Jetzt stand Huber, der Arzt, auf und sagte: ich habe bis jetzt geschwiegen, weil ich nicht andern Meinungen voreilen wollte. Dieses Geheimniß eines Nicht-Geheimnisses, wie es unser Freund Seebach ausgeführt hat, will mir keinesweges gefallen. Es sei, daß die Maurerei Nichts gegen Staat und Religion unternehmen soll, und daß wir deshalb jene frühen englischen Logen tadeln mögen, von denen die Sage berichtet, daß sie unter Cromwell bedeutend zur Wiedereinsetzung der Stuarts mitgewirkt haben. Aber eben dadurch, daß der Maçon von Politik und Kirche sich zurückhält, um nicht zu stören, ist ihm ein so größerer und schönerer Wirkungskreis in der Natur eröffnet. Weisen wir die früheren Sagen von Adepten ab, so ist eben jener Elias Ashmole, der einer der frühesten authentischen Maurer der neuen Zeit ist, zugleich als ein Freund der Astrologie und der Verwandlungskunst bekannt genug. Beschäftigen sich also die Universitäten, um die Jugend nicht irre zu führen, mit der Naturwissenschaft in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes, so ist es um so erfreulicher, wenn ein Kreis erfahrner Männer, zum Geheimniß durch Wort und That verbunden, jenen Geist aufsucht und herbeiziehn will, jene Kraft, Wunder zu wirken, die wohl schon sonst auserwählten Sterblichen beigewohnt hat, kurz, sich in dem zu üben und zu vervollkommnen, was gemeinhin Magie genannt wird. Diese Wissenschaft, die Natur aufzuschließen und sie zu verwandeln, ist des Strebens der Edelsten nicht unwürdig. Es ist leichter, sie zu verlachen, als die Meister dieser Kunst und die Anschauungen, die uns entgegen kommen, abzuweisen und zu widerlegen; und namentlich die Kunst des Adepten, Gold zu machen, den Stein der Weisen hervor zu bringen. Die nüchterne Welt kennt nur einen Weg, indem sie die Erzählung von Flamel als Lüge verschreit, was Paracelsus erzählt und ein Mann wie Helmont betheuert, Mährchen nennt, den tiefsinnigsten der Philosophen, Jacob Böhme, nicht anhört und versteht, und Alles, was in unsern Tagen ein erleuchteter Saint Martin begeistert predigt, nur mit mitleidigem Achselzucken beantwortet. Aber ist es denn nun schon unwidersprechlich dargethan, daß uns Saint Germain belog und betrog? Die Kunst, Gold aus andern Metallen zu machen, scheint so nahe zu liegen, da wir so viele Verwandlungen hervor bringen können. Sie soll ja nur den Meister beurkunden, ihm seinen Meisterbrief schreiben, als einen Beweis, daß er die Natur bezwungen hat, und sie beherrscht. Die moralische Besserung und Vergeistigung des Menschen ist die höhere Kunst des Adepten. Aber Wunder zu glauben, in der Vorzeit, um Religionen und Heilige zu bekräftigen und ihrem Wirken Glauben zu verschaffen, und anzunehmen, daß diese Kraft erlöschen müsse, und in unsern Tagen und niemals wieder erweckt werden könne und dürfe, heißt, um mich gelinde auszudrücken, auf das Mindeste sehr inkonsequent glauben und lehren. Mein Freund Seebach kennt meine Ueberzeugung, die ich hiemit wiederhole. —

Jetzt nahm Sangerheim, der Reisende, wieder das Wort: Wie die Kunst der Verwandlung das eine Unterpfand des Maurers und Meisters ist, so ist die Macht über die Geister die zweite Beglaubigung, daß er Bahn gewonnen, und den Sieg im Laufe errungen hat. Diese Hoheit ist dem ächten Schüler der Weisheit seit uralten Zeiten überkommen, von alten Meistern und Obern, und jeder Lehrling, der sich in der Prüfung würdig erweiset, kann dies Siegel der Vollendung erringen. Wenn die Rosenkreuzer diesem hohen Berufe nachstreben, so ist es löblich, erringen sie ihn, dann ist ihre Kunst und ihr Weg der wahre. Er ist aber nicht der meinige. Doch werde ich den würdigsten Brüdern, die schon erfahren sind, gern, wenn sie Glauben und Vertrauen haben, die Weihe nach Graden der Prüfung zukommen lassen. Doch bin ich hierin ganz der entgegengesetzten Ueberzeugung des Herrn von Seebach. Ein einziger Grad ist keiner; was diese Freimaurerei will und soll, kann Jeder am besten isolirt und ohne alle Verbindung erlangen.

Schmaling sah begeistert aus und drängte sich an den Fremden, auch der Arzt Huber gab ihm die Hand. Auf der Seite des Rathes blieben der Obrist, der Gelehrte und Anton. So war in dieser kleinen Gesellschaft ein Gegensatz von Meinungen, die sich auf keine Weise vermitteln ließen.

Man trennte sich, und beim Abschiednehmen bat der geheime Rath den Fremden, der so große Dinge ankündigte, noch etwas zu verweilen. Er trug ihm seine Verlegenheit vor in Ansehung des verlornen Dokumentes und schloß dann: Getrauen Sie sich wohl, durch Ihre übernatürliche Wissenschaft, deren Sie sich rühmen, mir diesen Bogen, an dem mir so viel gelegen ist, wieder zu verschaffen?

Sangerheim, der bisher in der Gesellschaft bescheiden in Wort und Haltung gewesen war, richtete sich jetzt stolz auf und sah den Rath mit einem kühnen Blick von oben herab mit seinen feurigen Augen an und sagte: Ist dies nur eine leere Erfindung, um mich zu prüfen, so dürfte es schlimm für Sie ausgehn, wenn ich jene Kräfte für diese Unwahrheit in Thätigkeit setzte; ist es Wahrheit, was Sie mir sagten, so verspreche ich Ihnen meine Hülfe.

Seebach erzählte ihm umständlicher die Sache, den Inhalt des Dokumentes, wie lange er es besessen, und daß es jetzt zur günstigen Entscheidung des Prozesses unentbehrlich sei. Ich glaube Ihnen, sagte Sangerheim, und spreche Sie morgen Nachmittag in der vierten Stunde.

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Am folgenden Abend war der Rath im Kreise seiner Familie, kein Fremder war zugegen, auch Schmaling fehlte. Es war sichtbar, daß er nachdenkend war und an den Gesprächen der Uebrigen nur wenigen Antheil nahm. Der Obrist sagte endlich, als er in die Fröhlichkeit der Uebrigen nicht einstimmte: Was ist Ihnen, Lieber? Wir fangen uns an zu ängstigen; theilen Sie uns Ihren Kummer oder Ihre Leiden mit.

Es ist nichts dergleichen, erwiederte der Vater, ich sinne nur darüber nach, wie man so nach und nach alt wird, und doch niemals ausgelernt hat. Ich glaubte über Alles, was man Wunderglauben nennt, hinaus zu seyn, und war selbst in meiner Jugend dieser Schwachheit nicht ausgesetzt: und nun berührt mich Etwas so stark, daß ich mich vor mir selber fürchte, wenn der Ausgang sich so ergeben sollte, wie er mir ist versprochen worden.

Die Mutter und Tochter sahen sich mit bedeutenden Blicken an, Anton war gespannt und der Obrist sagte: Nun, Werthester, was ist Ihnen versprochen? Dürfen Sie es uns mittheilen?