Der Rath trat einen Schritt zurück und suchte noch mehr wie vorher die Bewegung seines Innern zu verbergen. Sangerheim sah ihn mit einem festen prüfenden Blicke an, als wenn er seine Augen durchbohren wollte, aber der Rath erwiederte diesen festen Blick, und nach einigen Augenblicken entfernte sich der Fremde.
Tief erschüttert ging der Alte im Saale auf und ab. — Das ist es also? sagte er endlich zu sich selber; also dorthin liegt das eigentliche und wahre Geheimniß? — Habe ich doch den Einreden so mancher vernünftigen und kaltblütigen Freunde nicht glauben wollen. Ich hielt es nur für Fabel, weil es einem Mährchen so ähnlich sieht; und ist also nun doch Wahrheit. — Sie bemächtigen sich einer Einrichtung, die im Beginn gut und edel war, die sich dann selbst vergaß, und in deren unbedeutenden Nüchternheit nun leicht die Sehnsucht zu Wundern und Seltsamkeiten Raum finden kann. — Wie verbreitet die Logen sind, so mögen sich diese, oder ähnliche Schwindler leicht jetzt oder in Zukunft der Menge bemeistern, um ihre Pläne, die sich noch nicht an das Licht wagen, durchzusetzen. — Diese Emissäre gehören also einer Propaganda an, und es läßt sich nun wohl begreifen, wer und was diese geheimen Obern sind, — Alles, was man von diesem Nachbarstaate erzählt, wo man auf verschiedene Art den Erbprinzen bearbeitet, hier und anderswo die Störung der Logen, das Eindringen und Vorschieben alter Meinungen. — Die Herren haben also doch ihre Herrschsucht und die alten Plane noch nicht aufgegeben! — Ja, ich bin durch dieses einzige Wort zum Licht hindurch gedrungen, aber sehr gegen deinen Willen, mein guter Magus. — Seine Kunststücke begreife ich freilich nicht; aber was gehen sie mich denn eigentlich an? Vor meinem guten verständigen Sohne muß ich mich jetzt schämen, der doch in seiner Art, wie er jenes Wunder betrachtete, sehr Recht hatte. — Zu schnell, zu plötzlich mag ich aber freilich auch nicht zurücktreten; ich will ihn noch beobachten: ich kann es jetzt wie ein Spiel treiben und genießen. —
Mit Beschämung dachte er nun der Summen, die er dem Magier ausgeliefert, noch der letzten großen, die er ihm heut gegeben hatte. Sangerheim hatte zwar Anfangs jeden Dank und Lohn ausgeschlagen, aber bald hatte er bei dem großmüthigen Freunde Hülfe gesucht, der nun um so lieber und reichlicher mittheilte, da der Wunderthäter sich erst uneigennützig gezeigt hatte. Zu den Beschwörungen und zum Geister-Apparat, so wie zu Einrichtung der Oefen und Herbeischaffung alles Geräthes, um den Stein der Weisen hervorzubringen, war wieder ein Kapital nöthig gewesen. Nachher zu geheimen Plänen, die Sangerheim noch nicht nennen durfte, auf Geheiß jener unbekannten Obern, war wieder eine bedeutende Summe in Anspruch genommen worden. Für die letzteren großen Auslagen hatte der Magier seinem gläubigen Schüler eben jene versiegelten und zauberhaft verschlossenen Schriften verpfändet, die er bald wieder, durch Erstattung jener Summe, auszulösen versprach.
Sangerheim machte einen großen Aufwand und lebte in der Stadt ganz als ein vornehmer Mann. Der feinen und neugierigen Welt war es ein Geheimniß, daß sie nicht ergründen konnte, wovon er seine Ausgaben bestritt. Der geheime Rath Seebach hätte darüber Bescheid ertheilen können, denn beschämt gestand er es sich nicht gern, daß ein großer Theil jener so wunderbar geretteten Summe schon wieder geschwunden sei, wenn der Zauberer nicht seine Schuld bezahle, woran der Gläubiger zu zweifeln anfing. — Mit Schmerz dachte er an den jungen Schmaling, seinen künftigen Schwiegersohn, so wie an seinen Hausfreund, den Arzt, denn er wußte, daß Beide eifrig mit Sangerheim laborirten.
Die Familie war erfreut, als der Vater nach langer Zeit wieder bei Tische heiter war. Clara besonders wollte daraus für ihr Schicksal etwas Glückliches lesen. Als sie mit dem Bruder über die Veränderung des Vaters sprach, sagte Anton: Dergleichen Verblendung, liebes Kind, kann niemals lange dauern. Hätte ich nicht andre Sorgen, so wollte ich mich anheischig machen, diesen Kummer mit etwas Geduld zu überwinden, oder mit Verstand und Zeit die Getäuschten zu heilen. Heut Abend wird nun unser Schmaling gründlich in die Lehre genommen werden, und ich möchte Vieles verwetten, daß ich ihn Dir schon morgen als einen andern Menschen vorführen kann. —
Sangerheim war, jenes Wortes wegen, das er hatte fallen lassen, mit sich selber sehr unzufrieden. Er hatte bemerkt, wie der Rath dadurch war überrascht worden. — Mag seyn, sprach er zu sich, daß es unbesonnen und zu früh ausgesprochen wurde, ich kann mit mir und dem Erfolg zufrieden seyn. Sie müssen meine Bemühungen erkennen, jene großen, jene mächtigen Männer. Und welches Glück, ihnen beigezählt zu werden! Welche Aussicht, daß Natur, Geisterreich und Welt mir dient, daß vor mir jedes Geheimniß die entstellende Hülle abwirft. — Und bin ich denn noch so weit von diesem glänzenden Ziele entfernt? Habe ich denn nicht die Zusage der Edelsten, daß mir bald, in weniger Frist Alles soll gewährt seyn? Wie sie mich durch Wissen, Kunst und Gold unterstützen, so werden sie mir auch die herrlichsten Güter nicht lange mehr verweigern.
So träumte Sangerheim, und verlor sich in sonderbare und weitaussehende Plane.
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Der Professor Ferner hatte dem jungen Schmaling unter dem Siegel der Verschwiegenheit vertraut, daß, wenn er es wünsche, er am Abend den weltberühmten Grafen Feliciano in seinem Hause sehn könne, welcher incognito angekommen sei, um schnell weiter zu reisen. Er machte es ihm aber zur Pflicht, seiner Schwester, wie seinen Eltern Nichts davon zu sagen, weil sie Beide sonst sich den Zorn des Grafen zuziehen würden. Schmaling war über diese Nachricht entzückt, und versprach, nicht auszubleiben, indem er zugleich versichern mußte, daß sein Herr und Meister, Sangerheim, auch Nichts davon erfahren solle.
Anton stellte sich früher bei Ferner ein, um mit Anderson einige Vorkehrungen zu treffen. Wenn es Effekt machen soll, sagte der heitre Anderson, so muß ich Euer Haus und die Einrichtung desselben etwas genauer kennen lernen. Aber sagt mir doch, von welcher Art ist denn jener Kunstjünger selbst, den wir heut unserm Genius und dessen Launen aufopfern wollen?