Er ging dem verdächtigen Sangerheim aus dem Wege, so oft er diesem begegnete. Und dazu fand er oft Gelegenheit, denn so wenig der Magier auch zur Familie gehörte, so besuchte er sie doch täglich, und oft kam er zweimal am Tage, um den Herrn des Hauses zu sehn, und sich mit diesem einzuschließen. Sie arbeiteten dann, lasen, schrieben, und man wollte in der Familie sagen, daß sie gemeinschaftlich magische Operationen vorgenommen hätten.
Als unmittelbar nach jener Nacht der geheime Rath sich dem Unbekannten hatte dankbar erzeigen wollen, sagte dieser: Demüthigen Sie mich nicht, verehrter Bruder, durch ein solches Anerbieten. Ich habe, was ich brauche, und es wird mir nicht leicht fehlen. Sollten sich irgend einmal die Verhältnisse anders gestalten, so werde ich mich mit Vertrauen zuerst an Sie wenden, und Sie werden mir dann meine Bitte nicht abschlagen.
Als der Rath ihm von Neuem seine Dankbarkeit ausdrückte und zugleich den Wunsch aussprach, ihn näher kennen zu lernen, erwiederte der Fremde: Was ich von mir weiß, oder Ihnen sagen darf, will ich Ihnen, geliebter Bruder, gern mittheilen, denn wir verstehn den Freund um so besser, wenn wir seine äußere Geschichte, die Umrisse seines Lebens ebenfalls vor uns sehn. So wissen Sie also, daß ich im Jahr 1745 geboren bin, und zwar in Paris. Mein Vater war nichts Geringeres, als ein Prinz von königlichem Geblüt, aber meine Mutter war eine Bürgerliche, die sich durch schöne Worte, Versprechungen, vorzüglich aber durch die einnehmende Gestalt meines Vaters hatte täuschen lassen. Ich wurde gut erzogen, und der theuerste Lehrmeister für jede Kunst und Wissenschaft mir gehalten. Mein Vater hatte große Freude an mir, und verzog und verzärtelte mich. Das ist das größte Unglück, das einem Kinde meiner Art widerfahren kann, denn in spätern Jahren wird es doch wieder in die Bahn zurückgewiesen, in die es nach den Einrichtungen der Welt gehört. An einem sittenlosen Hofe war meine Abstammung eines jener öffentlichen Geheimnisse, das alle Welt kennt und belacht, und eben so Jeder, wenn es ein ernstes Wort gilt, verleugnet. Ich hatte oft das Glück, den König zu sehn, der zuweilen so mit mir spielte, als wenn er selbst ein Kind gewesen wäre. So lange man als Kind hübsch und artig ist, wird man über die Gebühr von Weibern und Mädchen bewundert; treten die Jahre ein, in denen sich der Knabe streckt und auswächst, so wird er von verwöhnten Menschen um so mehr übersehn, wohl gar verfolgt, und das Beste im Kinde wird verhöhnt, wie früherhin das Gleichgültigste vergöttert ward. Auch diese Erfahrung mußte ich machen, so wie späterhin die noch schlimmere, daß mein Vater, der sich mit einer jungen tugendhaften Dame vermählte, nachdem er einige Jahre als Wittwer gelebt hatte, mich aus Engherzigkeit und mißverstandener Moral verleugnete. Damals bemächtigte sich eine tödtende Bitterkeit meines jungen Herzens. Nachher ging mein Haß in Verachtung über, und ich vermied, wie ich nur irgend konnte, den Anblick des Prinzen. Ich erhielt eine Stelle beim Regiment, ward Lieutenant, Hauptmann, Obrist, und man ersparte mir sogar den Dank für diese Wohlthaten und Auszeichnungen.
Die Maurerei war in Frankreich etwas so Gewöhnliches, daß jeder junge Mann von Welt und Erziehung zur Brüderschaft gehören mußte. Es war fast nicht mehr, als wie man eine Loge im Theater nimmt. Der Krieg brachte mich nach Deutschland und ich lernte hier einige ernstere Brüder und ein tieferes Forschen kennen. Als aber mein Wissenstrieb erwachte, konnte mir Keiner eigentlichen Bescheid geben. Jeder hoffte vom Andern das zu erfahren, was er so schmerzlich entbehrte, und was Jeder nur ungern, und endlich mit Scham gestand, nicht zu besitzen. Ich ging durch alle Grade, durch alle Sekten, hatte viele hochklingende Namen, vielerlei Kreuze und Kleidungen erworben und als aufmunternde Amulete erhalten, aber eigentlich Nichts erfahren. Das Sonderbarste war, wenn ich mich erforschte, daß ich eigentlich selbst nicht wußte, was ich denn nun wissen wollte. Jenes leere Ideal, jener nüchterne Cosmopolitismus, den Sie uns neulich schilderten, war mir freilich auch von Einigen gepredigt worden, aber er konnte meiner brennenden Wißbegier am wenigsten genügen. Wenn wir sehn, wie uns durch mechanische Kunst die Thiere gehorchen, wie der Wind das Segel schwellt und dem Schiffer dient, wie das Feuer uns die Berge und ihre Metalle zu leibeignen Vasallen macht, und eine arme Mischung von Kohlenstaub, Salpeter und Schwefel uns Mauern und Thürme niederwirft, so meinte ich, der so vorgeschrittne Mensch dürfe auch in das Geisterreich seine gebietende Hand hineinstrecken, und auch die Kräfte müßten ihm gehorchen, die man nur gemeinhin die unsichtbaren und unbekannten nennt, weil Keiner das Auge dreist erhebt.
Aber nirgend fand ich Rath und Hülfe. Auch in England nicht; gewissermaßen hier am wenigsten. Ich kam auf die Vermuthung, die sich mir späterhin als Wahrheit bestätigt hat, daß alle diese Menschen von Klügeren mit Spielwerk und nüchternen Reflexionen, oder Symbolen der ehemaligen Tempelherrn nur hingehalten werden, damit sie ja nicht erwachen und das wahre Licht erkennen. Nach dem Frieden verließ ich den Dienst und Soldatenstand, und nur meine Sehnsucht, so wie die Verehrung der Kunst trieb mich nach Italien.
Hier nun war es, vorzüglich in Florenz und Rom, wo mein Leben in eine so andre, bis dahin nie geahndete Bahn gerieth, daß ich Ihnen, geliebter Bruder, wenigstens für jetzt, von den Erfahrungen, die ich machte, von den Erkenntnissen, die mir mitgetheilt wurden, Nichts offenbaren darf. Aber die Zeit wird kommen, ich sehe sie schon vor mir dämmern, wo ich Ihnen Nichts mehr zu verschweigen brauche. Als ich nach Frankreich zurück kam, bemerkte ich, wie Saint Martin und seine Schüler Manches in der Ferne gesehn haben, wie Fludd und die deutschen Rosenkreuzer nicht zu verwerfen sind, und wie vorzüglich ihr großer Jacob Böhme oft fast unmittelbar an das Centrum des heiligen Geheimnisses geräth, von dem auch Paracelsus und der tiefsinnige van Helmont schon einen Anblick, wie durch einen fliehenden Nebel hatten. Diesen großen Männern fehlte Nichts, als Bekanntschaften in Italien, wie sie mir ein günstiger Zufall verschaffte, um schon in der Kunst die höchste Stufe zu ersteigen. Ich bin auch überzeugt, daß hie und da ein Deutscher, weil diese Nation vielleicht das größte Talent zum Tiefsinn besitzt, wohl das Mysterium gefunden hat. Es Unwürdigen mittheilen, ist die größte Sünde, und deshalb sind Prüfungen verschiedener Art und mancherlei Grade nothwendig.
Der Rath Seebach schien im Wesentlichen mit diesen Ansichten übereinzustimmen. Er theilte dem neugewonnenen Freunde viele jener jugendlichen Schriften, Auszüge und Bemerkungen mit, und Sangerheim sagte nach einigen Tagen: es ist, verehrter Bruder, wie ein Wunder, daß Sie in Ihrer Jugend schon so sicher auf dem richtigen Wege gingen, sich aber doch zu bald durch Schwierigkeiten und einige Blendwerke, die ihnen die Meister wohl absichtlich entgegen schickten, zurück schrecken ließen. Wer so früh so vorgearbeitet hat, dem muß es im reifen Alter ein Leichtes seyn, auch das Allerhöchste zu erringen.
Der Obrist, der sich zurückgesetzt fand, war mürrisch und verdrüßlich, und es gelang dem wunderbaren Gaste nur schwer, ihn wieder zu gewinnen. Als dies geschehn war, arbeitete der Greis, um auch Vorschritte zu machen, um so eifriger. Schmaling, der dem Magier ganz ergeben war, fühlte sich in Gegenwart seiner Geliebten nicht mehr so heiter und froh, als ehemals, und der Arzt Huber war glücklich, daß er endlich einen Bruder gefunden hatte, der Talent und Einsicht genug besaß, sein System, dessen Anhänger er schon lange war, dem Geheimenrathe gegenüber so geltend zu machen, daß dieser selbst sich dazu schon halb bekannte.
Der weibliche Theil der Familie war in tiefer Trauer, denn Clara’s scharfes Auge bemerkte sehr gut die Veränderung, die mit ihrem Geliebten vorgegangen war. Er sah sie selten, und wenn er in ihre Nähe kam, war er tiefsinnig oder zerstreut. Ihn ergötzte kein Spaziergang mehr, kein Gespräch konnte ihn aufheitern, so sehr war er seinen seltsamen Forschungen hingegeben. Die Gesellschaft Antons vermied er mit auffallender Aengstlichkeit, weil dessen Scherz ihn einigemal verwundet hatte. Welche reizbaren Geister, sagte dieser zur Schwester, müssen es seyn, die durchaus gar keinen Spaß verstehn? Könnte man sich dergleichen Unsterbliche wohl zu seinem Umgange wünschen? Ich wenigstens gewiß nicht. Aber unser Schmaling muß, ich weiß nicht welchem trübsinnigen Elfenkönig, den feierlichen Eid abgelegt haben, niemals wieder zu lachen. Und wenn der junge Mann doch nur einsehn wollte, wie schlecht ihm diese Feierlichkeit zu Gesichte steht. Er ist, wenn er lacht und heiter blickt, zehnmal so liebenswürdig. Fährt er aber so fort, so bekommt er Runzeln und Falten, wie ein Rhinozeros. Solche Stirnrunzel sieht aus, als wenn ein ganzer Acker fruchtbarer Erde aus dem Kopfe genommen wäre. Es sind die wahren Lückenbüßer, die andeuten, wie alle Gedanken entflogen sind. Die Stirn hat immer, so wie sie es merkte, nachgeschnappt, um festzuhalten; so sind diese Gruben geworden.
Mir ist Dein Scherz zuwider, sagte Clara, denn ich sehe das Glück meines Lebens gestört. Dieser unglückliche Besuch hat Alles geändert und der aufgereizte Schmaling bedurfte nur einer solchen Veranlassung, um sein ganzes Wesen umzuwandeln.