Am folgenden Tage schon erschien Sangerheim, der sonderbare Freund, als Gast im Hause des Geheimenrathes. Er war ein schöner, großer und schlanker Mann, der eben nicht viel älter als dreißig Jahr seyn konnte: sein Auge war feurig, der Ton seiner Stimme wohllautend, und der Accent des Ausländers, eine Fremdheit in seinen Manieren stand ihm gut. Sein Wesen und seine heitre Gesprächigkeit gewannen ihm auch bald das Wohlwollen, selbst das Vertrauen des Rathes, indessen ihn der alte Obrist schärfer und mißtrauisch beobachtete. Am meisten aber war ihm Clara aufsässig, denn der junge Rath Schmaling war völlig in Rede und Gespräch des merkwürdigen Fremden verloren. Ein Gelehrter, Ferner, nahm Antheil an der Gesellschaft, so wie der Arzt des Hauses, Huber, und Jeder beobachtete von seinem Standpunkt aus den Reisenden, der sich Jedem mit ungezwungener Offenheit mittheilte. Darum war auch Anton heiter und gesprächig und die Mutter ließ bald ihren Widerwillen fahren, mit dem sie zuerst sich am Tische an der Seite des verdächtigen Mannes niedergelassen hatte.
Als die Mahlzeit geendigt war, begaben sich die Männer in ein andres Zimmer, und die Frauen verließen die Gesellschaft. Nach einigen unbedeutenden Reden kam man auf den Gegenstand, der Alle interessirte, da Jeder wünschte, daß der Fremde von sich und seinem Treiben etwas Bestimmteres aussagen möge. Schmaling machte sich vorzüglich an den vorgeblichen Wunderthäter und nahm jedes Wort, was dieser sprach, begierig auf; doch der Obrist, der mit Clara Mitleid hatte, und ihre Aengstlichkeit gewissermaßen theilte, suchte diese Gespräche zu stören. Ob es denn niemals, fing er an, um die Unterredung zu lenken, irgend mit Sicherheit wird ausgemacht werden, wie alt diese weltbekannte Gesellschaft der Freimaurer eigentlich sei.
Vielleicht, antwortete der Rath, ist der ganze Streit mehr um Worte und Buchstaben, als um die Sache geführt worden. Mögen wir annehmen, daß dieses geheim öffentliche Institut, wie es in unsern Tagen besteht, schon uralt sei, daß es in frühern Jahrhunderten, unter ganz andern Bedingungen, als andre Bedürfnisse waren und man die jetzigen nicht kannte, habe daseyn können: behaupten wir dies alles, und geben nur zu, wie wir es müssen, daß diese Vereinigung, im Fall sie alt ist, sich völlig verwandelt und nach den verschiedenen Zeiten auch verschiedene Zwecke beabsichtigt habe, so ist mit dieser Einräumung auch der Streit, wenn nicht völlig geschlichtet, doch beseitigt.
Um so mehr, sagte Ferner, der Gelehrte, da wir es selbst erlebt haben, wie in kurzen Zeiträumen sich viele Zwecke der Brüder verändern, sie mit einander streiten, jede Sekte die richtige und älteste Constitution zu haben vorgiebt, eine Verfassung die andre verdammt, und immerdar neue Einrichtungen die vorigen ablösen.
Freilich, sagte der Rath, und so ist es nur Geheimnißkrämerei und Sucht zum Wunderbaren, die Entstehung der Gesellschaft hoch hinauf zu setzen, sie in andern Verbindungen wieder erkennen zu wollen, und anzunehmen, daß Tradition aus den ältesten Zeiten uns in dieser Einrichtung, die oft sich so geheimnißvoll stellt, mit dunkeln Geschichten und Sagen in unmittelbare Verknüpfung setzen könne.
Und doch, sagte Schmaling, handelt es sich hierum einzig und allein, oder die ganze Sache verliert ihr Interesse.
Das Wunderbare, fuhr der Geheimerath fort, aber das Interesse wohl nicht. Oder wir können es auch so ausdrücken: daß unsre Bildung eben dahin sich ausarbeiten soll, um zu erfahren, was wir mit Recht wunderbar nennen. Es fragt sich, ob dann nicht ein ganz umgekehrtes Verhältniß erscheinen wird, daß alles jenes Wunder, welches unsre unerfahrne Jugend reizte, uns gleichgültig oder lächerlich wird, und wir das ächte Wunder da wahrnehmen, wo das blöde Auge gar Nichts, oder das Gleichgültige erschaut.
Sehr wahr, fuhr der Gelehrte fort, die Natur, das Erkennen derselben, Kunst und Wissenschaft, das einfache, edle Leben unschuldiger Menschen, die Gegenwart unverdorbner Kinder, der Liebreiz des Frühlings, das Verständniß der Poesie und die Fähigkeit, ihn, den Ewigen allenthalben wahrzunehmen, hier findet der ächte Schüler das Wunder und dessen Verständniß. Verwandelt der Schwärmer dagegen Wissenschaft, Natur, ja seinen Glauben an den Höchsten in ein Gespenst, sieht er mit seltsamen Grauen in die Natur und den Geist des Menschen hinein, kitzelt er sich mit dem Gefühl, durch Zahlen, Zeichen, willkührliche Worte und Geberden Annäherung zu fremdartigen Geistern, ja Herrschaft über sie zu erlangen, so ist er schon für das Verständniß der Dinge und jene Freiheit des Geistes verloren, die den gesunden klaren Menschen so liebenswerth und so ehrwürdig macht.
Gut gesagt, erwiederte Schmaling; aber er wird auch hier an Worten und Zeichen sich zerstoßen, sein Geist wird dürsten und verschmachten, und wenn er recht in das Innre dieser scheinbaren Erkenntnisse eindringen will, so wird er sich verirren, und wenn er erwacht, sich in einer tauben, leeren Wüste wieder finden. Ist denn nicht eben jene Glaubensfähigkeit, die sie Wunderglauben oder Wundersucht taufen und schelten, die innerste Federkraft unsrer Seele? In ihr schlummert der Funke, der zu Licht und Flamme sich ausbreitet und erhellt. —
Mag es seyn, erwiederte der Rath, daß wir ohne diese Fähigkeit des Glaubens, ohne dies Gefühl der Liebe und eines unbedingten Vertrauens weder glücklich seyn könnten, noch die Stufe der Menschheit erreichen, zu der wir bestimmt sind. Diese einfache Liebe und Hingebung aber, die zur Glaubenskraft erstarken soll, ist völlig von jenem Vorwitz unterschieden, der ergründen, fassen und beherrschen will, was dem Menschen versagt ist, und der sich, weil er Nichts erobern kann, nun in das Gebiet der Nichtigkeit stürzt, sich mit dem Schein und der Lüge verbindet, und so den Geist des Menschen, seine Seele bis an die Selbstvernichtung führt. Denn so kann man doch wohl das nennen, wenn der Mensch für die nächste und unentbehrlichste Wahrheit Träume und Hirngespinnste eintauscht.