Lassen Sie, lieber Sohn, sagte der Alte, beunruhigen Sie Ihren Geist nicht, wenn dergleichen auch geschehn könnte, so ist es doch nur wie ein Steinwurf ins Wasser. Der Kreis wird immer größer, aber verliert sich, wenn er sich am weitesten ausgebreitet hat. So lange noch solche Geister in Deutschland regieren, wie hier uns nahe Friedrich der Zweite, und dort Joseph der Zweite, so lange noch ein Mann wie Lessing schreibt und wirkt, haben wir Nichts zu fürchten. Und warum sollen denn unsre Nachkommen eben wieder ausarten?

Er schlug lächelnd das Papier zusammen, und freute sich schon im Voraus, welche Erquickung Viele in jener Brüderschaft aus ihm ziehen würden, die sich für Rosenkreuzer und Adepten hielten, und so ernsthaft nach dem Stein der Weisen forschten, wenn, wie der Obrist zu verstehen gab, auch wohl Einige unter ihnen seyn mochten, die das Spiel nur mitmachten, um andere, irdischere Zwecke durchzusetzen.

Friedrich der Zweite, fing der Rath wieder an, ist alt, vielleicht auf der Neige, und es ist möglich, daß er bald abgerufen wird. Wissen wir denn auch, wie jene Gesellschaften, über die wir jetzt nur lächeln, verbreitet sind, wie sie in Zukunft ihre Netze weit hinausspinnen mögen? Daß andre Brüderschaften gegen sie kämpfen, mag an der Zeit und nothwendig seyn. Wie glücklich, daß ich alle diese Dinge, die mich früherhin interessirten, und mein Leben in Bewegung setzten, hinter mir habe, und auf alle diese Strömungen mit klarem gleichgültigen Auge hinab sehn kann.

Der Bediente gab einen Brief ab, der eben von der Post gekommen war. Das Siegel war wunderlich, und als der Geheimerath den Brief durchgesehn hatte, sagte er: nun wahrlich, sonderbar genug! Nicht gerade der berühmte Wunderthäter Graf Feliciano wird zu uns kommen, aber doch ein andrer seltsamer Mann, von dem auch schon oft die Rede gewesen ist: jener Sangerheim, der sich ebenfalls berühmt, große Geheimnisse zu besitzen, der auch Geister erscheinen läßt, Todte und Abwesende befragt, und einen neuen Orden gründet.

Anton freute sich, da er vernahm, daß dieser Wundermann ihr Haus zuerst besuchen würde, aber der alte Obrist Dorneck wünschte, daß man sich mit dem Abentheurer nicht einlassen möge. Sie wissen, lieber Sohn, beschloß er, wie ängstlich Ihre Frau und Ihre Tochter bei solchen Gelegenheiten sind, und es ist wahr, man kann niemals wissen, welches Unheil uns mit solchen wirren Geistern über die Schwelle schreitet. Sie haben ihre Bestimmung darin gesetzt, die Menschen zu täuschen, und es ist nicht zu berechnen, auf welche Art sie hintergehn, welche Schwächen, die wir selbst nicht kennen, sie benutzen und erwecken, und wie weit wir in ihren Wandel verflochten werden.

Seien Sie ganz ruhig, lieber Vater, sagte der Rath heiter; dieser Brief macht es mir unmöglich, den wunderlichen Mann ganz abzuweisen, um so weniger, da ich so vielen Andern mein Haus schon eröffnet habe; diese Bekannten, die ich achten und schonen muß, und die mir diesen Mann so dringend empfehlen, würden mein Betragen unbegreiflich und sich beleidigt finden.

Und, gestehn Sie nur, lieber Vater, rief Anton im frohen Muthe aus, daß Sie eben so neugierig sind, wie ich. Nein, er komme nur, der große Wundermann, er prophezeie uns, er zeige uns Geister, er grabe Schätze, was und so viel er will, wir wollen Alles dankbar von ihm annehmen. Ist doch außerdem schon lange nichts Neues vorgefallen, ist doch im ganzen Europa Friede. Wollen sich die Lebendigen nicht rühren, so müssen die Todten in Bewegung gesetzt werden.

Als die Mutter und Tochter bei Tische diese Neuigkeit erfuhren, nahmen diese die Sache weniger heiter und leicht auf, als die Männer. In ihrem stillen Rath war vorzüglich Clara verdrüßlich und verstimmt. Wohin, sagte sie fast weinend zur Mutter, soll es nur führen, daß wir unser Leben so gar nicht für uns selbst einrichten und ableben sollen? Der Vater hat nun, wie er sagt, alle diese Verbindungen aufgegeben, und ist doch seitdem neugieriger und gespannter auf Alles, was in dieser Art vorgeht, als ehemals, — und mein Verlobter, dieser gute Schmaling, die Leichtgläubigkeit selbst. Ist es wohl recht, den Wunderglauben dieses Jünglings immer von Neuem aufzuregen? Wissen wir denn, wie weit diese Sucht gehn kann, oder vermögen wir es, ihr Schranken zu setzen? Wenn ich nachher unglücklich bin, Schmaling verwirrt, und leidenschaftlich aufgeregt, mit den geheimnißvollen Menschen verflochten: wird mir denn ein Trost meines Vaters, oder ein Spaß meines leichtsinnigen Bruders ersetzen können, was ich verloren habe?

Der Obrist trat zu ihrer kummervollen Berathung und sagte, nachdem er die Klagen gehört hatte: Uebertreibt nicht die Sache, Kinder, hier meine verständige Tochter, Deine Mutter, kennt ja Deinen Vater, liebe Clara. Und Schmaling wird Vernunft und guten Rath annehmen, er ist kein Kind. Glaube mir, meine liebe Tochter, es ist nicht gut, wenn man immerdar dem Menschen alle Steine, an die er sich stoßen könnte, aus dem Wege zu räumen sucht. Jede Leidenschaft in uns, die es wirklich ist, muß wachsen, reifen, und sich selber erkennen lernen. Der Mensch muß sie dann aus eigner Kraft, nicht bloß durch fremde Hülfe zu überwinden vermögen. Dann wird das, was wohl als Thorheit erscheinen mochte, oft Kraft und Charakter, und der Mann gewinnt in dieser Schule gerade seinen edelsten Besitz. Wird er aber in der Jugend gehindert, ganz sich in seinen Gelüsten kennen zu lernen, erfährt er gar nicht, wohin sie ihn führen können, so bleibt er Zeitlebens ein Näscher, der immer wieder von Neuem der Verführung ausgesetzt ist.

So muß, sagte die Mutter, dies die Geschichte meines Mannes seyn. Denn glauben Sie mir nur, Vater, stelle er sich, wie er will, hätte er nicht die vielen Geschäfte, die ihm sein Amt auferlegt, und die ihm oft die Nächte rauben, so würde er mit Heftigkeit Alles, was sich ihm aus dieser sonderbaren Gegend des Geheimnisses anbietet, ergreifen. Er meint, diesen Wunderglauben, die Geheimnißkrämerei, ganz überwunden zu haben, aber ich habe ihn seit so vielen Jahren beobachtet, und kenne ihn besser, als er sich selbst: Alles reizt, Alles beschäftigt ihn. Er spräche vielleicht nicht so oft, und mit solcher Bestimmtheit über diese Gegenstände, wenn er seiner selbst ganz sicher wäre. Sie haben sich oft verwundert, warum ich mit Ihnen und andern Freunden nicht in den Wunsch einstimme, daß er seine Stelle niederlegen und auf dem Gute leben möchte: ich kann es nicht, aus Furcht, er könne sich in andre Geschäfte und Arbeiten dann leidenschaftlich verwickeln, die weder so nützlich seyn dürften, noch seinem Geist die Kraft und den Adel zuführen würden, mit denen wir ihn jetzt so freudig seinen Beruf erfüllen sehn.