Der Spaziergang nach Dorna ergötzte die Freunde, sie wandelten dann nach der Liebemay, einem anmuthigen Walde. Allenthalben erfreute der Anblick der Gebirge.
Am folgenden Tage sollte ihr Kutscher sie nach Dux bringen, sie geriethen aber, da er des Weges unkundig war, nach Kloster Ossek. Auf dem Rückwege besahen sie Dux und die Andenken an den berühmten und berüchtigten Wallenstein, der seit einigen Jahren durch des edlen Schillers Gedicht für die deutsche Nation ein neues Interesse bekommen hatte.
Die Bergstadt Graupen und ihre alte Kirche, die Ruine oben und die schöne Gegend nahmen den folgenden Tag in Anspruch. In der Kirche traf Walther zwei Damen aus Berlin, Mutter und Tochter, und sie beschlossen, die Spaziergänge in Gemeinschaft zu besuchen. Wir werden noch den jungen Herrn von Bärwalde hier sehen, den wir gestern in Bilin fanden, sagte die Mutter, einen jungen Mann, den wir im vorigen Winter kennen lernten. Ein bescheidenes, stilles Wesen, setzte die Tochter die Beschreibung fort, ich habe in meiner Vaterstadt, in Berlin, mit ihm getanzt: er war fast zu ernst und verschlossen und tanzte auch mit einer gewissen feierlichen Miene. Alles dies wurde still und fast ängstlich während des Gottesdienstes in der Kirche verhandelt, und so leise sie sprachen, sahen die andächtigen Böhmen doch mehr wie einmal drohend nach den Ketzern sich um. Plötzlich sprangen zwei junge, wohlgekleidete Leute durch die Thür der Kirche, stellten sich laut sprechend in die Mitte, den Rücken gegen den Altar und Priester gekehrt, und kritisirten die Gruppen der hölzernen Figuren, die gegenüber auf dem Chore einen Theil der Leidensgeschichte, kräftig und wild ausgearbeitet, darstellten, so wie man unten an der Seite durch gelbgefärbtes Glas in das Fegefeuer und die Qual der Sünder hineinsah; Alles auch ganze Figuren. Waren diese Gegenstände auch nicht der Kunst, vielleicht selbst der Kirche nicht ganz geziemend, so war das überlaute Gespräch und Lachen der Jünglinge ungezogen und so anstößig, daß die Damen, von den drei Reisenden begleitet, in großer Angst aus der Kirche flüchteten.
Um des Himmels Willen! rief das junge Mädchen, indem sie die Höhe hinanstiegen, kennen Sie, liebe Mutter, den sanften, trocknen, zu bescheidenen Tänzer in diesem übermüthigen, affektirten Don Juan wieder?
Ist Ihnen denn, werthes Fräulein, sagte Walther, dieser Ton der sogenannten feinern Welt noch unbekannt geblieben? Diese neumodischen ungezogenen Herren, die in Gesellschaften, im Schauspiel und in der Kirche sich lärmend und schreiend betragen, sind beim Tanze so steif und ehrbar, daß sie um Alles nicht lachen oder lächeln und ihre Tänzerin kaum noch mit einem finstern, halb abgekehrten Blicke ansehen. Auf dem Balle darf sich keine Spur von Fröhlichkeit zeigen, sie tanzen, als wenn sie zur Frohn arbeiteten, oder wie die Baugefangenen mit Schellen und Klötzen an den Beinen.
Die Frauen hatten solche Furcht vor jenen beiden Jünglingen, daß sie in der Gesellschaft der Reisenden über Maria-Schein schnell nach Teplitz zurückkehrten. Nach dem Mittagsessen traf man sich auf dem Schloßberge wieder, von wo man am schönsten das ganze Thal von Teplitz übersieht, und Abends begab man sich in das kleine Theater.
Ein ächt deutsches Stück wurde gegeben: „Der seltne Prozeß.“ Ein verarmter, rechtlicher, frommer und bibelfester Weber weiß seiner Noth kein Ende, um so weniger, da seine Frau ihn seit Kurzem mit Zwillingen beschenkt hat. Der Segen des Himmels, den beide dankbar anerkennen, drückt sie aber so zu Boden, daß nach langem Kampfe und vielem Schmerz sie sich entschließen, das eine Kind in der Nacht einem reichen Manne heimlich zu übergeben. Dieser aber hat in derselben Nacht schon ein Wickelkind erhalten, er läßt Acht geben, und als der Arme jetzt mit schwerem Herzen seinen Sohn dem Zufall und der Menschenliebe übergeben will, wird er ergriffen, gescholten und ihm, der nicht zu Worte kommt, das dritte Kind mit Gewalt in die Arme gelegt. Mit diesem Segen und Jammer befrachtet, muß er nach Hause gehen, und die Klagelieder der Frau kann sich Jeder denken. Indessen ist schon die unerwartete Hülfe nah. Eine Summe Geldes bringt der neue Ankömmling mit und ein Schreiben, daß für die Ernährung des Kindes reichlich soll gezahlt werden. Nun wird große Freude aus der Trauer. Aber der Reiche erfährt diese Entwickelung, er will das Kind sammt dem Gelde und der Verköstigung zurück haben, und so wird der seltne Prozeß vor Gericht geführt. Ein edler Advokat, der die Sache des armen Webers führt, weist sich endlich als der Vater des Findlings aus, und Alle werden am Schluß zufriedengestellt. Ein komischer Richter erheitert die Verhandlung.
Es waren noch nicht viele Brunnengäste in Teplitz und darum, besonders bei dem schönen Wetter, das Theater sehr menschenleer. Eine hohe, edle Gestalt gab sich die Mühe, den Schauspielern und dem schlechten Stücke oft zu klatschen und sie durch lauten Beifall zu ermuntern. Walther erkannte, als sie nach dem Stücke noch den Garten besuchten, in ihm den berühmten witzigen Prinzen de Ligne, der hier meist den Sommer zubrachte. Als Walther ihm seine Begleiter vorgestellt hatte, erklärte der geistreiche Prinz, daß es ihm nicht darum zu thun sei, die gespielte Armseligkeit für etwas Gutes auszugeben, sondern es komme ihm nur darauf an, die armen Schauspieler etwas zu ermuthigen.
Ist es nicht, fügte Walther hinzu, um diese ernsthaften Deutschen etwas Sonderbares! Wenn der heutige Schwank theatralisch gelten sollte, so müßte er eben als Schwank, als Posse vorgetragen werden. In diesem Sinne sah ich die Geschichte vor einigen Jahren in Rom spielen. Ein eigensinniger Misogyn jagt seinen Bedienten, Truffaldin, aus dem Dienst, weil er gehört hat, er sei verheirathet. In komischer Verzweiflung kommt der Spaßmacher nach Hause und findet die Zwillinge. Possierlicher Jammer der Aeltern, was anzufangen sei. Der Entschluß wird gefaßt, das Kind dem Findelhaus zu übergeben. Aber welches? Beide Kinder machen auf gleiche Liebe Anspruch. Man streitet, zankt, weint und lacht: der Zufall soll es entscheiden, und die Kinder werden wie Loose übereinandergerollt und Truffaldin greift blindlings hinein. Beim Findelhaus wird ihm aber der dritte Säugling nach einigen Schlägen, die er mitnehmen muß, aufgezwungen, und in dieser burlesken Art entwickelt sich, ohne Prozeß, so viel ich mich erinnern kann, das tolle Lustspiel. Die Italiener, die gerne lachen, hatten große Freude an dieser lustigen Parodie der Väterlichkeit und des menschlichen Elends, viele gesetzte Deutsche aber, die sich alle zu den guten und besten Köpfen rechneten, meistens Vornehme, die sich sonst nicht von der Moral geniren ließen, fanden den Spaß äußerst unsittlich und folgerten aus dem Lachen des unbefangenen Volks, das durch halbe Cultur noch nicht verdreht war, die tiefe Versunkenheit der Italiener, weil sie beim mindesten edeln Gefühl dergleichen Abscheulichkeit nicht würden dulden können.
Das Albern-Sentimentale, fuhr Wachtel im Gespräch fort, diese Krankheit, die dem wahren Gefühle ganz entgegengesetzt ist, hat von je bei den Deutschen gütige Aufnahme gefunden. Doch sind die Franzosen in vielen ihrer Dramen und Romane auch nicht frei von dieser nervösen Hautkrankheit. Den schlimmsten Ausschlag hat wohl unser Kotzebue gehabt und gegeben. Hiob rieb sich in seinem Elend mit Scherben: wir gehn in die Komödie, um uns zu erleichtern. „Der kratze sich, den es juckt,“ sagt Hamlet: das thun wir denn redlich.