Der Fürst lachte und nach einigen Wechselreden trennte man sich, weil es schon spät geworden war. Von Karlsbad schrieb Walther folgenden Brief an seinen Freund nach Warschau.
Karlsbad, den 28. Junius 1803.
Die Familie Essen habe ich aufgesucht, so wie ich nur hieher kam. Aber ich weiß nichts Bestimmteres, da diese Leute, die etwas träge scheinen, selber keine nähern Nachrichten haben. Nur so viel scheint aus Allem hervorzugehen, daß der Entführer oder Verführer sich unter verschiedenen Namen herumgetrieben hat, und daß es deswegen um so schwieriger ist, ihm auf die Spur zu kommen. Nach Franken deuten die etwanigen unbestimmten Anzeigen. Ich muß es also fast dem Zufalle überlassen, ob ich ihn oder sie auf meiner seltsamen Pilgerfahrt antreffen werde. Man wird selber saumselig, wenn man sieht, wie wenig die Menschen sich ereifern, die die Sache doch auch, der Verwandtschaft wegen, interessirt.
Mein wunderbarer Reisegefährte Ferdinand wird mir um so lieber, je öfter ich mit ihm zanke, je weniger ich in eine von seinen seltsamen Meinungen eingehen kann. So wie man von Sachsen aus die böhmische Grenze betritt, ist Natur und Menschenstamm anders. Am auffallendsten aber ist das katholische Wesen, die Heiligenbilder und Crucifixe auf Wegen und Stegen, in Dörfern und Städten, abseits auf dem Felde, wo man nur hinsieht, begegnen dem Auge diese hölzernen und aus Stein gemeißelten Figuren, die meisten, wie sich von selbst versteht, widerwärtig, schroff, und die Gemälde und angestrichenen Passionsfiguren blutig und unannehmlich. Engel, die in Kelchen das Blut des Heilandes auffangen, das Antlitz des Erlösers beregnet von rothen Tropfen, Maria meist mit nußgroßen Thränen, und Alles, wie in der Kirche zu Graupen, darauf hingearbeitet, um Schauder und Grauen zu erregen.
Als ich nun einmal darüber klagte, wie so Vieles in unserm Vaterlande, welches öffentlich aufgestellt wird, mehr dazu dient, die Barbarei zu befördern und das Auge zu verderben, anstatt den Sinn für Schönheit zu nähren und zu erhöhen, gerieth er in einen erhabenen Zorn und rief nach manchen Aeußerungen: Wüßten wir doch nur erst, was Schönheit ist und was wir so nennen sollen! Ist sie denn nicht so oft nur eine Verlarvung des Lebens und der Wahrheit? Auch die alten Griechen, uns Musterbilder im Schönfühlen, hegten vor jenen Klötzen und Unformen, die ihnen aus uralter, fast vorgeschichtlicher Zeit überkommen waren, eine heilige Ehrfurcht und Scheu, und die Frommen fühlten vor diesen Fratzenbildern in Ahndung und Erinnerung mehr, als vor jenen neuen, schöngeschnitzten Götterbildern. Die Süßlichkeit mancher neuen Maler oder Bildner, wenn sie den Heiland als einen Siegwart, oder empfindsamen verliebten Landprediger, oder im Akt des Brodbrechens als einen idealisirten Bäckergesellen darstellen, ist mir das Verhaßteste in allen Verirrungen unserer gefühlvollen Zeit. Das Leiden des Gottmenschen, die Geheimnisse unserer Religion, die Wehmuth, der Schreck unseres Innern, die uns von dieser dunkeln, zu nahen Erde in die himmlischen Regionen des Glaubens und Anschauens hinaufrücken sollen, können und dürfen anderer Natur seyn, als jene Bewegungen, die uns das Schöne erregt. Wo der Landmann seine Aecker überschaut, der wilde Jäger aus seinem Forst tritt, der fremde Wandersmann in den Bezirk kommt, sehen sie die Hinweisung auf Erlösung, Erbarmen, Mitleid und das Wunder des Ueberirdischen. Wird durch Fleiß und Thätigkeit, durch Tugend und Kraftanstrengung nicht immerdar etwas Geistig-Göttliches von der Qual und vom Tode erlöst? Geschieht nicht auch dieses in Arbeit und Mühe durch Schmerz und Aufopferung? Der Bettler empfängt in jedem Brodschnitt nicht nur die Milde des Gebers, sondern auch dessen Kampf und Schweiß. So weit diese Bilder hier in den frommen Gauen stehen, werfen sie ihre leuchtenden Strahlen segnend über die Aehren und die Früchte, über den jungen Wald, Bäche und Wege dahin, und Alles, so weit das Auge reicht, ist wie gesegnet und über den Tod und Fluch des Irdischen erhaben.
Wir fuhren über Dux, Brixen und Saatz, wo wir Mittag machten. Der Abend und der schönste Sonnenuntergang traf uns auf der Höhe vor Engelhaus. Ich erinnere mich kaum, in meinem Leben etwas so Wundervolles in der Natur gesehen zu haben. Ferdinand, bei dem alle Gefühle leicht in Rührung übergehen, hatte Thränen in den Augen. Sie standen seinem hübschen blühenden Gesichte sehr gut, was mit daher rührt, weil der liebe Mensch von aller Affectation völlig frei ist. Was er nun sprach, war wirklich wie in Entzückung, und als wenn er eben einer Vision theilhaftig wäre.
Kann man nicht diese Glut, diesen Purpurbrand und alle diese Röthen in ihren Abstufungen bis zum lichten Rosenschmelz, als Blut des Heilandes, vom Haupte strömend, aus der Seite, den Füßen und Händen fließend, anschauen? Sein Haupt, die Sonne, sinkt tiefer und tiefer hinab, der Nacht und dem Tode entgegen; nun ist die göttliche Scheibe verschwunden, und die Röthe gleitet ihr dunkler und farbloser nach. Er ist scheinbar todt, der göttliche Tag, und sein Alles erleuchtendes Licht erloschen. Ueber uns thürmen sich Wolken und kreisen umher, vom letzten Licht getroffen und schwach gefärbt. Sie bäumen sich auf und ergreifen flockend, anwachsend, sich lösend, diese und jene Gestalt. Es sind die alten Fabelgötter, die ein Traum- und Scheinleben erringen. Da sitzt der alte Jupiter, ungeheuer und in sich schwankend, auf seinem bebenden Dunstthrone, Bacchus erhebt trotzig und jubelnd den Pokal, und so wie er trinken will, zerfließt und schwindet der große Arm und die Figur des Trunkenen wandelt sich unvermerkt in den springenden Pardel, der jetzt den leeren Wagen zieht. Von dort schreitet der Juno erhabene große Gestalt durch das dunkle Blau, sie sucht ihren Gemahl und schrickt zusammen, weil dort schon ein goldner Stern durch den Aether blinkt. Haupt und Locken lösen sich, die gewölbte Brust schmilzt wie Silber im Ofen, die zerbrochenen Formen leuchten noch einmal auf und tauchen dort in den finstern Streif, in welchen sich alle rollenden Bildnisse versenken. Der Traum ist ausgeträumt und die dunkle Nacht tritt herauf. Ein Sternbild nach dem andern bricht aus dem finstern Dome glänzend hervor; oben die unvergänglichen festen Lichter, unten auf Erden Dunkelheit, Nacht, Tod; kein Fels, kein Wald mehr zu unterscheiden, Alles unkenntlich in eine schwarze Masse zerronnen, die ohne Anfang, die ohne Ende ist. Beides ein Bild der stummen Ewigkeit. So steht die Nacht fest, unerschütterlich, wie es scheint. Abend- und Morgenroth sind Wahn; die erhabne Unendlichkeit der Gestirne, die unzählbaren Lichter und Welten in unermeßlichen Fernen wandeln dem rückgekehrten Blick die Erde in nichtig Spielwerk und den Glauben an Gnade und Erlösung in Fieberphantasie. Der Zweifel und das Dahingeben in das Unbegrenzte, Schrankenlose, giebt sich für Wahrheit und Religion. Da erzittert die ewige Nacht in sich selbst, die finstern Wälder schütteln sich im Morgenhauch, die ergrauende Dämmerung wächst wie weissagend am Horizont empor. Plötzlich tritt die liebliche Morgenröthe hervor, mit ihren Wundern über die Berge klimmend; Farbe, Licht, Wonne, Gestalt vertreiben siegreich den Unglauben der formlosen Nacht, und der Glaube tritt wieder in die jauchzende Natur. Sie trägt, die trostreiche, freundliche Mutter, den glänzenden, auferstandenen Sohn als leuchtendes Kind in ihren Armen, und Wälder und Gebirge sind im blauen und grünen Schimmer der letzte Saum des fließenden Gewandes, wie sie aufgerichtet steht, hoch in die Himmel ragend. Und die Ströme jauchzen und schluchzen in Freude, und die Blumen lachen und duften, und die Felsen erklingen, und die Waldung rauscht Lobgesang.
Wir konnten seine begeisterten Augen nicht mehr sehen, denn es war ganz finstere Nacht geworden. Wundersam leuchteten von unten die zerstreuten Lichter aus Karlsbad, und nach vielem Rütteln und Stoßen unseres Wagens, indem einmal der große hölzerne Hemmschuh brach, der hier dem Rade untergelegt wird, gelangten wir spät und nicht ohne Gefahr in dem Städtchen an.
Am andern Morgen — wen traf ich? Unsern theuern Carl von Hardenberg, den jüngern Bruder unsers vielgeliebten nur kürzlich und leider für die ganze Welt zu früh gestorbenen Novalis. Er ist mit seiner jungen, angenehmen Frau hier, um die Bäder zu gebrauchen. Er sieht wohl aus und ist stärker geworden. An männlicher Schönheit ist er mit Novalis nicht zu vergleichen. Der schwärmende Ferdinand hat sogleich sein ganzes Herz erobert und mich, den ältern Freund, in den Hintergrund gestellt. Aber sehr begreiflich, weil sie sich in Stimmung und Ansicht begegnen. Carl Hardenberg hat uns seine Schrift: „Die Pilgerschaft nach Eleusis,“ vorgelesen, die mein Freund sehr billigte, wenn er gleich nicht Alles loben mochte. Dieser jüngere Bruder nennt sich in seinen schriftstellerischen Arbeiten Rostorf, nach einem Gute in Sachsen, nach welchem die eine Linie Hardenberg diesen unterscheidenden Namen führt. — Eben so ist Novalis ein Gut, nach welchem die ältere Linie sich unterscheidet, und welchen Namen unser Freund annahm, bloß deshalb, um sich nicht Hardenberg zu unterschreiben. Wie viel Unnützes haben schlechte Köpfe, die sich immerdar dem Bessern widersetzen, über diesen Namen Novalis gefabelt und gewitzelt.
Solltest Du nun nach Allem, was ich erzählt habe, nicht glauben, mein Reisegefährte Ferdinand sei katholisch geboren und erzogen? Allein nichts weniger, er ist Protestant und aus einem protestantischen Lande. Der wunderliche Wachtel, der sich die Miene giebt, ihn ganz genau zu kennen, ihn aber doch vielleicht nicht immer begreift, behauptet mit seiner gewöhnlichen Kälte und Sicherheit: wenn Ferdinand in einem katholischen Lande erzogen wäre, oder wenn es nur schon Ton und Mode wäre, wie es vielleicht dahin käme, sich katholisch zu dünken, so würde unser Schwärmer eben so extravagant ein Protestant seyn. Ich lasse das dahingestellt seyn. Denn wer mag dergleichen behaupten oder widerlegen?