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Die Freunde reiseten nach diesem Entschlusse queer durch das Kocherthal und besuchten Neustadt an der Linde. Von einer außerordentlich großen Linde hat dieses Städtchen seinen Beinamen. Nach dieser anmuthigen Gegend kamen sie durch den Harthäuser Wald. Das Thal der Jaxt ist zerrissen, die Weinberge schroff, kahl und weiß, und das Land ist hier weniger fruchtbar, als das Thal der Kocher. Eine sehr große und schöngebaute Brücke führt über den Jaxtfluß, der jetzt so klein war, daß er fast gar kein Wasser enthielt.
Aus Verehrung für Göthe betraten sie das alte Haus, die Burg Jaxthausen, in einer feierlichen Stimmung. Der berühmte Gottfried, oder Götz, hat hier nur in seiner Kindheit und frühen Jugend gelebt. Ein älterer Bruder, Philipp, erbte diesen Stammsitz der Familie, und lebte, wie es scheint, ruhig und glücklich auf diesem seinem Schlosse.
Alles ist hier alterthümlich, fest und mannhaft, wenn auch nicht großartig. Das Archiv ist in einem großen, runden Thurm. Die Wandschränke, viele Sessel und Stühle schienen noch aus der Ritterzeit. Die Wendeltreppe ist vortrefflich gebaut. Fest kann, ungeachtet der Gräben, das Haus doch nicht gewesen seyn; es liegt niedrig, auf ebenem Boden und hat das Ansehn eines reichen Adelhofes.
Ein neues, anmuthiges Schloß von mäßigem Umfang, welches eine Familie Gemmingen bewohnt, liegt nahe bei Jaxthausen, und nicht weit davon, an der Jaxt die Ruine der alten Burg Berlichingen, die alle Leute in der Gegend dort Berlinchen nennen.
Eine Meile von Jaxthausen findet man in anmuthiger Waldgegend das Kloster Schönthal. Hier ist das Erbbegräbniß der Berlichingen; Götz ist als der letzte hier begraben worden, weil nachher die Familie protestantisch war. Die Kirche ist schön, und Ferdinand hörte die Erzählung mit Ingrimm, daß man nicht nur alle goldne und silberne Gefäße, sondern selbst zwei heilige Leiber bei der Aufhebung des Klosters den Juden verkauft habe.
Ein Mönch verzeichnete die Bücher der Bibliothek, weil diese abgeliefert werden sollte. Der Mann schien unwissend und sich mit den alten Drucken oder Handschriften, bei denen er die Titel nicht finden konnte, sehr zu quälen. Ferdinand machte sich an ihn und half ihm bei einigen. Im Verlauf des Gespräches jammerte der Mönch über die Aufhebung des Klosters. Ferdinand stimmte mit ein und sprach von den Vortheilen und Reizen der Einsamkeit, und wie schön die Einrichtung gewesen, daß vielen Geistern, die den Beruf gefühlt, Freistätten seien gestiftet worden, in welchen sie sich ganz und völlig von der Welt unabhängig, den Betrachtungen der höchsten Gegenstände hätte widmen können. Seit lange aber, fuhr er fort, ist die Einsamkeit verrufen, Alle, so hört man immerdar, sollen und müssen in die vielfachen Wirbel und in die Verwirrung der Welt hineingetrieben werden; praktisch, so ruft man schon dem Kinde zu, mußt Du werden, um die Geschäfte, die Aufgaben des Lebens verwalten und lösen zu können. Die Namen eines Stubengelehrten, einsamen Denkers, stillen Forschers sind wie die Benennungen Einsiedler, Klostermönch, abergläubischer Priester, zu Schimpfnamen geworden. Und dennoch — wenn man diese Weltmenschen kennt und beobachtet, die in den Rädern der großen Weltmaschine hanthiren und immerdar mit dem Gewühle der verwirrten Masse umtreiben — wie ist ihr Gemüth abgestumpft und keiner großen Eindrücke und Entschließungen fähig. Ungewohnt, einen wahren, echten Gedanken zu fassen, eine belebende Idee zu ergreifen und sie dann anwendbar zu machen, ist ihr ganzes praktisches Treiben nur wie das des Maulthieres in der Drehmühle, thätig ohne Geschäft, im Mechanismus als Maschine arbeitend. Lehrt uns denn nicht die Geschichte, daß so oft jene stillen Menschen, die sich der Einsamkeit ergaben, in Zeiten der Noth hervortraten, um Das zu ordnen und zu beschwichtigen, was allen Weltregierenden und in der Welt Erzogenen zu mächtig geworden war? Einige der edelsten Päpste nicht nur waren in der Stille des Klosters gebildet und herrschten im großen Sinne, als sie berufen wurden, auch außer so manchen Bischöfen und Aebten waren es oft einfache Mönche, die in Zeiten der Drangsal auftraten, um mit dem Seherblick, den gerade die Einsamkeit geschärft hatte, Kräfte zu entdecken, die die verderblichste Verwirrung in lichte Ordnung umwandelten.
Darum, sagte der Mönch, der von Zeit zu Zeit von seinem Cataloge aufsah, ist es Unrecht, wie man jetzt mit uns umgeht. Nicht anders, als wenn wir Mordbrenner und Landesverräther wären. Und grausam ist es obenein. Denn unser eins hat nun von Jugend auf nichts anders gelernt, wir können uns auf keine andre Weise ernähren, und doch stößt man uns in die Welt ohne alle Versorgung, denn die armselige Pension, die man uns auswirft, kann kaum gerechnet werden.
Ferdinand wendete sich mit dem Ausdruck der tiefsten Verachtung von dem Manne ab. Als sie draußen waren, fragte ihn Wachtel: was ist Dir nur, daß Du plötzlich so sehr verstimmt bist? — Wenn mir, rief Ferdinand aus, der ich ein Laie, ein Protestant bin, das Herz brechen möchte, weil ich in einem Zeitalter geboren bin, in welchem eine ganze Welt von Herrlichkeit, Poesie und Kunst in ein großes Grab höhnend geschüttet wird, eine Welt, in welcher so Großes erwuchs und geschaffen wurde, die für Bildung, Gelehrsamkeit und echte Freiheit so viel that, die durch so viele geistliche Helden und Märtyrer verherrlicht ist, — und ich sehe einen Mönch, der diesem zerstörten Tempel angehört, um nichts als sein tägliches Brot seufzen, den nur die Küche dauert, die zugleich mit dem Wunderdom zerfällt, so möchte ich verzweifeln. Er fühlt sich nicht gekränkt und im tiefsten und heiligsten Ehrgefühl seines hohen Standes verletzt, nein, er wäre zufrieden, wenn er nur in irgend einem Pallast seiner Verfolger wieder Küchenjunge werden könnte. Giebt es freilich viele dieser Art, haben manche Regierende wohl selber so gedacht, so ist diese große Kirchenanstalt in sich selbst, auch ohne äußern Anstoß und ohne die weltliche Habsucht, zusammengebrochen.
Sei nicht unbillig, rief Wachtel aus, wie soll ein gewöhnlicher Mönch, von frühster Jugend zum unbedingten Gehorsam gewöhnt, dessen größte Tugend es seyn mußte, den eignen Willen zu brechen, Deinen Enthusiasmus theilen oder verstehn? der bei Dir auch nur um so feuriger ist, weil Du, in einer ganz anders gestalteten Fremde erzogen, als Fremdling in diese zerstörte Welt hineinschaust. Du bist noch ziemlich jung, wohlhabend, hast niemals Mangel empfunden, kannst es also in Deinem übermüthigen Blute nicht wissen, wie bitter die Nahrungssorgen sind. Außerdem bist Du so erzogen und unterrichtet, daß Du im äußersten Fall zu hundert Geschäften greifen könntest, um Dich zu ernähren; hast auch, durch den Weltumgang, Dreistigkeit gewonnen, mit Menschen umzugehn und Dir Beschützer zu suchen. So ein Armer aber, wie dieser, von frühester Kindheit verschüchtert, erniedrigt und eingezwängt, wenn dem die Maschine zerbrochen wird, an der er arbeitet, und er gar nichts gelernt hat, als an dieser einen Stift einzufugen, der ist unendlich zu bedauern.