Sprechen wir nur nicht so, rief Wachtel aus, wie ich dergleichen schon so oft habe hören müssen. Ihr waret ja eben noch entzückt, Freunde, und schon fangt ihr an, Mangel zu empfinden, zu kritteln und zu kritisiren. Wie schön der Anblick eines gewundenen Stromes auch sei, wenn er wie ein belebender Geist hin durch die Landschaft glänzt, so paßt er doch nicht in jede Naturscene hinein. Hier, wo Alles lieblich, so einklingend ist, würde er mich nur stören: er höbe das Gefühl dieser behaglichen Einsamkeit gewissermaßen auf. Rhein, Neckar, Mosel und der schöne Theil der Elbe beherrschen die Gegend, durch welche sie strömen, prägen ihr den Flußcharakter auf; hier aber führen die schönen Gebirge unmittelbar selbst das Wort. Stören kann oft eine kahle, unbedeutend schroffe Wand, wenn sie zwischen den schönen Linien der Gebirge sich eindrängt, ein nackter Hügel, dem man die Waldung geraubt hat, eine wüste Sandfläche, die sich todtenbleich und krank zwischen lustiges, lebensvolles Grün der Fluren wirft, aber hier, Freunde, ist Alles so ganz und voll, daß euch nichts mangeln sollte.

Sie stiegen jetzt beim schönsten Wetter den Berg hinab. Ein Fußpfad führte sie durch den Wald, aus welchem sie bald hier, bald dort wieder den freien Ausblick zu den Gebirgen hatten. Die Frühlingsvögel sangen nicht mehr, aber durch die feierliche Einsamkeit schrillten und zirpten die kleinen Vögelchen ihre einfachen kindischen Melodien.

Sie trafen im Thale ihren Wagen wieder, aber die Abendsonne beschien die Kapelle oberhalb Culm und den Weingarten, auf welchem sie schimmerte, so einladend, daß die Uebrigen Walther’s Vorschlage gerne folgten, noch zum Hügel hinaufzuklimmen, um den Untergang der Sonne von dort zu genießen. Die Freude an der Natur erzeugt oft, indem man in der Aufregung keine Ermüdung fühlt, eine Art von Rausch, welcher dann Mattigkeit und Ernüchterung herbeiführt, wenn man, wie beim Wein, die Sättigung zu lange hinausschiebt. So erging es den Reisenden. Die Sonne war untergesunken, sie stiegen in der Dämmerung hinab und hatten noch bis zum Nachtquartier einen ziemlich weiten Weg vor sich. Der Fuhrmann schmollte über die unnütze Verzögerung, um so mehr, da die Finsterniß, schnell wachsend, hereinbrach. Jetzt fühlten die Abentheurer obenein, daß sie, aus Freude an der Reise und weil sie spät von Dresden ausgefahren, das Mittagmahl versäumt hatten, und mit der zunehmenden Ermüdung und Dunkelheit wuchs in ihnen Hunger und verdrüßliche Stimmung. Es wurde völlig finster, so daß man die nächsten Gegenstände, selbst den Weg nicht mehr unterscheiden konnte, und der Fuhrmann, der der Gegend unkundig war, erklärte auf das Bestimmteste, daß er in dieser pechrabenschwarzen Nacht unmöglich schneller fahren könne, wenn er nicht sich und seine verehrten Herren der wahrscheinlichsten Lebensgefahr aussetzen wolle.

Mühselig, verdrossen, langsam ging die Reise fort. Immer noch erschien Teplitz nicht, und Mitternacht war schon längst vorüber. Endlich ersahen die Verstimmten eine dunkle Masse, in welcher nur wenige Lichtpunkte flimmerten, vor sich. Der Kutscher fuhr seitwärts, wie es schien, um das Thor zu finden. Keine Antwort auf wiederholtes Rufen und Klopfen. Endlich hörte man von innen, daß dies die Wohnung des Küsters und der Eingang zum Kirchhof sei. Der Kutscher tastete herum und fand ein großes Gatterthor. Noch weniger ward hier auf das laute Klopfen und Schreien Rücksicht genommen. Es war vom Felde her der Eingang zum sogenannten Fürstenhause. Mühselig fand man sich in der trüben Finsterniß zum Thore und zur Töpferschenke hin. Hier schlief aber längst Alles. Ein Kellner und eine Küchenmagd erschienen endlich, nur halb erwacht. Der Wagen ward untergeschoben, die Zimmer schloß man auf. Die Aufwartenden verwunderten sich übermäßig, daß die Ankommenden noch zu speisen begehrten. Butter, Schinken und ein kaltes Huhn wurden, nach vielem Widerspruch, nebst einer Flasche Wein noch herbeigeschafft. Die Betten waren in Ordnung. Aus Mitleid ließ man die Aufwärter wieder schlafen gehen. Doch Walther bildete sich ein, er fröre und habe sich erkältet. Ein großes Kamin war im Zimmer, und Wachtel, der allenthalben die Augen hatte, entdeckte auf dem Gange einige Scheite Holz. Man versuchte ein Feuer zu machen, das anfangs hell brannte, bald aber das Zimmer mit Rauch anfüllte. Es ward entdeckt, daß das Kamin oben zugemauert, also nicht zu gebrauchen war. Die Uebermüden hatten viele Noth, bis sie den Rauch wieder durch die Fenster hinausgetrieben hatten. So, ungesättigt, matt, verdrossen und überreizt begaben sie sich auf ihr Lager, indem Wachtel noch behauptete, es sei nichts so mit Pein versalzen, als die Vergnügungen des Lebens.

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— Viel lieber durch Leiden

Möcht’ ich mich schlagen,

Als so viel Freuden

Des Lebens ertragen. —

So sang am Morgen Wachtel mit lauter Stimme und erweckte die beiden schlafenden Freunde. Als Alle munter und angekleidet waren, erschien das Frühstück und mit ihm die Wirthin, die es entschuldigte, daß die Reisenden in der Nacht eine so schlechte Aufnahme gefunden hätten. In der Entschuldigung wegen des Rauches war ein gelinder Vorwurf eingehüllt, daß man sich ohne Anfrage zu willkührlich des Feuers bemächtigt habe. Bei der neuen Einrichtung, schloß die Frau, sollten diese Zimmer nur für den Sommer benutzt werden, und ich will diesen ungeschickten Kamin auch noch fortschaffen lassen, damit er nicht öfter Irrungen veranlaßt.