Bei der Fortsetzung der Reise schalten sie am folgenden kalten Morgen über die finstern, widerwärtigen Gestalten der Berge. Kurz vor Meiningen liegt die Ruine Henneberg zwischen schönen Tannen. In Meiningen fragten sie nach Jean Paul, der aber schon nach Franken gezogen. Durch schöne Gegenden und Thäler fuhren sie nach Bad Liebenstein, dessen romantische Lage sie wieder erfreute, und fanden hier ihren Freund Carl von Hardenberg wieder, den ein jüngerer Bruder, Anton, begleitet hatte.

Die schöne Gegend wurde am folgenden Tage durchstreift, die alte Burg, die kräftigen Wälder, die grottenartigen Felsen besucht. Man speisete im Freien unter schönen großen Bäumen, durch den Berg gegen Winde geschützt. Am Nachmittage fuhr ein prächtiger Postzug mit vier schönen Rappen vor, und die Freunde glaubten irgend einen Prinzen ankommen zu sehen, als zu Walther’s Erstaunen jener Freysing, den er vor zehn Jahren in Erlangen gekannt hatte, aus dem Wagen springt, von seinen Bedienten unterstützt. Sind Sie’s wirklich? fragte Walther, und der Fremde eilte, den lange nicht Gesehenen zu umarmen.

Nachdem man sich begrüßt hatte, gingen Walther und Freysing zu einer einsamen Stelle, ziemlich weit vom Bade entfernt. Es freut mich, fing Walther an, Sie so wohlhabend und reich wiederzufinden; Sie müssen in glücklichen Umständen leben.

Glücklich? rief Freysing aus: Sie sehen den unglücklichsten Kerl auf Erden vor sich! Reich? o ja, insofern ein Spieler sich so nennen kann. Sie wissen um den sonderbaren Zufall, daß ich damals in Nürnberg jene große Summe gewann, durch welche ich alle meine Gläubiger befriedigen konnte. Statt nach meiner Heimath zurückzukehren und eine Bestimmung zu suchen, ging ich mit den dreihundert Goldstücken, die mir noch übrig waren, nach einem großen Badeorte, Wo hoch gespielt wurde, und gewann wieder auf seltsame, unerhörte Weise. Ich war in dem Zaubernetz gefangen, daß ich nur Karten dachte und träumte. War die Nacht schon weit vorgerückt und ich übermüdet und demnach fieberhaft aufgereizt, so war es, als wenn ein Dämon meine Finger in meiner Betäubung regiere, und ich, so stumpf ich war, bestimmt wisse, welche Karte gewinnen müsse. Wer es nicht selbst erlebt und diese quälende Lust an sich erfahren hat, hat keinen Begriff davon, wie teuflisch wild, wie gräßlich heiter das Leben eines Spielers ist. Ich war bald reich genug, selbst Bank zu halten. So ist der grüne Tisch, Gold und Karten meine Heimath, mein Ein und Alles, mir Frau und Kind und Religion und Natur. Ich habe keinen Sinn für irgend was. Wenn meine Gehülfen schon in der Nacht kaum noch die Augen aufzwingen können, fluche ich über mein verdammtes Geschäft, lege mich betäubt und krank nieder, wandle umher, esse, und kann die Zeit nicht erwarten, bis das Geklirr und Rauschen des Goldes auf dem grünen Tische wieder anhebt. Ich stehe auf, um fünf- oder sechstausend reicher, und es macht mir keine Freude; ich verliere ebensoviel, und es ist mir ganz gleichgültig, und doch ist der verfluchte Gewinn der Sporn, welcher mich stachelt. Wenn ich reise, so kommt oft, wie ferne Erinnerung aus Wald und Fels, ein edles Gefühl auf mich zu, eine Wehmuth ergreift mich über mein zerstörtes Leben, und ich entlaufe dem Gefühl im Pharo; oft schon dachte ich, ein schönes, liebes Mädchen könne an meiner Seite mit mir meines Reichthums genießen; aber plötzlich fallen mir die Fratzenbilder der Kartendamen ein, und welche mir schon große Summen gewonnen, und Leben und Schönheit erblaßt vor diesen Gespenstern. Meine Eltern sind gestorben und ich habe sie nicht wiedergesehen. Wenn ich einmal Alles verlieren sollte, so werde ich mir mit der größten Kaltblütigkeit eine Kugel durch mein zerrüttetes Hirn jagen.

Walther würde vielleicht von dem Wahnsinn und Elend seines ehemaligen Freundes noch tiefer erschüttert worden seyn, wenn er nicht stets nach der großen, wunderbaren Höhle geblickt hätte, in deren Nähe sie wandelten, die jetzt verschlossen war, und die morgen, am Sonntage, magisch erleuchtet werden sollte, zu welcher Festlichkeit sich viele Menschen aus der Umgegend, sowie aus Meiningen versammelten. In dieser Menschenmasse hoffte er denn morgen auch seinen Feind, den er so lange schon vergeblich verfolgt hatte, sowie die schöne Maschinka, anzutreffen.

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Der Sonntag, der 24. Julius, war erschienen. Ferdinand begriff nicht, weshalb Walther so feierlich sei; dieser, indem er jede Art von Unterhaltung vermied, schien auf etwas gespannt, das sich im nächsten Augenblicke erklären müsse.

Ferdinand schien ebenso bewegt, und Wachtel beobachtete die beiden Freunde, indem er zu sich selber sagte: Narren sind beide, das ist gewiß, aber jeder nimmt einen aparten Anlauf, um vollständig thöricht zu seyn. Der Ferdinand bereitet sich auf die Höhlenerleuchtung vor, wie auf das Einweihungsfest eines Rosenkreuzers, und der Walther, der weit mehr Baron ist, wird, so bärbeißig er auch jetzt thut, die Sache nachher als Lappalie behandeln. Kürzlich soll der Pfarrer einmal in der Höhle gepredigt haben, kann seyn, daß man nächstens ein Melodram, ein Banditenstück, oder ein allegorisches, mit Erdgeistern drin spielt.

Beim heitern Sonnenlicht ging man eine Stunde vor Mittag in die große und von vielfachen Gängen durchschnittene Höhle, welche man erst seit einigen Jahren entdeckt hatte. Schwebende Lampen erhellten von oben das Gewölbe, versteckte Lichter, die unten und ungesehen brannten, erleuchteten seltsam die Gänge, die bald höher, bald niedriger, bald breiter oder enger sich durch die Räume zogen. Ferdinand war bezaubert, Walther erstaunt und Wachtel geblendet. Unglaublich viele Menschen waren in diesen unterirdischen Räumen versammelt und wogten hin und her, redend, flüsternd, lachend, allerhand Dinge erzählend, und andere wieder lallend bewundernd, oder bei jeder Beugung des Ganges staunende Ausrufungen ausstoßend. Wahrlich, sagte Wachtel, wer sich hier ein Liebchen herbestellen könnte, Oheim, oder Vater, oder Vormund zum Trotz, der hätte ein Rendezvous, um nicht das dumme Stelldichein zu brauchen, allhier, wie sonst in Europa kein zweites. Läuft nicht Alles wie Feen und Geister so zwitschernd und flüsternd durcheinander? Und bei der Geistercompagnie hört man nichts Bestimmtes, man vernimmt nur wie unterirdische Chöre. Man sieht nicht deutlich, sondern ist nur geblendet, bald ist es finster, bald zu hell, und der Widerschein von den dunkeln Felsengruppen mischt sich wie ein Traum in jedes Verständniß. Meine alte Muhme, sowie meine häusliche liebe Gattin könnten mir hier zur Helena oder einem thessalischen Zauberbilde werden. Stoßen Sie mich nicht so sehr mit dem Ellenbogen, mein Herr von Spuk; zwar in der Unterwelt vergessen sich alle Höflichkeiten.

Was der Freund hier im Gebiet der Phantasterei schwadronirt, sagte Walther, doch horch — still — was ist das? —