Unser Entzücken vor dem Gemälde wurde auf eine sonderbare Art gestört und unterbrochen. Ein Mann in mittleren Jahren, mit einem scharfen Gesicht und einer etwas rothen Nase, kam mit stolperndem Gang und einem schreienden Ton auf uns zu, und schloß meinen verzückten Ferdinand, ob sich dieser gleich etwas sträubte, fast zu heftig in seine Arme. Er nannte sich Wachtel, kam von Guben herüber und hatte unsre Namen im Thorzettel gelesen. „Ihr steht hier“, rief er unmittelbar nach der Begrüßung, „vor dem allercuriosesten Tableau, das der Mensch nur ersinnen kann. Es ist ohne Inhalt und stellt eigentlich gar nichts dar. Man kann sich aus den Abendwolken bessere Geschichten zusammensetzen. Wo kommen diese Creaturen her? Wo wollen sie hin? Warum blieben sie nicht, wo sie waren? Das kommt mir vor wie manche Menschen, die immer eine wichtige Miene machen und hinter diesem nachdenklichen Gesichte doch gar nichts denken. Der Zuschauer muß sich nun zwingen, noch weniger zu denken, und das nennt er dann eine erhabene Stimmung. Wie man beim Feuer, wenn es mächtig um sich greift, oft klug thut, zwei oder drei Häuser einzureißen, damit nicht hundert zu Grunde gehn, so sollte ein durchgreifender Menschenfreund, wie der Kalif Omar, einmal so ein tausend gepriesene Meisterwerke in den Ofen stecken, damit eine Kluft, ein leerer Raum entstünde, und diese Krankheit von unnützer Bewundrung, die immer weiter um sich greift, in sich erstickte, daß die armen Menschen einmal wieder frische Luft holten und zur Besinnung kämen. Was seht ihr z. B. auch dort an dem Tizianschen Christus mit der Münze? Ich habe einen Schacherjuden gekannt, der ganz wie dieser angebliche Heiland aussah. Diese Maler sind lustige, boshafte Kerle gewesen, und es ist zu verwundern, daß ihnen die Geistlichkeit nicht mehr auf die Finger klopfte. Die Satire, wie der Jude hier die Münze und den Versucher ansieht, wie die langen Finger so gern mit dem Geldstück eins werden möchten, ist doch allzusehr in die Augen fallend.“
Ferdinand, der mir vor einigen Tagen soviel Wunder und Schönes von diesem Jugendfreunde erzählt hatte, hätte aus der Haut fahren mögen und durfte doch den täppischen Gesellen nicht verleugnen. Er war aber dunkelroth vor Scham, denn noch kurz zuvor hatte er mir und den Umstehenden bewiesen, wie in diesem Bilde, „Christus mit der Münze,“ sich Tizian, der nur selten erhaben sei, selber übertroffen habe. So sehr er sich wehrte, mußte er sich doch von seinem Freunde zu den Teniers und einigen andern niederländischen Bauernscenen schleppen lassen, wo dieser Wachtel sich unter lautem Lachen ganz glücklich und behaglich fühlte. —
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Nachdem Walther diesen Brief abgesendet hatte, kehrte er zu seinem Freunde Ferdinand zurück, den er im heftigen Wortwechsel mit Wachtel antraf. Was giebt es, fragte er, worüber man so laut streiten könnte? Wachtel nahm sogleich das Wort und erzählte mit großer Lebhaftigkeit: die Sache, werthgeschätzter Unbekannter, betrifft, kürzlich zu sagen, das Herz und die Liebe. Ich bin des Undankbaren ältester Freund, und er will es mir verwehren, hier mit ihm zu seyn und ihn nach Teplitz und Karlsbad zu begleiten. Ist das nicht reelle Undankbarkeit? Ich komme her, sehe ihn nach Jahren wieder, und will mein verdumpftes Herz in lichtender, frischer Liebe auslüften und durch heilsame Erschütterungen von Motten und allem unnützen Gespinste reinigen, und er will es mir verwehren, ihn zu begleiten, weil ich ihn, wie er vorgiebt, in seiner verstimmten Erhebung nur störe. Auch hat er, wie immer, allerhand von Geheimnissen, die ich ihm allzuroh und derb betasten, oder vielleicht gar erdrücken möchte, denn er liebt es, sich selbst zu verhätscheln, und doch hat der arme Schelm seine ganze Schwärmerei nur einzig und allein von mir gelernt, was er freilich jetzt, nach so manchen Jahren, nicht mehr Wort haben will.
Ferdinand mußte lachen und sagte: nun, so begleite mich denn, Freund Wunderlich, wenn jener Herr, mit welchem ich mich schon für einige Zeit versprochen habe, nichts gegen die Vermehrung der Gesellschaft hat. Walther schien über die neue Bekanntschaft erfreut, die ihm manche Aufheiterung versprach, und man nahm sogleich die Abrede, vorerst nach Teplitz zu reisen, um zu erfahren, wie man sich untereinander vertrüge.
An einem trüben Tage reisete die Gesellschaft von Dresden ab, ziemlich spät, so sehr auch Ferdinand getrieben hatte, damit man noch zeitig in Teplitz anlangen könne. Der bequeme Walther aber, der es nicht in der Art hatte, Zeit und Stunde sehr zu beachten, hatte die Stunde versäumt. Die schöne Gegend bei Pirna, die anmuthige bei Gießhübel, die Waldpartien, die wechselnden Aussichten ergötzten alle. Auf der Grenze wurden die Reisenden, die nicht viel Gepäck mit sich führten, nur wenig aufgehalten. Der Weg bis zum Nollendorfer Berg hinauf war ermüdend und langweilig, denn schon in Peterswalde hatte sich ein dichter Nebel herabgesenkt, der jede Aussicht verdeckte. Oben auf dem höchsten Punkte des Berges von Nollendorf steht eine kleine Kirche. Hier stiegen die Reisenden aus, um, wo möglich, etwas von der Schönheit der Natur zu genießen.
Der Wagen fuhr indessen das Thal hinunter, als die Naturbeobachter noch oben im dichten Nebel standen und kaum die nächsten Sträucher am Wege unterscheiden konnten. Wachtel sagte: Eigentlich, meine Freunde, ist dies, was wir hier nicht sehn, und indem wir nichts sehn, der erhabenste Anblick der Natur. Dies ist ein Bild vom alten uranfänglichen Chaos, welches der wundersame Großvater aller Formen und Gestaltungen war. Wir übereilen uns, wenn wir uns das Nichts als nichts denken wollen: was sich weder denken noch vorstellen läßt. Nein, so wie wir es hier vor uns sehen, ist das Nichts beschaffen. Alles, so weit man sieht und denkt, ein unreifer Brei, eine angehende Milch, ein blöder Lehrling für ein Sein. Wie Silhouetten-Gespenster dort die Bäume und Sträucher, eben nur zu errathen, Finsterniß in diesem bleichen Dunkel, dort ebenso die Wand der Kirche. Alles nur Räthsel: steht da, wie Aberglauben im Meere der Unvernunft. Wenden wir nun einmal dieses eingebräute Gleichniß vor uns auf unsre eignen Köpfe an, so — —
Hier versagte dem Schwatzenden das Wort im Munde, denn einem Wunder gleich riß sich eine große breite Spalte in dem dichtgewundenen Nebel, und grünes Land, sonnenbeglänzter Wald lag unten, gegenüber funkelnde Berge im wachsenden Lichte. Kaum entdeckt, brachen links und rechts neue Klüfte im weißen Nebelmeer auf, und wie selige Inseln zeigten sich von allen Seiten Gebirg und Flur im spielenden Glanz des fluthenden Sonnenscheines, indessen noch dazwischen wie Wände oder Säulen die ineinandergeflochtenen Wolken alle Aussicht deckten. Nun entstand ein Kampf zwischen Licht und Dunkel: Alles wallte und zog hin und wieder. Die Wolken löseten sich in Streifen, die leichter und wolliger zerflossen und sich endlich in den Glanz verloren und untertauchten. So wurden von unsichtbarer Hand allgemach die Vorhänge weggehoben und das ganze Gebirge mit seinen schönen Formen lag weit ausgebreitet in allen Abstufungen des vollen und gemilderten Lichtes vor den Augen der entzückten Beschauer.
Diese Landschaft, rief endlich Ferdinand aus, muß eine der schönsten in Deutschland seyn.
Wie oft ich auch die Reise machte, sagte Walther, so habe ich doch niemals dieses überraschende Entzücken genossen, welches mich heut ergriffen hat. Wie herrlich wäre es, wenn der Elbstrom durch dieses Thal flösse, denn nur Wasser fehlt dieser lieblichen Natur.