Jetzt nahm Sangerheim das Wort und sagte: Hier aber ist es, wo der Streit ein wirklicher wird, denn es läßt sich doch auch fragen: wer denn die Wahrheit zu solcher stempeln soll? Demjenigen, der nüchtern und einfach fort lebt, der sich niemals erhebt, dem dürfen die Wahrheiten der Religion, wie die Ahndungen der Geisterwelt als leere Träume erscheinen. Wer es aber erlebt und erfahren hat, wie jedes Wort und jede Gestalt nur dadurch wahres Sein erhält, daß sie vieldeutig sind, daß das Alltägliche und Aeußere auf ein Inneres und Geheimnißvolles deutet, der kann unmöglich alle höhere Forschung und Erkenntniß als unzulässig abweisen, weil sich ihm das, was in früherer Entfernung Traum und Aberwitz schien, nun näher gerückt, deutlich in nahe Wahrheit, in die unerläßliche Bedingung aller ächten Erkenntniß verwandelt.
Schmaling gab dem Fremden die Hand, von diesem Worte hoch erfreut. Der Fremde fuhr fort: Ist es wahr, daß diese ächten Geheimnisse, wie alles Große und Geistige, schlecht bewahrt und mit falschem Sinne erkannt, verwahrloset und durch Mißbrauch bis zur Sünde herabgewürdigt werden können, so ist es gut und nothwendig, wenn sie sich in dunkeln, tiefsinnigen Schriften dem Verständniß der blöden Menge entziehn, wenn eine beschlossene Gesellschaft edler Menschen sie als etwas Frommes und Heiliges bewahrt. Es ist löblich und nothwendig, daß, da der Zutritt nicht eigensinnig versagt werden kann, Prüfung und Läuterung voran geht, und nur Auserwählte, die in verschiedenen untern Graden bewiesen haben, daß sie der Erleuchtung fähig und würdig sind, zum Lichte vordringen dürfen. So war es seit uralten Zeiten, und diese Ueberlieferung bewahrt unser Bund, und dies ist es, was wir versprechen können. Darum werden jene andern nüchternen Sekten der Brüderschaft, die alle nicht wissen, was sie wollen, von selbst verschwinden und sich vernichten.
Dieser Gesang, antwortete der geheime Rath, ist nicht neu, er läßt sich von Zeit zu Zeit immer wieder vernehmen. Die wahre ächte Maurerei, die ich für solche erkenne, ist aber diesem Glauben und dieser Absicht völlig entgegen gesetzt.
Und diese ächte Maurerei? fragte der Fremde. Anton trat hinzu und sagte: Darf ich, als der einzige Ungeweihte hier, auch zugegen bleiben? — Der Vater erwiederte lächelnd: Ich werde nichts verrathen, was nicht Jeder hören dürfte. — Wie sich die Menschheit in Gesellschaft und Staat gebildet hat, und diese nicht entbehren kann, so fühlte der Einsichtsvollere doch auch zu allen Zeiten, daß mit diesem unendlichen Gewinnst gegenüber ein Verlust verbunden sei, und seyn müsse, der wohl eben so schmerzlich falle, als der Gewinn gegenüber erfreuen dürfe. Die Gesetze ordnen und zerstören, die Religion erhebt und verfolgt, die Moral veredelt und verdammt, und Alles in so großen Verhältnissen, so durchgreifend und nach allen Seiten, daß es unmöglich scheint, die Ausgleichung und Versöhnung dieser Wohlthaten und Uebel zu finden. Religiöse, wie dichterische Sagen setzen diesen unerläßlichen Zwiespalt schon vor alle Schöpfung hinaus; Mystiker suchen aus ihm die Entstehung der Welt zu erklären. Der Inhalt unsrer Religion ist die Lehre der Versöhnung, um durch ein neues Räthsel das ältere zu lösen. Schon die alte Mythologie und Dichtung der Griechen wollte ebenfalls manche Schuld, grause Verbrechen, die jedes Gesetz verdammt, zur Tugend, zur Aufgabe eines Gottes machen, und Orest ist eine wundersame Frage an den innern Geist, wie Timoleon in spätern Zeiten. Durch alle Adern des Daseins dringt der Tod des nothwendigen Buchstaben, und jeder Edle, sei er Fürst, Staatsmann, Krieger oder Handwerker und Bauer, findet in seinem Leben tausendfältige Gelegenheit, hülfreich zu seyn, wo Staat, Religion, Gesetz und Lehre nicht ausreichen, um zu vermitteln, wenn er seinen Sinn frei genug erhalten hat, und so das Geistigste, das, was unantastbar seyn sollte, und was doch immerdar verletzt werden muß, still und behutsam zu schützen. Nur in den allerneuesten Zeiten war es möglich, daß verschiedene Freigesinnte, edle Menschen darauf fielen, in einen geheim öffentlichen Bund zusammenzutreten, um dieses Unsichtbare, Unaussprechliche zu wirken, dieses ächte, große Geheimniß zu bewahren, welches sich freilich niemals verrathen läßt, weil es ganz geistiger Natur ist, das schon verschwindet, indem man es nur in bestimmte Worte fassen will.
Anton sagte lebhaft: Ja freilich, so angesehn, ist eine solche Vereinigung verständiger Männer das Edelste, was man sich denken kann: die ächte Aufklärung, um ein so oft gemißbrauchtes Wort einmal in seinem wahren Sinne zu brauchen.
Der Vater winkte ihm freundlich, und fuhr fort: Wenn Menschen, so gestimmt, sich zusammenfanden, so durften sie hoffen, daß die Vereinigung ihre Gesinnungen stärken, ihnen das Gute, was sie ausrichten wollten, erleichtern würde. Der Unterschied der Sekten, der Glaubensmeinungen und Stände hörte in dieser geistigen Gemeinschaft auf. Sie konnten nicht darauf fallen, Etwas gegen den Staat zu unternehmen, so sehr sie dessen Gebrechen fühlten, denn sie hätten sich ja dadurch dem todten Buchstaben wieder hingegeben, dem sie entfliehen wollten. Es genügte, klar zu sehn, fein zu fühlen, den Leidenschaften und Vorurtheilen nicht zu huldigen. Um so mehr Patrioten, um so weniger legten sie Hand an, Räder auszuheben, oder die Maschine anders einzurichten. Es genügte, daß sie ohne That und Kampf das Gute wieder vorbereiteten; der Fromme mußte frei genug seyn, um in und durch die Gesellschaft seine Sekte nicht verbreiten zu wollen; noch weniger aber konnte es dem Aufgeklärten beikommen, die Religion des Landes untergraben zu wollen, nüchterne Freigeisterei zu befördern, oder feindselige Gesinnungen zu verbreiten, er fühlte, daß Liebe, Milde, Sanftmuth und Duldung genügten. Je frommer der Fromme war, so weniger konnte er aber auch, als Mitglied solcher Gesellschaft, den Satzungen eigensinniger Priester huldigen, oder eine geschichtliche Form der Religion für etwas Anders als Form und Buchstaben halten. In dieser ächten Loge meines Sinnes, wie konnte es in ihr mehr als einen Grad geben? Was hätten die Eingeweihten denn noch finden und entdecken sollen? Genügte irgend einem dieses hohe, unsichtbare und unaussprechliche Geheimniß nicht, so stand er ja in dieser Ungenügsamkeit wieder außen, und hatte Weihe und Erkenntniß verloren.
Und wo, wo, rief Anton lebhaft aus, wo sind diese ächten, wahren Maurer zu finden, daß auch ich mich ihnen mit allen meinen Kräften anschließe?
Wo? antwortete der Vater; nirgend in aller weiten Welt sind sie zu finden, nirgend und allenthalben; denn jeder wahre Mensch ist dieses Salz der Erde, und ist ohne Gesellschaft, Eid und Verbindniß dieser ächte Freimaurer. — Als nun Christoph Wren in London die neue Loge stiftete, oder nur neu belebte, ging von hier aus wohl eine Gesinnung, oder eine ihr ähnliche aus, wie ich eben geschildert habe. Unter jenen Freimaurern ist Ashmole der erste, der davon spricht, und wenn er die Gesellschaft und Verbrüderung eine sehr alte nennt, so mögen meinethalben die Baukorporationen schon längst ihre Constitutionen und Symbole gehabt haben, doch war dieser erlaubte und edle Kosmopolitismus in dieser Gestaltung den früheren Jahrhunderten unbekannt und unmöglich.
Und wie selten, wie wenig mag er auch in England, wie in Deutschland, zum Bewußtsein gekommen seyn, fiel der Obrist Dorneck ein. In meiner Jugend schloß ich mich, aus einem unbestimmten Wissenstriebe, Menschen an, die sich für erleuchtet ausgaben. Die Gesellschaft war aber damals nicht so ausgebreitet, wie jetzt, noch war sie in so viele Sekten und Constitutionen getheilt. Schon die Menge der Lehrlinge, die Kassen, die der Aufzunehmenden bedürfen, die weltlichen Absichten, die sich mehr oder minder eingeschlichen haben, machen jene Vereinigung, von der Sie, theurer Sohn, sprechen, völlig unmöglich. Und es ist zu fürchten, wie es denn auch schon begonnen hat, daß sich kluge Köpfe dieser Verbindungen bemeistern werden, um völlig das Gegentheil aus ihnen zu machen, wozu sie bestimmt waren. Bemächtigt sich erst ein solcher Schwindel der Zeit, so steht wohl zu besorgen, daß ein viel schlimmerer Buchstabe mit tödtender Kraft herrschen wird, als vormals in der äußern Welt, und ihren Gesetzen, Gewöhnungen und Rechten.
Wie gesagt, erwiederte der Rath, die Zeit erklärt und erzeugt Alles. Manche Völker, vorzüglich Deutschland, waren nach dem Frieden von 1648 in sich selbst matt zurück gesunken, bei uns war alles öffentliche Leben dahin, das Interesse für den Staat völlig abgeschwächt. Hier in Deutschland konnte sich allgemach der Gedanke erzeugen, statt des öffentlichen Geistes einen unsichtbaren still wohlthätig walten zu lassen. Vielleicht, daß hie und da, auf kurze Zeit, die ächte Maurerei, nach meinem Sinne, ausgeübt wurde. Entstellungen zeigten sich früh, Mißbräuche schlichen ein, und Alle ängstigten sich, geheim oder eingestehend, daß sie kein sprechendes, faßliches Mysterium den wißbegierigen Lehrlingen zu verrathen hatten, worin doch eben, daß sie dessen ermangelten, ihr Wesen und ihr Stolz hätte bestehen müssen.