Es ist mir nicht verboten worden, erwiederte der Vater. Gestern, als wir uns trennten, erzählte ich dem Fremden von dem verlornen Dokument. Er schien erst unwillig, weil er die Sache für Erfindung hielt, ihn auf die Probe zu stellen. Wie er meinen Ernst sah, versprach er mir heut Nachmittag Antwort zu geben. Er erschien, und seine erste Frage war, ob ich nicht in der Stadt noch ein andres Haus besäße. Ich bejahte, wir gingen hin und er betrachtete die Zimmer und den Saal, welche leer stehen, da ich immer noch unentschlossen bin, ob wir hinüber ziehn. Er ließ sich ein drittes Zimmer aufschließen, eilte hinein, und indessen ich noch draußen verweilte, und die Gemälde betrachtete, hörte ich drinnen Geräusch, wie von verschiedenen Menschen, auch Stimmen durch einander. Ich eilte durch die offenstehende Thüre, und fand meinen Fremden allein in der Mitte des Zimmers, tief sinnend. Er bemerkte mich erst nicht, dann sagte er: Gehn wir morgen in der Mittagsstunde, zwischen Zwölf und Eins, wieder hieher, und ich hoffe Ihnen etwas Bestimmteres sagen zu können. Wir verließen das Haus, und ich fragte ihn, ob er es erlaube, daß uns noch Jemand begleite. Sehr gern, erwiederte er, nur bitte ich, dem jungen Herrn Schmaling vorerst nicht die Sache mitzutheilen, oder ihn zum Begleiter zu wählen, er ist zu heftig, er schwärmt und würde mich stören; vielleicht geht Ihr zweifelnder Sohn mit uns. — Seht, Freunde, das ist mir heut begegnet, und Ihr müßt gestehn, daß, wenn dieser Mensch ein Betrüger ist, er einen neuen und originellen Weg erwählt.

Aber wie ein Betrüger? sagte der Obrist: wenn er Ihnen wohl morgen schon das Dokument schafft, oder Ihnen eine bestimmte Antwort giebt.

Das wird er eben nicht thun, antwortete der Rath, er wird morgen mit einer neuen Zweideutigkeit mich abfertigen, mich wieder auf einen andern Tag vertrösten, und, wenn er meine Leichtgläubigkeit, oder meinen Charakter bei dieser Spannung beobachtet und kennen gelernt hat, mich mit diesen oder jenen Mährchen abspeisen, von denen er glaubt, daß sie mir zusagen. Alles das sage ich mir und wiederhole es mir, und doch kann ich es mir nicht leugnen, daß ich ungeduldig die Stunde des Wiedersehens erwarte, daß ich mir jenes seltsame, unbegreifliche Geräusch in der Erinnerung wiederhole, und darüber sinne. Es war, wie von vielen Menschen, wie Zank und Streit, ja Thätlichkeit, verschiedene Stimmen antworteten sich heftig, so daß ich erstaunt die halb angelehnte Thür öffne, in der sonderbaren Erwartung, viele fremde, heftige Menschen in Gezänk in meinem verschlossenen Zimmer zu finden, und ihn doch nur allein still in der Mitte des Raumes stehen fand. Es war Tag, nicht Mitternacht, keine Vorbereitung war vorangegangen, ich kenne das Haus und er nicht, — wie soll man darüber denken?

Lassen wir es, sagte Anton, bis morgen; die Stunde ist nicht so gar entfernt, und erlauben Sie mir, Sie zu begleiten.

Keine Kreise gezogen? fiel der Obrist ein: kein Zauber-Apparat? keine Citation? Sonderbar genug. Jenes habe ich auch einmal in meinem Leben gesehn und mitgemacht, und es wies sich nachher als Betrügerei aus, aber man hatte uns, die wir zugelassen wurden, durch Geheimniß, Rauchwerk, Gebet, Fasten und Kasteiung so exaltirt und betäubt, daß unsere Imagination dem Magus schon auf drei Viertheil seines Weges entgegen ging.

Als die Mutter in der Nacht mit der Tochter bei einer häuslichen Arbeit verweilte, sagte sie: Ich kann Dir nicht beschreiben, wie widerwärtig mir diese Geschichte ist, die sich da anspinnt. Wir waren einige Jahre so ruhig, und nun wird Dein Vater wieder in solche Verwicklungen und Gedanken hinein gezogen, die ich auf immer für abgethan hielt. Er meint, er hat Alles überwunden, und läßt sich immer wieder von Neuem anlocken. Was ist es nur im Menschen, das der Vernunft zum Trotz, auf die sich die Meisten doch so viel einbilden, immer Herz und Phantasie in das Seltsame und Unbegreifliche hinüberzieht. Ich habe noch keinen Menschen gekannt, der nicht abergläubig gewesen wäre.

Möchten sie es doch, antwortete Clara, denn ich bin es auch; und wie kann man sich gewissen Wahrnehmungen oder Eindrücken mancher Träume, den Vorahndungen und dergleichen entziehn; wenn sie nur nicht mit ihrer scheinbaren Philosophie so bedeutende Schlüsse aus Kindereien zögen, und so schwerfällige Systeme darauf erbauten. So Vieles im Leben hat nur dadurch einen Sinn, daß es eben mit nichts Anderm zusammenhängt, daß es Nichts bedeutet. Sie wären aber im Stande, in einem Seufzer oder Kuß das ganze Universum zu lesen, und die Ewigkeit der Höllenstrafen daraus zu beweisen. Nun, meinen Schmaling werden mir die Geisterseher schön zurichten. Wären die Menschen doch nur damit zufrieden, ihren eignen Geist kennen zu lernen. Weil es aber da eben hapert, so sind sie freilich gezwungen, so viele fremde herbei zu zitiren, um den eignen zu verstärken.

Am Morgen waren Alle beim Frühstück sehr einsylbig. Selbst Anton konnte sich nicht verbergen, daß er in einer Spannung sei, die seinem Wesen sonst ganz fremd war. Gegen zwölf Uhr erschien Sangerheim. Unterwegs sagte er: Ich bitte Sie, von dem, was Sie vielleicht sehn werden, nicht zu laut und gegen Jedermann zu sprechen. Was geht die Menge und das unwissende Volk unser Wesen an?

Das große Haus des Rathes lag in der Vorstadt. Es stand leer, weil die Familie Willens war, hieher zu ziehn. Dies hatte freilich sein Beschwerliches, wenn Seebach sein Amt nicht aufgab. So war es geschehn, daß man es in dieser schwankenden Unentschlossenheit seit Jahren nur selten besucht hatte. Der Rath öffnete und verschloß hinter sich die Thüren wieder. Im Saale angelangt, ging Sangerheim wieder in jenes Zimmer, in welchem er gestern schon gewesen war. Er ließ die Thüre hinter sich halb offen, Anton und der Vater blieben im Saal. Plötzlich hörten beide ein verwirrtes Getöse, wie Schlagen an den Tapeten und Degenklirren, dann Gespräch, Gezänk, Hin- und Widerreden verschiedener Stimmen; auf verschiedene Fragen, die der Magus that, hörte man ein bestimmtes: Nein! nein! Es geschieht nicht! näher und ferner ertönen. Endlich erfolgte ein Knall, wie von einer Pistole; Beide stürzten in das Zimmer und der Magus stand in der Mitte, in heftiger Bewegung und erhitzt. Er faßte die Hand der Eintretenden und sagte: Nur bis heut Abend lassen Sie mir Zeit und ich sage Ihnen Gewißheit. Noch widerspricht man mir, man will nicht nachgeben, aber es wird sich ändern, wenn ich in meiner Wohnung noch eine Operation vorgenommen habe. Sie trennten sich und Anton wie der Rath kamen nachdenklich zu ihrer Familie zurück, die sie mit Aengstlichkeit erwartete.

Anton sagte: Der Mann ist ein recht künstlicher Taschenspieler, der einige neue Stücke gelernt hat, die die Uebrigen noch nicht wissen. Man schwört darauf, daß man verschiedene Menschen oder Geister vernimmt, man hört ein Rauschen und Schwirren, Rasseln und Prasseln, wie ein Handgemenge, endlich sogar einen bestimmten Pistolenschuß, aber es ist kein Dampf oder Geruch vom Pulver zu spüren. Das Unkluge bei dieser Geschicklichkeit scheint mir nur darin zu bestehn, daß er sich immer so kurze Termine setzt, so daß sich seine Vertröstungen schnell wiederholen und bald ermüden müssen. Mit den beiden Kunststücken von heut und gestern hätte er uns wenigstens einige Wochen hinhalten können.