Ich habe die gnädige Erscheinung damals, wie jetzt, sagte Wachtel, nach meinen besten Kräften beherbergt.

Meine Braut und jetzige Gattin, erzählte Ferdinand, wußte von meiner Irrfahrt, sie war mir immer um einige Stationen voraus, und so trafen wir uns, um Abrede zu nehmen, in dem alten Schlosse Glich, oberhalb Bamberg, wo sie in der Maske eines Förstermädchens erschien. Hier hatte ich Gelegenheit, das Nähere mit ihr zu besprechen, und wir nahmen die Abrede, in Würzburg oder Heidelberg uns zu verbinden.

Sieh! sieh! rief Wachtel aus, drum! drum! Ei ja freilich, es ist auch dasselbe hübsche Gesichtchen. — Er sah hiebei Walther mit einem bedeutenden Blicke an, und dieser lächelte halb verlegen.

In Würzburg aber, erzählte Ferdinand, kam ein junger Pole, der Begleiter eines Herrn von Bärwald, meiner Geliebten auf die Spur. Er machte Anstalt, sich ihrer zu bemächtigen, und sie, benachrichtigt davon, rief mich auf zur Hülfe, da sie mich in jene Bude hatte eingehn sehn, wo wir uns, kindisch genug, mit einer russischen Schaukel ergötzten. In der Bude aber stand, ohne daß ich es wissen konnte, neben dem Herrn des Kunststückes, eben dieser junge Pole, der meine Braut persönlich kannte, und ihren Namen laut ausrief, als sie in die Bude hineinblickte. Alles stürzte ihr nach, ich aber, als der Schnellste, fand Mittel, sie im Getümmel des Jahrmarktes zu verbergen und vor den Nachstellungen zu retten.

Ei! rief Wachtel aus, unser Freund Walther, welcher den Jungfrauenraub zu bestrafen ausgereiset war, saß indessen mit eingelegter Lanze hoch oben wie ein rächender Gott in der einsamen Bude.

In Heidelberg, fuhr Ferdinand fort, erfuhr ich endlich aus ihren Briefen, daß unser gütiger Onkel sich unser annehmen und Alles schlichten wolle, nur machte er es zur Bedingung, daß wir umkehrten, um nicht als Abentheurer in fremden Regionen den Ruf meiner Geliebten unnöthig auf das Spiel zu setzen. In eines jungen Gelehrten, Keyser’s, Gesellschaft, welcher seine Braut besuchte, sprach ich die geliebte Maschinka, und wir beredeten unsre Rückreise. Aber wir durften uns noch nicht vereinigen, um uns nicht dem Ungestüm der Verwandten, welche uns verfolgten, auszusetzen. Ich hatte in Briefen und aus dem Munde meiner Braut von einem wüthenden und rachsüchtigen Hellbusch gehört, und konnte mir nicht träumen lassen, daß dieser derselbe freundliche Mann sei, an dessen Seite ich die schöne Reise durch Deutschland machte. So kehrten wir denn um, und schrieben hie und da Merkworte ein, die der Andre fand und die kein Fremder verstehen konnte. In der Höhle von Liebenstein trafen wir uns an jenem schönen Sonntage, und dort, als ich mich hatte von der Barke auf dem unterirdischen Gewässer übersetzen lassen, sprach ich im Dunkel, und von der ganzen Welt abgesondert, meine Geliebte. Bei Tharand bestellte sie mich und ich traf sie in der Nacht dort im schönen Thal. Sie reisete sogleich hieher nach Guben, ihrem gütigsten Oheim entgegen, und der großmüthige Mann hat auch mich seinen Neffen genannt und durch seine Güte alle die Irrsale geschlichtet. —

So fuhren sie nach Guben zurück und ergötzten sich an den kleinen Begebenheiten ihrer Reise. Von dort begaben sie sich mit dem Oheim nach der Schweiz, und Walther, welcher seinen Reisegefährten Ferdinand herzlich liebgewonnen hatte, bat sich die Erlaubniß aus, mit ihnen reisen zu dürfen, um in ihrer Gesellschaft einige Zeit in dem schönen Lande dort zu leben.

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Es waren zehn Jahre verflossen, als dem Erzähler dieser Geschichte Walther und Ferdinand wieder begegneten. Die seltsamen Begebenheiten des Befreiungskrieges hatten uns in Prag im Sommer des Jahrs 1813 vereinigt. Ferdinand war mit seiner Frau, die noch immer schön zu nennen war, glücklich, er hatte einige allerliebste Kinder, mit denen er gern spielte. Auch Walther war verheirathet, und wir erfreuten uns Alle des Wiedersehns und der erneuten Vertraulichkeit. Nur war es mir merkwürdig, daß der schwärmende Ferdinand jetzt ein eifriger, möcht’ ich doch sagen, einseitiger Verfechter der protestantischen Lehre war, und Walther im Gegentheil war zur katholischen Kirche übergetreten und mit vollem Ernst und ganzem Herzen ein Bekenner ihrer Glaubens-Artikel.

Wie dieses sich zugetragen hatte, läßt sich vielleicht in Zukunft mittheilen, da es für denkende Leser, die selbst etwas erlebt haben, nicht ohne Interesse seyn dürfte. Auch läßt sich um so unparteiischer diese Seelengeschichte erzählen, da beide Freunde, sowie der dritte, der humoristische Wachtel, vor Jahren nach Italien gereiset sind, und dort froh und glücklich leben. Als heitre Beilage und Episode dürften alsdann auch die beiden Novellen, welche die freundlichen Feinde, die sich als solche nicht kannten, im Gasthofe zu Chemnitz ausarbeiteten, nicht unwillkommen seyn.