Sei über ihn beruhigt, antwortete der Bruder, ich habe schon dafür gesorgt, daß er wieder curirt werden soll. Mir ist ein Mittel beigefallen, das ich für untrüglich halte.
Wenn es nur, erwiederte die Schwester, durch diese Cur nicht noch schlimmer wird, wie es wohl zuweilen der Fall ist. Wer kann überhaupt wissen, was noch aus Arzt und Kranken wird.
Um mich darfst Du unbesorgt seyn, sagte Anton, laut lachend, denn mein Wesen ist zu prosaisch, um sich umstimmen zu lassen.
Wir erleben, antwortete die Schwester, so Manches, was wir nicht erwarteten. Bist Du Deiner so gewiß?
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Die Gegenwart Sangerheims hatte in allen Gemüthern Empfindungen, Ansichten und Neugier aufgeweckt, alte Erzählungen wieder neu in Umlauf gebracht, die man schon vergessen hatte, und es war kein Haus, in welchem nicht Meinungen behauptet und bestritten wurden. Die Maurer der vorigen Tage waren in das größte Gedränge gekommen und viele, und zum Theil die angesehensten, hatten den Fremden für ihren Meister anerkannt. Als der Gelehrte sah, mit welchem Eifer man für und wider kämpfte, vorzüglich aber als er bemerkte, wie die Familie seines alten Freundes in Verwirrung gerathe, nahm er sich vor, Etwas zu thun, um die vorige Ruhe und Behaglichkeit wieder her zu stellen. Man hatte ihm erzählt, wie sehr der Rath sich an den verdächtigen Fremden schließe, und wie dies nicht allein Frau und Tochter betrübe, sondern ihm vom Minister und dem Fürsten selber nicht gut ausgelegt werde. Ferner sagte eines Tages zu Anton: dieser Trieb in uns, ohne welchen wir kein Interesse an Wissenschaft und Geschichte nehmen könnten, muß sorgsam bewacht und gehütet werden, wenn er den Geist nicht in Gegenden verlocken soll, in denen aller ächte Trieb zum Wissen erlischt. Alle Kräfte in uns sollen im Gleichgewichte stehn und nur dann ist der Mensch gebildet und verständig; darum kann ihn, wie es so oft geschieht, ein überwiegendes Talent unglücklich machen. Die Lust am Geheimniß und Wunder darf auch nur verstärkt werden, wenn Witz und Scharfsinn, Vernunft und Verstand ebenfalls sich beleben. Diese Harmonie des Menschen fällt aber nicht ins Auge, und darum dünkt sie auch oft den Aufgeregten etwas Geringes und selbst Verächtliches.
Anton hatte dem Professor einen Plan mitgetheilt, um Schmaling, der sich am unbedingtesten der Schwärmerei ergab, auf gelinde Weise durch Beschämung wieder zur Vernunft zurück zu führen. Er hatte die Bekanntschaft eines Mannes gemacht, und ihn auch in das Haus seines Freundes, des Professors, geführt, der sich in kurzer Zeit das ganze Vertrauen des Jünglings erworben hatte. Es schien in der That, als wenn dieser Freund, der sich Anderson nannte, Jeden gewinnen müsse, dem er sich nähere; so konnte er durch Scherz und Ernst, Witz und Tiefsinn, Laune und Munterkeit in das Wesen der verschiedensten Charaktere eingehn, indem er bald in jedem Menschen eine Seite auffand, für die er sich interessirte, und so im geistreichen Gespräch den Mitsprechenden klüger und einsichtsvoller machte, als dieser sich sonst erschienen war. Wer dieses Talent besitzt, gewinnt die Menschen am sichersten. In den meisten ist irgend eine Gegend des Geistes fruchtbar, und bringt eigenthümliche Gewächse hervor. Die Natur hatte wohl die Absicht, daß von hieraus die Originalität des Wesens hervorgehn, und das Individuelle desselben sich geistreich ausbilden sollte. Aber unsre Erziehung, einförmige und conventionelle Cultur, Geschäfte und Vielwisserei ersticken bei den Meisten schon früh diesen Keim. Die meisten Gespräche werden nur geführt, damit Jeder sich selbst hört, und den Andern so wenig äußerlich wie innerlich zu Worte kommen läßt. Geräth aber ein Menschenkünstler, ein ächter Virtuos, über diese verwahrlosten Instrumente, so weiß er auch den baufälligsten wundersame Töne zu entlocken.
So war Jedermann in der Gesellschaft dieses Anderson klüger und witziger, als für sich selbst, oder im Umgang mit Andern. Er war daher in allen Gesellschaften gern gesehn, die er auch nicht vermied und allenthalben Unterhaltung fand. Sein Aeußeres war eben nicht sehr empfehlend, er war klein und stark, von breiten Schultern, und sein Kopf stand zwischen diesen etwas eingepreßt auf einem dicken Halse.
Durch Sangerheim waren alle früheren Nachrichten von dem großen Wunderthäter, dem Grafen Feliciano, neu belebt worden. Briefe bestätigten von Neuem seine unbegreiflichen und schnellen Heilungen der schwierigsten und tödtlichsten Krankheiten, die die größten Aerzte schon verzweifelnd aufgegeben hatten. Man erzählte sich, wie er in einer großen Stadt des Auslandes in einem Palaste ganz wie ein Fürst lebe, von glänzender Dienerschaft umringt. Kein Armer verlasse seine Schwelle, der nicht reichlich beschenkt würde. Geld achte er wie Spreu, er bedürfe der Gnade keines Königs, denn er habe jüngst einem Staate eine ungeheure Summe geschenkt, um den Fürsten aus einer Verlegenheit zu ziehn. Daß das Auflegen seiner Hand tödtliche Wunden schließe und die hartnäckigsten Krämpfe löse, war nur etwas Unbedeutendes: denn Todte sollte er schon geweckt haben, Abwesende aus fernen Ländern zitiren können, so daß sie den Freunden oder der Familie in sichtbarer Bildung erschienen, so wie er seinem eignen Geiste zuweilen gestatte, aus dem Körper zu wandern, um plötzlich in Asien oder Amerika einem Freunde, der ihn magisch gerufen habe, beizustehn. Daß alle Geister ihm zu Gebote ständen, die guten wie die bösen, bezweifelte Keiner, der mit Vertrauen und Glauben von ihm sprach. — Schmaling, der wenig in Gesellschaft kam, sondern ganz seinen sonderbaren Studien und seinem Meister lebte, war dem merkwürdigen Anderson niemals begegnet, und darum hatte diesem heitern und gefälligen Manne der übermüthige Anton den sonderbaren Vorschlag gemacht, daß er die Rolle des berühmten Feliciano spielen solle, um so Schmaling zu täuschen, und ihn so, indem er einsähe, wie leicht er hintergangen werden könne, in seiner Verehrung Sangerheims irre zu machen. Der muntre Anderson war auf diesen Plan eingegangen, und um so lieber, weil er oft tadelnd von diesem Sangerheim und dessen Arbeiten sprach. Im Hause des Professor Ferner wollte man eine geheimnißvolle Zusammenkunft veranstalten, von der aber der Magus Sangerheim nichts erfahren dürfe.
Ferner war lange diesem Projekt entgegen gewesen. Er sagte auch jetzt: ich bin kein Freund von dergleichen Mystificationen. Sie sind nach meinem Gefühl ganz und gar dem Wesen und dem Anstand einer gebildeten Gesellschaft entgegen. Der Hintergangene hat Ursach, es nachzutragen, und es ist ihm nicht zu verargen, wenn er niemals wieder Vertrauen faßt. Indessen mag eine gute Absicht diesmal die Sache entschuldigen; nur fürchte ich, daß Sie sich mit unserm Schmaling völlig verrechnet haben.