Er übergab das Dokument seinem Sohne, der es sorgfältig in die Brieftasche legte. Hierauf bückte sich der Vater wieder und nahm alle übrigen Papiere aus jenem tiefen Raume, die in mehreren verschlossenen Mappen und sorgfältig zugeschnürten großen Heften enthalten waren. — Was machen Sie da? fragte der Obrist. — Da das Geheimniß des Schrankes, sagte der Rath, jetzt ein öffentliches ist, so will ich alle diese Papiere mit mir nehmen, um sie in meinem Stadthause sicher zu verwahren. — Er trug sie selbst mit Anstrengung die Treppen hinunter und in den Wagen, und wollte sich weder vom Obristen, noch seinem Sohne helfen lassen.
Als sie wieder im Wagen saßen, fing der Rath an: Was soll man nun, meine Lieben, von dieser ganzen Sache denken? — Denken? erwiederte der Sohn, fürs Erste wohl gar Nichts, denn wir haben noch lange an unserm Erstaunen zu genießen. Dann wollen wir uns des Geldes und des gewonnenen Prozesses freuen, und Clara vorzüglich mag dem Magus danken, weil ohne ihn ihre Aussteuer wäre verkürzt worden. Mit dem Zauberer müssen wir auch Freundschaft halten, der unserm Hause geholfen hat. Mit allen diesen Dingen können wir uns eine Weile die Zeit so leidlich vertreiben, denn es scheint mir gefährlich und bedenklich, zu früh über diese Sache denken zu wollen. Haben wir doch genug daran zu thun, sie zu glauben. Und ableugnen läßt sie sich nun einmal nicht.
Ich begreife Deinen Leichtsinn nicht, erwiederte der Vater. Kannte dieser Sangerheim mich und meine Familie? und wenn dies war, konnte er von diesem Papiere wissen? und wenn er davon erfahren hätte, konnte er diesen geheimen Schrank entdecken? Setzen wir auch den noch wunderbarsten und seltensten Zufall, er habe nach mehr als zwanzig Jahren den Tischler gefunden, der ihm diesen Schlupfwinkel verrathen hätte: wie viel Unerklärliches bleibt noch zu erklären? Und wie viel Unnatürliches, Unmögliches muß man schon gewaltthätig zusammen raffen, um nur das Leugnen des Wunderbaren und Unbegreiflichen bis zu dieser Spitze zu treiben?
Darum eben, mein lieber Vater, antwortete Anton, ist diese Entfernung von allem Grübeln, sich aller Gedanken zu entschlagen, was Sie, um mir einen Vorwurf zu machen, Leichtsinn nennen, hier recht an der Stelle. Helfen wir uns doch mit nichts Besserm, als diesem Leichtsinn, der aber auch edler Natur seyn kann, bei den allerwichtigsten, heiligsten und höchsten Dingen, wenn wir uns nicht geradehin der Verzweiflung oder dem Wahnsinn ergeben wollen. Wenn unsre Gedanken vor dem Bilde der Ewigkeit scheu umkehren, oder an der Gottheit und Allmacht des Schöpfers ermatten müssen: — was können wir anders thun, als uns in diesen Leichtsinn retten, der uns so kindlich, so tröstend entgegen kommt? Mag es nicht eben so Pflicht und Weisheit seyn, zu Zeiten gewissen Gedanken auszuweichen, wie es ein andermal unerläßlich ist, sie aufzusuchen, und bis in das Innerste hinein zu ergründen? Nicht jeder Stunde geziemt Alles.
Weisheit! sagte der Alte unwillig; wenn die Unerfahrenheit sie lehren will! — Sie waren angelangt und stiegen zum Wohnzimmer hinauf, in welchem Clara und die Mutter sie erwarteten. Man sprach, erzählte noch, und der Vater sorgte vorzüglich, seine Skripturen in Sicherheit zu bringen. — Der frühe Morgen überraschte sie noch im Gespräch, sie legten sich nieder, um noch einige Stunden zu schlafen, aber Keinem von Allen ward mehr als ein unruhiger Schlummer zu Theil, der sie nicht erquickte.
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Diese Begebenheit, obgleich sich Alle vorgenommen hatten, nur zu den Vertrautesten von ihr zu sprechen, war bald in der Stadt bekannt, und machte großes Aufsehn. Und, wie es zu geschehen pflegt, erzählte man sich den seltsamen Vorfall bald mit den wunderlichsten Zusätzen, indem Jeder glaubte, am Besten von dem Wunder unterrichtet zu seyn. Sangerheim, der dieses gerade hatte vermeiden wollen, war hiedurch sehr verstimmt, und wurde es noch mehr, als er erfuhr, daß der regierende Fürst selbst sich von seinem Rathe Seebach die denkwürdige Sache hatte vortragen lassen. So kam es denn, daß Sangerheim nicht nur zu allen Versammlungen und Gesellschaften sehr gesucht wurde, sondern daß auch am Hofe Nachfrage nach ihm geschah. Alles dies schien ihm sehr gleichgültig, denn er bekannte selbst, nur einen Zweck im Auge zu haben, nehmlich die gewöhnliche Freimaurerei verächtlich zu machen und zu stürzen, zu welcher sich in dieser Provinz die angesehensten Männer bekannten, und die zugleich die größte Achtung genossen. Es gelang ihm auch, die Logen zu stören und verdächtig zu machen, und viele der eifrigsten Brüder zu sich hinüber zu ziehn.
Indem er mit diesen arbeitete, ihnen den Irrthum deutlich machte, in welchem sie bisher gewandelt waren, verschiedene Grade einrichtete und geheimnißvolle Weihungen vornahm, mysteriöse Zeichen, Amulete und Gehänge austheilte, deren Deutung er sich vorbehielt, saß der geheime Rath Seebach in seinem Zimmer und vertiefte sich in jenen Schriften, die ihm seine leidenschaftliche, sonderbare Jugend wieder vergegenwärtigten. Er hatte mit Recht die zauberhafte Wirkung dieser Papiere gefürchtet, denn er verlor sich so in Erinnerungen, daß die Gegenwart fast gar keine Gewalt über ihn ausübte. Vieles hatte er ganz vergessen, über Manches dachte er jetzt anders, aber doch erschien ihm Alles in einem andern Lichte, als er erwartet hatte, denn er fand zu seinem Leidwesen, daß die großen Fragen keinesweges so abgeschlossen waren, als er es neuerdings, ohne wiederholte Untersuchung, zu seiner Beruhigung angenommen hatte.
Diejenigen, die den alten Logen treu geblieben waren, sprachen über Sangerheim sehr erbittert, und behandelten ihn, ohne daß sie es beweisen konnten, wie einen Betrüger. Schmaling, so wie der Arzt Huber, die gleich seine eifrigsten Anhänger geworden waren, kämpften mit aufgeregter Leidenschaft diesen Verleumdern entgegen, und die ganze Stadt, die viele Jahre hindurch ruhig gewesen war, nahm heftig Parthei für und gegen den Fremden. Dieser und seine Freunde bemühten sich, den elenden Zustand der neueren Maurerei und das Unwesen der Logen in das grellste Licht zu stellen. Man berechnete, wie viel die Lehrlinge, deren keiner abgewiesen wurde, jährlich einbrächten, wie die älteren Brüder nur dahin strebten, Vorsteher, Redner und Meister vom Stuhl zu werden, um durch diese und andre Würden freien Theil am Schmause zu erhalten. Man zeigte, wie verdächtig die Wohlthätigkeit dieser Maurer sei, und erzählte und wiederholte ärgerliche Geschichten, die allgemeinen Anstoß gaben. Man machte sich lustig darüber, wie sehnsüchtig sie irgend einem Geheimniß entgegen sähen, wenn sich nur irgendwo eins wolle auftreiben lassen; wie gern man es sich, behutsam verpackt, aus England oder Schottland verschreiben möchte, und keine Kosten spare, damit man den sehnsüchtigen Forschern doch nur irgend Etwas zu verheißen hätte. Jene Logen der strikten Observanz hatten aber auch Manches mitzutheilen, was der Wißbegierige und Schadenfrohe gerne anhörte. Man erzählte: dieser Sangerheim sei nichts anders als ein Spion, von einer großen Macht des südlichen Deutschlands ausgesendet, um in den nördlichen Provinzen Zwiespalt auszusäen, und Mißtrauen zwischen Volk und Regierung zu erregen. Der verhaßte Name der Jesuiten wurde nicht geschont, um ihn und seine Freunde zu bezeichnen und verdächtig zu machen. Man wollte in seiner Wohnung eine weiße Frau, oder vielmehr ein entsetzliches Gespenst gesehn haben, und der neuerungssüchtige Pöbel fügte hinzu, daß Kobolde und Teufel in seiner Wohnung freien Aus- und Eingang hätten. Man scheute sich nicht, zu behaupten, er stelle dem Leben des regierenden Herrn und seiner Familie nach, und es gab keine so abgeschmackte Lüge, die nicht in irgend einem Kreise einen Schwachkopf fand, der sie geglaubt hätte. So sehr diese ältern, aufgeklärten Logen den eindringenden Neuling aber auch haßten, so sehr beneideten sie seine Kenntnisse und Geheimnisse, und wären ihm gern freundlich entgegen gekommen, wenn er ihnen nicht so unverhohlen den Krieg angekündigt hätte.
So war die freundliche Stadt, die sich bis dahin einer schönen Geselligkeit erfreut hatte, von Zwiespalt zerrissen, der sogar viele Familien ergriffen, und die nächsten Freunde und Verwandte einander entfremdet hatte. Wie man stritt und verleumdete, bewies und zankte, die Meinungen hin und her schob, so merkte von Allem Derjenige, der eigentlich die Veranlassung dazu gegeben hatte, der geheime Rath Seebach, am wenigsten von dieser Verwirrung, weil er bei Tage wie in der Nacht fast immer über jenen Papieren sann und brütete, die er aus seinem Schranke gleichsam von Neuem erbeutet hatte. Alle Träume und Wünsche seiner Jugend wurden nun lebendig in ihm, er konnte nicht begreifen, wie er bis dahin alle diese Gedanken und Erfahrungen als Kindereien so unbedingt hatte abweisen können. Er war seitdem gegen seine Familie weit zurückhaltender, und ihn gereute selbst das Wenige, was er seinem Sohne vertraut hatte. Die Mutter klagte, die Tochter trauerte, und der Obrist war verdrüßlich, aber ohne Erfolg. Nur Anton blieb in seiner heitern Laune und sagte: Was wollt Ihr? Mein Vater verjüngt sich wieder; ist denn das nicht ein Glück, welches wir gern unsern Geliebten gönnen, und es ihnen immerdar wünschen? Warum sollen wir denn unsre Erfahrungen auch nicht einmal von rückwärts erneuern? Zum Kindischwerden hat es mit meinem lieben Alten noch Zeit, aber die Kindlichkeit ist ja fromme Tugend und ein Glück der Erde.