Anton nahm das Wort und sagte: Der junge Mann wird jetzt acht und zwanzig Jahre alt seyn und kann im Bau des Körpers, im Angesicht, Blick und Wesen fast für einen vollkommen schönen Jüngling gelten. Sein Wesen ist sanft und einschmeichelnd, sein Charakter ist weich und nachgiebig, und so fügte es sich, daß er meiner Schwester, die er schon seit lange verehrt hatte, gefiel. Er hat außerdem Viel gelernt, ist ein tüchtiger Geschäftsmann, und von seinen Vorgesetzten so geachtet, daß sie ihn, so jung er auch ist, schon zum Rath ernannt haben. Meine Schwester würde einer glücklichen Ehe entgegen sehn, wenn diese Geheimnißkrämerei, diese Sucht, sich die Weisheit der Rosenkreuzer und andrer Schwärmer anzueignen, nicht das schöne Verhältniß jetzt für eine Zeitlang völlig zerstört hätte. Ihr kennt ja, theurer Mann, die Begebenheit, die sich in unserm Hause zugetragen hat. Seitdem ist er diesem Sangerheim, aus dem wir Alle nicht klug werden können, wie mit Leib und Seele verschrieben. Könnt Ihr nun, indem Ihr den Leichtgläubigen in einer Maske täuscht, ihn dahin bringen, daß er von seiner Wundersucht nachläßt, so sind wir Euch den größten Dank schuldig.
Wir werden ja sehn, was wir ausrichten können, erwiederte Anderson. Er ging, um sich die Zimmer zu betrachten, indessen Ferner bemerkte: Wie seltsam ist es doch, daß wir uns zu einer solchen Maskerade vorsätzlich einrichten, indessen jener Sangerheim, der so Viele täuscht, doch auch kein wirklicher Charakter, sondern nur ein angenommener seyn kann. Man kann aber die Bemerkung machen, daß man auf jeder Redoute, sobald man die erste Betäubung überstanden hat, an alle die seltsamen Masken, die man sieht, glaubt, sich diese Wesen in ihren seltsamen Bedeutungen vergegenwärtigt, und selbst den vertrautesten Freund, wenn er sich nicht ganz hölzern beträgt, sich nicht in seinem wahren Charakter deutlich vorstellen kann. Diese sonderbare Eigenschaft unsrer Seele, die so gern freiwillig der Täuschung entgegen geht, erklärt es einigermaßen, warum die Betrüger in der wirklichen Welt in der Regel so leichtes Spiel haben.
Anderson trat wieder zu ihnen und sagte: Um meiner Sache gewisser zu werden, fange ich nun schon an, den Feliciano zu spielen, den Grafen, den Menschenfreund, den Heilkünstler und Geisterseher. Mein Bedienter ist auch draußen, und wird mit bei Tische aufwarten, um der Gesellschaft mehr Ansehn zu geben.
Schmaling trat schon, früher als man vermuthet hatte, vor Freude zitternd herein. Man begrüßte sich und der nachgeahmte Feliciano behandelte ihn, so wie den Professor und Anton kalt, und mit ruhigem, herablassendem Stolz. Man sprach nur wenig und setzte sich bald an den Tisch zu einem leckern Abendessen nieder. Die feinen Weine waren nicht gespart.
Es wollte lange kein lebhaftes Gespräch in den Gang kommen, denn Schmaling war zu sehr von Ehrfurcht durchdrungen, und der Professor so wie Anton wußten nicht recht, wie sie sich nehmen sollten, um nicht zu Viel zu thun, und Anderson selbst schien es darauf angelegt zu haben, diese beiden Freunde etwas zu quälen, denn es war nicht zu verkennen, daß ihre Verlegenheit ihn unterhielt. Endlich, um diese drückende Schwüle aufzulösen, fing er an, von seinen Reisen zu erzählen, und der Professor erstaunte, mit welcher Sicherheit er alle Gegenden bezeichnete, wie richtig er über Werke der Malerei und Baukunst urtheilte. Als Feliciano nun von Aegypten sprach, von den Wüsten Arabiens, von Palästina, Syrien und Persien, und alle Gegenstände mit der ruhigen Kunde eines Augenzeugen beschrieb, dachte Ferner leise erröthend an seine vorige Bemerkung, denn er hatte wirklich während der Rede vergessen, daß dieser Feliciano eigentlich Anderson sei.
Jetzt war auch der glückliche Schmaling dreister geworden, und er wagte es, auf den Gegenstand seiner Forschungen und Wißbegier einzulenken. Er war sehr freudig überrascht, daß der Wunderthäter auch hierüber frei und offen sprach, daß er jene seltsamen Kuren nicht leugnete, und selbst andeutete, wie der Stein der Weisen kein Mährchen sei, wie ihn Viele schon besessen hätten, und Mancher lebe, der Kenntniß von ihm habe.
So halten Sie, fragte Schmaling wieder schüchtern, die wunderbare Erzählung vom Flamel für keine Fabel?
Wie sollte ich es, antwortete Feliciano, da ich den guten Mann selbst noch hundert Jahre früher, als Paul Lucas Kunde von ihm bekam, in Indien gesprochen habe?
Anton fuhr zurück, denn diese Aeußerung schien ihm zu stark und den Fremden bloß zu geben, doch Schmaling war von seinem Glück schon so berauscht, daß dieser gewagte Ausspruch seinen Taumel nur vermehrte.
Es ist sonderbar, fuhr Feliciano fort, wenigstens erscheint es uns Kundigen so, deren Leben nicht wie Spreu verweht, wenn die Menschen Dinge wunderbar, seltsam und unbegreiflich nennen, die eigentlich die einfachsten und natürlichsten sind. Ist denn der Mensch ursprünglich dazu geschaffen, um den Thau aus der Blume, wie der Schmetterling, zu saugen, und wie dieser Augenblicks wieder zu vergehn? Sagt nicht die Schrift das Gegentheil? Wenn nun Weisheit und Kenntniß der Patriarchen und andrer Heiligen, sorgsam aufbewahrt von Geschlecht zu Geschlecht, dem Auserwählten, der sich dessen würdig macht, mitgetheilt wird, — wo ist das Unbegreifliche, oder nur Seltsame? Die Erzväter lebten Jahrhunderte, und wer ihrer nicht unwürdig ist, mag auch noch jetzt ihnen darin ähnlich werden. Wir haben vielleicht noch den Vorzug vor ihnen, daß wir Wissenschaft und Kunst späterer Zeit mit jenen uralten der früheren Tage, die für die meisten Menschen schon längst verloren gegangen sind, vereinigen können.