Der Rath hatte sich entfärbt. Sangerheim sah ihn fest an und schien sich an der Verlegenheit des alten Mannes zu weiden, die dieser nicht verbergen konnte, so sehr er sich auch bemühte. Er sammelte seine zerstreuten Skripturen wieder, warf sie in den Schrank und sagte dann: also, Geduld, und bis dahin habe ich mich Ihnen unbedingt ergeben. Es ist wunderbar genug, wir entziehn uns gewissermaßen der Kirche und der Religion des Staates, wir nennen es unsre Weisheit, anders und weniger zu glauben, als der gemeine Mann, — und geben uns im Entfernen vom Hergebrachten und Autorisirten andern viel unglaublichern Dingen hin, und sind zufrieden, nur zu sehn und zu ahnden, ohne daß uns die Lösung gegeben wird, die wir doch in der Religion suchten und forderten.
Richtig bemerkt, erwiederte Sangerheim; ist denn aber dieser Widerspruch nicht vielleicht eine Vorbereitung zu einer ächtern Religiosität, zu einem wahren Glauben? Immerdar, wenn wir uns widersprechen, ist es nur Schein, wir suchen die Bindung, den unsichtbaren Mittelpunkt, der den Widerstreit aufhebt.
Das ist aber gegen die Abrede, erwiederte der Rath, daß ich wieder durch Gedanken und ihren wechselnden Kampf das Richtige und Wahre finden sollte, ich sollte es ja unmittelbar schauen, und es als einen wahren Besitz von dannen tragen.
Wenn Sie denn, fing Sangerheim zögernd an, sich nicht fügen können und wollen, so gäbe es in Ihrem frommen und erweckten Sinn allerdings ein Mittel, das rasch die Hemmung wegnehmen, und Sie ohne Umwege zum Ziele führen könnte.
Und dieses Mittel? fragte der Rath eifrig.
Auch ohne dieses können Sie zu einem glänzenden Ziele gelangen, antwortete Jener, aber langsamer, und niemals erreichten Sie die Würde, so viel Sie auch schauen werden, eines höchsten Obern.
Und dieses Mittel, fragte der Rath wieder, könnte mir diese Würde und die schnellere Einsicht in alle Geheimnisse verschaffen?
Ohne Zweifel. — Sehnen Sie sich heftig?
Unbeschreiblich! fing der Rath wieder an, und, da Sie so weit gegangen sind, so nennen Sie es auch, sonst sind Sie nicht mein Freund.
Was Sie immerdar hemmen wird, antwortete Sangerheim mit einer Thräne im Auge, ist, daß Sie nicht ein Mitglied meiner Kirche sind. —