Der Versuch wird immer das Uebel nicht ärger machen, antwortete Anton: auch ist es gerade in der Hinsicht ein glücklicher Zeitpunkt, weil die Freunde Feliciano’s melden, er habe jene Stadt wieder verlassen, um von Neuem eine Reise nach Aegypten zu machen, und aus den Pyramiden viele Mysterien hervor zu suchen.
Man traf noch eine nähere Abrede, und Anton ging, um jenen Anderson, zu welchem er eine große Zärtlichkeit gefaßt hatte, wieder aufzusuchen.
Der Rath Seebach stand oft in seinem Zimmer, vor seinen Papieren, die vor ihm ausgebreitet lagen, und dachte seinem Leben und den wechselnden Empfindungen nach, die ihn in den verschiedenen Perioden seiner Bildung bestürmt hatten. Wohin geht dieser Lauf? sagte er eines Morgens zu sich selbst; dasjenige, was ich als einen festen Besitz errungen zu haben glaubte, droht mir wieder wie Wasser zwischen den Fingern zu entrinnen. Bleibt es doch wahr, daß in jener Nüchternheit, die ich vormals rühmte, die sichre Grundlage des Lebens ruht. Meine Jugend, und alle jene wilden, ungezügelten Bestrebungen überströmen wieder alle Dämme und Ufer, schon beginnt mir der Anblick dessen, was ich so lange als das Schöne und Edle erkannte, Langeweile, Widerwillen und Ekel zu erregen, denn zu unbedeutend, unbestimmt und mittelmäßig dehnt es sich vor mir aus. Hingehalten durch Hoffnungen, eingewiegt mit Versprechungen, aufgeregt durch Winke, und betäubt durch Erscheinungen, die ich sehe, aber nicht begreife, die mich erschrecken, und an die ich doch nicht glauben kann, wird mein Dasein zum Traum. Welch sonderbares Band zieht mich zu diesem fremden Mann, und verknüpft mich ihm: ihm, dem ich mein ganzes Vertrauen schenken möchte, und der in diesen Momenten der Hingebung mich am meisten zurück stößt? Ich sehe, daß er geheime Kenntnisse besitzt, die er mir mitzutheilen verspricht, und mir dennoch vorenthält. Heut ist er ganz Offenheit, morgen lauter zurück haltende Förmlichkeit. In seiner Gegenwart fühle ich das Gelüste, gerade das zu glauben, was meinem Verstande am widersinnigsten erscheint, und wieder überschleicht mich eine Empfindung, daß ich im selben Augenblick ihn und mich verlachen möchte.
Sangerheim traf und störte ihn in diesen Betrachtungen. Sie übersehn, Theurer, sagte er beim Eintreten, indem er die Thür verschloß, wieder Ihre Studien und Erfahrungen. Es ist sonderbar, wie wir Menschen schon so oft in der Jugend das höhere Wort vernehmen, den Ton desselben fassen, und uns späterhin Aussprache und Bedeutung wieder entfliehen können. Doch kehren wir in reifen Jahren mit tieferem Sinn, mit stärkerer Innigkeit zu denselben Wahrheiten zurück, wie es Ihnen geschieht; unbewußt hat die Seele die Geheimnisse ausgearbeitet, und die Glaubensfähigkeit steht gewappnet an derselben Stelle, wo noch gestern Zweifel und Unglaube nackt und wehrlos zitterten.
Gestern, sagte der Rath, haben wir gerechnet und Figuren gezeichnet, die sonderbare Erscheinung, die Sie mir vorführten, überraschte mich; nachdem vernahm ich, indem Sie neben mir saßen, jene Stimme aus dem Zimmer dort, die mir die geheimnißvollen Worte zurief — Alles dieses, Lieber, sehe und erlebe ich; aber ich kann es mir nicht aneignen, es hat keine Bedeutung für mich, es fährt Alles wie leere Phantome, nur erschreckend, mir vorüber. Ich habe genug erfahren, um irre zu werden, aber dieses Räthsel meines Innern, welches sich immer mehr verschlingt, ringt mit allen Kräften meines Herzens zur Lösung hin. Weder in diesen wechselnden Schauern von Licht und Schatten, noch in stiller Resignation kann ich meine Befriedigung finden, und ich fange an, meine Zweifel wieder als die bessere Weisheit aufzusuchen.
Und doch waren wir übereingekommen, sagte Sangerheim mit feierlichem Ton, Sie hatten mit mir die Nothwendigkeit eingesehn, daß es Prüfungen, Grade geben müsse, daß die Geduld die unerläßlichste Tugend sei, um dem Geheimniß näher zu kommen.
Nur eine einzige Frage, und die beantworten Sie mir auf Ihr Gewissen, sagte der geheime Rath eben so feierlich: Können Sie mir bei Gott und allem Heiligen, das Sie glauben, schwören, daß Sie mir irgend einmal, wenn auch später, die Lösung mittheilen wollen, und daß Sie selbst von Ihrem Beruf überzeugt sind?
Ja! rief der Fremde, und erhob die Hand. — Gut denn, sagte der Rath, empfangen Sie dann diese Brieftasche, und in ihr, was Sie wünschten, ich will, ich muß Ihnen vertrauen.
Auch ich, sagte Sangerheim, will mich Ihnen verpfänden, mit dem Theuersten, was ich besitze, mit Allem, was ich Ihnen nur geben kann. Er zog ein Paket hervor, mit seltsamen Zeichen versiegelt und fest in einander geschnürt. Legen Sie, sagte er, hier auch Ihr Siegel an. In diesem kleinen Raum ist Alles, was ich weiß, enthalten; mein ganzes Dasein, Alles, was Sie erfahren wollen, umschließt diese Sammlung. Löse ich sie zu der festgesetzten Zeit nicht aus, sterbe ich vor diesem Zeitpunkt, so fällt Ihnen diese Erbschaft zu und Sie mögen damit schalten nach Ihrer Willkühr.
Der Rath nahm das Paket in die Hand, schlug es ein, überschrieb es mit einer Nachricht, daß dies das Eigenthum Sangerheims sei, versiegelte es und legte es in seinen Schrank. Sich besinnend nahm er es wieder und sagte: doch kommen meine Kinder zuweilen hieher, in jenem Pult ist eine geheime Schieblade. Er trug es hin und indem er es einzwängte, geschah ein Knall, und die Masse selbst erzitterte. Sehn Sie, sagte Sangerheim, Sie sind ohne Noth besorgt, es bewacht sich selbst.