben seinen Sitz verläßt, ebenfalls hinausläuft und die Thür der Bude hinter sich zuschlägt.
Aber ich — ich nun oben, auf dem höchsten Punkte, in meiner Schwebekutsche sitzend, hatte nun Zeit und Gelegenheit, das Schicksal und die zu künstliche Einrichtung der verfluchten Maschine zu verwünschen! O wie sehr hätte ich sie gelobt und verehrt, wenn ich durch eigne Schwere jetzt herabgesunken wäre, um auch das Freie zu suchen und jenem Mädchen nachzulaufen. Ich sah mich in meiner obern Sternregion um, ob ich nicht aussteigen und die vierzig oder funfzig Fuß hinunterklettern könne. Aber es war ganz unmöglich. Durch die eine Ritze konnte ich etwas von Stadt und Feld erblicken, aber in der entgegengesetzten Richtung, in welcher sich jene Erscheinung gezeigt hatte.
Endlich, es mochte wenigstens eine halbe Stunde verflossen seyn, zeigte sich der Besitzer des Kunstwerkes wieder; er schien mich vergessen zu haben und war sehr erfreut, mich dort oben noch, wie den Sokrates in seinem Studienkorbe, wiederzufinden. Er schrob und orgelte mich durch seinen Kunstorganismus herab und ging auf meine Fragen über die Erscheinung jenes Mädchens gar nicht ein. Er hatte sie nicht gesehn und war in der Meinung, es sei ein großer Volksaufruhr, hinausgelaufen.
Wichtiger war ihm die Verhandlung um die Bezahlung. In der Einsamkeit, und da er meine Eil sah, machte er eine ungeheure Rechnung. Ich begriff sie zwar nicht, wollte mich aber zur Zahlung bequemen. Da wir die gemeinsame Casse an diesem Tage unsern Wachtel führen ließen, fehlte es mir an baarem Gelde. Ich mußte meine goldne Uhr zum Pfande lassen, die ich erst am späten Abend wieder einlöste.
So wie die kleinen Schulknaben hatte ich ein Abentheuer bestanden und wollte bei meinen Reisegefährten Rath und Trost suchen. Ferdinand behauptete, das Schaukeln habe ihm Schwindel erregt und so sei er entsprungen, um zugleich den Volksauflauf zu sehn. Dieser sei schnell geendigt gewesen und er habe die Uebelkeit seitdem im Bett verschlafen. Wachtel meinte, ein großes Spektakel sei hinter einem Kapuziner heraufgekommen; dieses Schauspiel habe er genießen wollen. — Ich erfuhr nichts und so stehn unsre Angelegenheiten.
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Walther hatte jetzt seine Pläne aufgegeben und überließ sich nun ganz dem Zufalle, ob er durch diesen auf die Spur seines Feindes oder jenes schönen Mädchens gerathen würde. Ferdinand und Wachtel waren ihm in der kurzen Zeit ihrer Bekanntschaft schon unentbehrlich geworden, und so lud sie die schöne Jahreszeit, die Muße, die Lust umherzuschwärmen, ein, noch einige schöne Gegenden Deutschlands zu besuchen. Ferdinand war seit einiger Zeit viel sinnender und finsterer geworden; Walther hatte bemerkt, daß er Briefe erhielt, die er sorgfältig verbarg und die ihn verstimmten. Zuweilen fiel es Walther ein, er könne mit Ferdinand über seine Trauer sprechen, er dürfe es wohl mit Empfindlichkeit rügen, daß er daraus, was ihn so betrübe, dem Freunde ein Geheimniß mache; doch bedachte er dann, daß er selbst ja eben so gegen Ferdinand verfahre und von der Absicht seines Ritterzuges gegen diesen nichts verlauten lasse.
Die Freunde nahmen von Würzburg aus den Weg nach dem Spessart und erfreuten sich dieses Waldgebirges und der herrlichen Aussichten, die sich ihnen links und rechts in die Unermeßlichkeit der frischen Wälder darboten. In Aschaffenburg hielten sie sich nicht auf, sondern begaben sich nach Darmstadt, um über die schöne und altberühmte Bergstraße nach Heidelberg zu gehn. Die Nacht, welche sie überraschte, verweilten sie in Heppenheim, und Walther und Ferdinand stiegen zur Ruine, der Starkenburg, hinauf, und erfreuten sich in der anbrechenden Dämmerung der Aussicht auf den Rhein, an welchem sie Worms, Speyer und das ferne Manheim sahen. Die Aussicht in den Odenwald auf der andern Seite war noch schöner, die wundervolle Einsamkeit, die schönen Formen der Berge, welche alle dicht mit Wäldern bewachsen sind, erhoben das Gemüth der Freunde zu edeln Gefühlen.
Wachtel, der den steilen Aufgang zur Ruine fürchtete, war im Gasthofe zurückgeblieben, und schrieb indessen seiner Frau nach Guben folgenden Brief:
Heppenheim, den 13. Julius 1803.