An diesem Tage kamen die Reisenden noch bis Mergentheim und setzten am folgenden Morgen ihren Weg fort, längs der Tauber. Die Gegend bis Bischofsheim ist nicht schön, das Thal der Tauber ziemlich kahl. Von Bischofsheim bis Würzburg war die Gegend auch nicht interessant und Ferdinand sagte: ich glaube fast, daß wir gestern den letzten eigentlich poetischen Tag unserer Reise genossen haben.

Sie sind nur, antwortete Walther, gegen das Zurückkehren und scheinen mir eine zu große Vorliebe für das unbestimmte Herumschwärmen zu verrathen.

So ist es, rief Wachtel aus, das war von früher Jugend an seine Passion. Er ist ein schlechter Staatsbürger und Patriot.

Das Reisen selbst, erwiederte Ferdinand, ist für Den, welcher es versteht, eine so poetische Kunst, daß ich mich in diesem Sinne gern als gebornen Vagabunden bekenne. Mich dünkt, der merkwürdige Theophrastus Paracelsus sagt schon, das Reisen sei das Lesen eines herrlichen Buches, in welchem man die Blätter mit den Füßen umschlage. Die Natur und jede ihrer Launen kennen zu lernen, sich ihr ganz zu eigen zu geben, Heiterkeit und Genuß wie Regen und Sturm mit Dank empfangen, dies verstehn nur wenige, und die es vermögen, sind schon Eingeweihte. Dann die Kunst, zu lernen, wie man mit dem Volke leben kann, daß man aus allen Gesinnungen etwas Neues hört, daß man die Spur findet, wo auch in anscheinender Einfalt die Weisheit unbewußt spricht, wie die Wahrheit immer hinter allen Masken der Lüge hervorblitzt, alles Dies dient, unsern Geist zu erheben und reif zu machen. Dazu die Wunder, das Staunenswürdige, das uns Kunst, Natur, das Firmament und die Elemente bieten, oft auch die unscheinbare Gesellschaft und der zufällige Spaziergang. Schon in Teplitz sah ich dergleichen, und ihr Alle, die ihr doch gern staunen mögt, habt es ebenfalls angeschaut, doch ohne es zu beachten. Dorthin kommen alle Sommer aus dem innersten Ungarn Menschen, welche die deutsche Sprache nicht verstehen. Sie verkaufen Draht, Mäusefallen und andere geringfügige Sachen, dabei bessern sie kupfernes Geschirr aus und umflechten Töpfe und Schüsseln. Sie gehen in braunen, langen und weiten Jacken, und nur in dem Einen Aermel steckt in der Regel der eine Arm, sie haben keine Schuhe und Strümpfe nach unserer Art, sondern tragen eine Art von Sandalen, und mit Tuch oder Leinwand ist das Bein umwickelt, so wie es vor der Erfindung der Strickerei und Weberei gebräuchlich war. Ihr Gang hat nichts von unserer Dressur, sondern ist so frei und leicht, wie ihn kein Tanzmeister erreichen oder nur nachahmen könnte; dabei ist in ihren Schritten aber nichts von dem festen Springegang, den man an den Tyrolern beobachten kann. Eben so hat ihr Auge nichts von dem kühnen Umblick jener Bergjäger, sondern es sieht ruhig und in stiller Schwermuth geradeaus und nieder, ist aber niemals forschend oder neugierig. Diese Armen, weil ihr Gesicht von ihrem Geschäft in der Regel schwarz und ungewaschen und von der Sonne und dem langen Wege gebräunt ist, werden von manchem Badegast wie Banditen und Bösewichter angesehen. Ich bin ihnen stundenlang nachgegangen, um sie zu beobachten, ich habe mich mit ihnen zu verständigen gesucht und ihnen manche Gabe zukommen lassen, weil mir ihr Wesen so edel und echt menschlich schien. Sie sammeln, was sie an kleiner Kupfermünze einnehmen, und schütten es in einen Aermel ihrer Kutte, den sie unten zubinden, um mit dem geringen Erwerb mühsam in ihr fernes Vaterland zurückzukehren. Der Ausdruck ihres Gesichtes ist so schwermüthig, daß man sich angezogen fühlt, und was das Merkwürdigste ist, ich habe niemals einen von ihnen lachen, oder auch nur lächeln sehn, sei es ein junger Mensch oder ältlicher Mann, selbst wenn ich ihnen eine Gabe mittheilte, die ihre Erwartung übertraf. Ein milder, dankender Blick hat mich gerührt, und sie waren augenblicks so ruhig, wie immer. Wer sind diese Menschen, die mir als ein Wunder in unsrer Welt erschienen? Sind sie eine Art Paria? Mit den Zigeunern haben sie keine Aehnlichkeit. Ich konnte sie nicht ausfragen, weil sie mich nicht verstanden, die übrigen Menschen gingen gleichgültig an ihnen vorüber, und ich würde einen Otaheiten oder Chinesen nicht mehr als diese umherwandernden Kesselflicker anstaunen.

Du magst nicht Unrecht haben, sagte Wachtel, es thut mir leid, daß ich diese Slawaken, oder Croaten und Wallachen nicht besser beachtet habe. Kommt mir einmal wieder einer in den Wurf, so will ich ihn gewiß unter mein Mikroskop nehmen.

Nach Tische verließ die Gesellschaft Würzburg und begab sich nach dem Lustschlosse Werneck. Im Garten dieses ehemals fürstbischöflichen Schlosses sind noch einige schöngeflochtene Berceaus, nach alter französischer Art, und Ferdinand ergoß sich in Lobpreisungen dieser jetzt verschmähten Gartenkunst, für welche er eine fast übertriebene Vorliebe zeigte. Nichts so Entzückendes, rief er aus, als ein solches dichtgeflochtenes hohes Gewölbe von glänzendem, jungem Buchenlaub. Die Sonnenhitze kann nicht durchdringen, und man wandelt wie in einem lebendigen Saale oder dem Schiff einer Kirche, dessen Wölbung das glänzende Licht in Smaragden verwandelt. Die erfrischende Kühle spielt durch den weiten, langen Raum; im Sturm und Regen ist der Gartenfreund hier wie im Schlosse selbst gesichert. Um zu lesen oder ein vertrautes Gespräch zu führen, ist ein solcher Gang vorzüglich geeignet, ja er erzeugt durch das Offene, Heitere und zugleich Abgeschlossene Vertrauen, und das auffallend Künstliche dieser Bogenwölbung, so innigst mit der Baumschönheit verbunden, ist so lieblich und phantastisch, daß es wie von selbst Poesie und zarte Wunderträume erregt. Preise man nur nicht so unmäßig jene monotonen, melancholischen englischen Gärten, die weit eher ein Rückschritt zur Barbarei zu nennen sind, als daß sie die echte, höhere Gartenkunst sich rühmen, oder gar für die einzig wahre ausgeben dürften.

Sie blieben die Nacht in Schweinfurt, einem wohlhabenden, behaglichen Städtchen. Am folgenden Morgen verließen sie die Chaussee, um auf schlechten Wegen nach dem Badeort Kissingen zu gehen; der Ort ist nur klein und es waren nur wenige Trinkgäste zugegen. Eine Meile entfernt ist das Dorf und Bad Bocklet. Hier ist eine schöne grüne Natur, waldbewachsene Hügel, frische Thalwiesen und eine anmuthige, feierliche Einsamkeit. Nach einem ziemlich langen Spaziergang kamen sie in den Speisesaal zur versammelten Gesellschaft. Ferdinand traf einige Damen und Fräulein, die er wohl sonst in Berlin gesehen hatte. Es überraschte ihn seltsam, in diesem einsamen kleinen Orte Figuren wiederzufinden, die er sich bis dahin nur in den großen erleuchteten Salons hatte denken können.

Hören Sie, sagte Walther zu Wachtel, den er bei Seite nahm, mit welchem Enthusiasmus unser Freund wiederum von seinen berlinischen Freundinnen, vorzüglich aber von der Familie aus Madlitz spricht. Er ist übermäßig glücklich, daß er einige Dämchen getroffen hat, die doch einigermaßen, wenn auch ungern, in das Lob seiner Schönheiten einstimmen; denn es ist mehr als ungalant, man kann es unartig nennen, gegen junge Damen andere abwesende in so hohen Tonarten zu loben. Bemerken Sie nur, wie alle diese Badeschönheiten die zierlichen Lippen aufwerfen und die Näschen rümpfen, wie sie so leicht und schonend diesen und jenen Tadel der gefeierten Grazien einschlüpfen lassen, um der zu schmetternden Trompete unsers Freundes einen kleinen Dämpfer aufzusetzen. Er ist nicht zu entschuldigen, wenn er nicht dort, wie ich zu glauben Ursach habe, schon versprochen ist.

Bei Tische war man heiter, und nur Ferdinand, der es wohl fühlte, daß die anwesenden Schönen nicht mit ihm zufrieden waren, verließ mit einem kleinen Mißmuth den Saal. Er ging mit Wachtel und Walther auf den Kirchhof des Ortes, um das Grab der Auguste Böhmer, der Stieftochter Wilhelm Schlegels, aufzusuchen. Nicht ohne Thränen konnte er ihrer gedenken, und sagte endlich: Wie schwach sind doch die Menschen, daß sie nur selten das Lob eines vorzüglich begabten Menschen, sei er durch Schönheit, sei er durch Geist ausgezeichnet, mit edler, wahrer Theilnahme anhören können. Gleich glauben sie, es würde ihnen etwas entzogen, oder man setze sie gar herab, und so eilen sie denn, sich in Reihe und Glied zu stellen, was im Grunde lächerlich ist, weil sie voraussetzen, man müsse sie ebenfalls zu jenen Hochbegabten rechnen. Von den Verstorbenen ertragen sie schon eher die rühmliche Nachrede. Wie traurig, daß das Andenken eines so schönen Wesens, wie diese Auguste war, so schnell erlöschen muß. Diese natürliche Heiterkeit, der Frohsinn dieses Mädchens, ihr unschuldiger Witz und sanfte Schalkheit, gepaart mit Verstand und Geschmack, war in ihrer schönen Jugend eine zauberhafte Erscheinung. Schlegel hat ihrem Andenken einige vorzüglich schöne Trauergedichte gewidmet. Diese liebliche Erscheinung gehörte ebenfalls zu der frohen, geistreichen Gesellschaft, von der ich neulich in so starken Ausdrücken sprach, so wie die feine, geistreiche Mutter dieser Auguste, eine höchst gebildete Frau, die jetzt die Gattin Schellings ist. Diese Frau hatte ein so feines, geübtes Ohr, daß Schlegel sie bei seinen Gedichten und Uebersetzungen zu Rathe zog, und sie entschied fast immer, wenn er zwischen drei oder vier verschiedenen Lesearten ungewiß war, welche er als die wohllautendste oder passendste wählen sollte. Diese Frau, so wie die Gattin Hubers und noch wenige, gehörten ohne Zweifel zu den frühesten und entschiedensten Bewunderern unsers Göthe; viele der künftigen Literatoren werden es vielleicht nicht glauben wollen, wie sehr edle und geistreiche Frauen in unserer deutschen Literatur den Ausschlag gegeben haben. Als ich vor ungefähr zehn Jahren Berlin wiedersah, war unter den vorzüglichsten der dortigen Frauen Das längst ausgemacht, was Recensenten, Dichter und Gelehrte nicht begreifen wollten, daß Göthe unser größter Nationaldichter sei, ein Poet in wahrster und höchster Bedeutung, und daß die großen Talente, die mitunter selbst im Einzelnen etwas Größeres als er leisten möchten, sich doch mit der Großheit und Vollendung seines Wesens nicht messen dürften. Die Mutter Auguste’s reisete vor drei Jahren hieher, um die Bäder zu brauchen, und mußte ihre schöne, liebenswürdige Tochter hier begraben sehen.

Am Abend gelangten sie noch bis Neustadt an der Sale. Die Formen der Berge waren hart und rauh, Alles schien nördlich und unfreundlich. Die Freunde waren zu verdrossen, um die Ruine, eine der ältesten, in der Nähe der Stadt zu besteigen.