Sie wissen ja, antwortete der Rath, wie der Mensch ist. Hier diesen Schrank, die Zimmer des Hauses hier kehrte ich mehr als einmal um, ich suchte mit Heftigkeit an allen unmöglichen Orten, war aber so fest und unwidersprechlich überzeugt, daß ich das Heft von dort nach der Stadt genommen hatte, daß ich mich selbst über die Frage als wahnsinnig verlacht haben würde, ob der Schrank es noch bewahren könne. Und außerdem — — der Rath zögerte, und als der Obrist in ihn drang, fuhr er fort: Lieber Vater, jene Wand enthält außerdem alle Beweise und Erinnerungen meiner jugendlichen Schwärmereien und Thorheiten, viele Arbeiten, die ich als Schüler dieses und jenes geheimen Ordens entwarf, Abschriften aus seltenen Büchern, kabbalistische Rechnungen, Recepte zur Tinktur, und was weiß ich Alles. Eins jener tollen Blätter hatte sich zufällig hieher verirrt, das ich jetzt an eine andre Behörde geschickt habe, wo man es vielleicht mehr achten wird, als hier geschah. Diesen Wust habe ich seit Jahren nicht angesehn, weil mir davor graut. Denn, gestehe ich’s doch, ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, daß ich nicht hie und da lesen und wieder lesen sollte, wenn ich mich einmal der Truhe nähere. Und bezwingt mich auch das Material des verwirrenden Inhalts nicht, so ängstige ich mich doch mit Recht, mich wieder in alle jene Stimmungen und Zustände zu versetzen, in welchen ich jenes Zeug zusammengeschrieben habe.

Der Wagen fuhr vor, und der Rath, Anton und der Obrist stiegen ein. Als sie allein waren, warf sich Clara der Mutter, heftig weinend, an die Brust. Wie ist Dir, mein Kind? fragte die Mutter. Ach, Liebste! erwiederte Clara, Sie werden mich vielleicht schelten, daß ich bei diesen Sonderbarkeiten, bei diesen Dingen, die uns Alle so gewaltsam aufregen, etwas recht Albernes sage. Ich kann Alles das nicht leiden. Sie sehn, wie gemein es klingt, aber ich kann keinen andern Ausdruck finden, mag ich auch suchen, wie ich will. Wenn das Alles ist (und es ist ja vor unsern Augen da, wir können es nicht mehr ableugnen), so ist mir das Leben selbst widerwärtig. Mir entgeht alle Sicherheit, alle Lust zu denken und zu handeln, denn meine Freude war es eben, daß Alles so unbewußt sich bewegt und genießt, daß jedes Gefühl, jeder Gedanke um sein selbst willen da ist. Nun soll Alles Zusammenhang haben, sich geistig auf einander beziehn. Es ist mir unerträglich, so mit Gespenstern in innige Verbindung zu treten. Gespenst! Ist denn so was nicht der ächte Gegensatz, der völligste Widerspruch mit Geist? Sehn Sie, Liebste, das Alles handthiert nun so gewaltsam in meinem Innern, daß ich lieber gleich im Fieber selbst phantasiren möchte, als von diesen Sachen hören: und nun gar sie erleben müssen!

Tröste Dich, beruhige Dich, mein Kind, sagte die sorgende Mutter, Du sprichst schon, wie im Fieber. Ich glaube Dich zu verstehn, und doch scheinen mir Deine Ausdrücke zu herbe. Alles, was Du so schmähst, macht ja für viele verständige Männer den Reiz des Lebens aus. Wie Vieles würde mancher der Besten darum geben, wenn er sich durch dergleichen Wunder überzeugen könnte, die uns geboten worden, und die wir so wenig suchten, daß man sie uns aufdrängen muß.

Das ist es eben, sagte Clara: ich kann mir keine Vorstellung davon machen, wie steppendürre, wie öde es im Geist und Herzen solcher Menschen aussehen muß, die sich dergleichen wünschen, die ihm nachjagen können. Ein heitrer Blick aus dem lieben, unschuldigen Auge des Kindes, seine Kartenhäuserchen, die es mühsam erbaut und lachend wieder umwirft, jedes Geschäft des Hauses, Backen und Nähen und Stricken, der Handlanger, der mit dem Schweiß seiner Arbeit seine Familie ernährt, o nennen Sie, was Sie wollen, auch das Allergeringste, es ist ja ehrwürdiger und edler, als es diese Raritäten sind, die sich so vornehm anstellen. Möchten doch lieber diese zwanzigtausend Thaler verloren gegangen seyn, als daß sie wiederkommen, und uns dieses Irrsal mit in das Haus schleppen.

Ich kann Dir nicht ganz Recht geben, Tochter, sagte die Mutter: mir graut auch vor der Sache, aber dankbar müssen wir dem Manne doch seyn, wenn wir durch ihn um so viel reicher werden.

Nein! rief Clara, wenn ich es nur hindern könnte. Ich habe immer über unsern Consistorialrath gelacht, zu dessen Christenthum der Teufel eigentlich die nothwendigste und unentbehrlichste Person ist, aber jetzt bin ich der Meinung des heftigen frommen Priesters. Nur der Satan bringt diese Künste hervor, und Jeder, der sich damit einläßt, ergiebt sich ihm. Die Langeweile plagt natürlich den alten verdammten bösen Geist, und da weiß er sich nun keinen bessern Zeitvertreib, als die Menschen durch allerhand Blendwerk dumm und konfus zu machen. Es wird schon so seyn. Diese fatalen Beschwörer glauben ihn zu beherrschen, er spielt mit ihnen, wie die Katze mit der Maus, und nachher sehen sie denn mit Entsetzen, daß sie immerdar in seinen Stricken und seine leibeignen Knechte waren. — Ach! und mein Schmaling! der ist nun auch so ein kleiner goldner Fisch, den sich die Unbarmherzigen mit ihren eisernen Haken herauf angeln und über sein Bluten nur lachen. Welch hartes, sonderbares Schicksal, daß mich eine Leidenschaft zu einem Manne ergriffen hat, den ich eigentlich nicht ganz achten kann. Ich liebe ihn und gebe ihm mein ganzes Herz, ich fühle es, ich kann ohne ihn nicht seyn und leben, — und doch widerstrebt mir so Vieles in seinem Wesen: Sie werden sehn, dieser Blutsauger, der Sangerheim, macht mir mein Liebchen, meinen Auserwählten noch ganz verrückt. — Ich muß wider Willen lachen. Vergeben Sie mir, Mutter.

Sie lachte laut, um nachher um so heftiger zu weinen. Die Mutter, die zwar die sonderbare Gemüthsart ihrer Tochter kannte, wurde doch besorgt, daß sie krank werden möchte, und wollte sie bereden, sich nieder zu legen: Clara wollte aber durchaus die Rückkunft des Vaters erwarten, und erfahren, wie das seltsame Abentheuer geendigt habe. —

Man war in der Vorstadt abgestiegen, um mit einer Laterne in das finstre Haus zu gehn. Die Stimmung der drei Männer war feierlich und der Geheimerath Seebach zitterte, indem er die breiten und widerhallenden Stufen hinauf stieg. Im Saale standen sie still, ruhten und zündeten einige Kerzen an. Sie eröffneten die übrigen Zimmer, gingen hindurch und gelangten endlich vor jenes Kabinet. Ehe der Rath aufschloß, sagte er zu seinen Begleitern: Ich muß Euch bitten, Theure, wenn ich den Wandschrank eröffnet habe, und nach jenen Blättern suche, daß Ihr mich ganz allein gewähren lasset, weil ich nicht wünsche, daß Sie, lieber Vater, und noch weniger mein Sohn, Etwas in jenen Skripturen lesen mögen, die so Vieles enthalten, das ich jetzt selbst ganz vergessen habe. Der Rath schloß auf. In dem kleinen Zimmer, das, wie alle übrigen, lange nicht geöffnet war, war ein seltsamer Dunst. Der beklemmte Rath öffnete das Fenster, ein frischer Luftstrom zog herein, und man vernahm das Flüstern der Linde und das Rauschen des Holunderbaumes, die dicht vor dem Fenster standen. Ist es Euch so seltsam, wie mir, zu Muthe? fing der Rath wieder an. Mir dünkt, es kommt mir jetzt schon viel weniger darauf an, diesen bedeutenden Theil meines Vermögens zu retten, als nur die Wahrhaftigkeit jenes wunderbaren Mannes bestätigt zu finden: ob ich gleich von ihr schon überzeugt bin.

Er drückte an die ganz glatte Wand und sie eröffnete sich. Oben in der Mauer standen einige Geräthe und Gefäße, die auch eine magische Bedeutung haben mochten. Seebach bückte sich und holte einen schweren Kasten aus dem Behältniß, der Briefe, Bücher, Maurer-Symbole und dergleichen enthielt. Er ließ, indem er in den Verschlag trat, den Sohn hinein leuchten. Man sah Nichts, und nur der Vater konnte den künstlichen Schieber finden, der zurückgedrängt wieder eine andere geräumige Oeffnung entdeckte. Gleich oben lag das vermißte Dokument und ein großer Zettel daneben, auf welchem mit großen Buchstaben stand: Das Dokument über die zwanzigtausend Thaler findet sich in meinem geheimen Wandschrank, unten, im Hause der Vorstadt. — Es war auch hinzugefügt: Sollte ich auf der Reise sterben, so suche man — und hier war genau für den Fremden beschrieben, wo man die Feder und den Schieber entdecken könne.

Seht, Freunde, rief der Rath, dieses Blatt wollte ich aus Vorsorge in mein Schreibpult legen, um das Dokument ja nicht zu vergessen. Aber die eilige Arbeit, die Wichtigkeit der Geschäfte, die nahe Abreise machten, daß das Vergessen den Sieg, wie es so oft geschieht, über die Vorsicht davon trug. Für meine Familie, im Fall ich von der Reise nicht zurückkommen sollte, war noch diese genaue Bezeichnung hinzugefügt.