Wir sind mit Hardenberg und seiner liebenswürdigen Frau nach dem sogenannten Heilingsfelsen gefahren. Eine von jenen Sagen, mit denen die Phantasie nicht viel anzufangen weiß, knüpft sich an diese Gegend. Die Spitzen der Felsen sind grotesk und gleichen in der Ferne gewissermaßen menschlichen Gestalten. Nun fabelt man, es sei eine Hochzeit, die plötzlich, mit allem Gefolge, in früher Vorzeit sei versteinert worden. — Mich dünkt, der Vielschreiber Spieß hat einen Geisterroman daraus gemacht. Diese gelesenen, beliebten Autoren lösen in Deutschland einander nach gewissen Zeiträumen ab, und selten, daß der neue Liebling besser als der abgesetzte Vorfahr ist. Dieselben Leser aber, die den neuen Demagogen bewundern, können alsdann nicht fassen, wie der frühere ihnen nur irgend etwas habe seyn können.

Man erlebt immer noch unerwartete, möchte man doch sagen wunderbare Dinge. In einer geistreichen, vornehmen Gesellschaft, in welche wir ebenfalls eintraten, als wir oben vom Hirschsprung zurückgekehrt waren, erhob sich zwischen zwei Baronen, schon bejahrten Leuten, ein unerwarteter und lebhafter Streit. Der ältere meinte und behauptete, das Thal von Karlsbad übertreffe nicht nur das Teplitzer bei weitem, sondern sei auch außerdem eine der schönsten Gegenden in Deutschland. Ich habe wohl erlebt, daß man Bücher, Autoren, Musiker und Schauspieler protegirt, und daß der Protektor seine Meinung, wenn er ein Vornehmer ist, so zur Ehrensache macht, daß ihm keiner, höchstens etwa ein Gleichgestellter, doch immer nur milde, widerspricht. Daß man aber in demselben Sinne auch die Natur protegiren könne, war mir eine ganz neue Erscheinung. Der Baron B. focht nun aber mit allen Waffen gegen Herrn A. für sein geliebtes Teplitz, und behauptete, dieses sei ohne Bedenken durch seine Heiterkeit, schöne Fernen, milde Luft und Bergfiguren dem elenden, bedrängten und drückenden Karlsbad vorzuziehen, wo die nahen Berge wie die Mauern eines Gefängnisses jedes Gemüth, das noch irgend Sinn für Natur habe, beängstigten. Als die beiden Gegner immer empfindlicher wurden und sich mit jeder Gegenrede schärferer Ausdrücke bedienten, wollte unser Wachtel den Streit durch gutgemeinte Uebertreibung schlichten oder lächerlich machen, indem er rief: „Meine Herren! Karlsbad, so wie Teplitz in Ehren! Aber, abgesehn von aller partiellen Vorliebe, wo immer eine gewisse Einseitigkeit sich meldet, auf die ein universeller Naturfreund, der ich zu seyn glaube, keine Rücksicht zu nehmen hat, so glaube und behaupte ich gegen sie Beide: daß der Hirschsprung dort oben schöner sei, wie irgend etwas in dieser Gegend oder bei Teplitz, ja in ganz Deutschland wenigstens, um nicht Europa zu sagen. Aber zugegeben selbst, Karlsbad sei ausbündig schön, wie schön dann der Hirschsprung, der hier unbedingt und ohne Frage das Schönste ist. Von tausend und aber tausend Malern ist nur Ein Rafael, der das Höchste und Vollkommenste erreicht hat; unter seinen vielen Bildern muß Eins das vorzüglichste seyn; auf diesem vorzüglichsten Tableau wird ohne Zweifel Eine Figur die beste seyn und — um ganz vollständig das Argument zu endigen — auf und an dieser Figur wird die Nase, der rechte Arm oder das linke Bein, oder wohl ein verkürzter Finger das allerkunstreichste darstellen — und, Vortrefflichste, diesen Finger, oder die Nase, oder was es nun sei, weise man mir nach, und ich bin in meiner Ueberzeugung glücklich, und fühle mich im Mittelpunkt der Kunst und scheere mich um den ganzen Rafael nichts mehr, die übrigen Sudler, Stümper oder vollendete große Meister gar nicht zu erwähnen. Und so ist mir mein Hirschsprung mein Delphi, mein Nabel der Erde.

Dieser Scherz aber, statt die Stimmung der Kriegführenden zu mildern, erbitterte sie nur noch mehr, und er endigte, wie ich gleich fürchtete, mit einer Ausforderung. Zum Glück ist die Sache gut abgelaufen, die Kugeln sind ganz nahe dem Ziele vorbei gegangen, ohne zu verletzen, und der Teplitzer Fanatiker ist nach seinem Lieblingsorte unmittelbar nach dem Kampfe abgereist, indem er in das Fremdenbuch seine Verachtung der hiesigen Gegend mit starken Ausdrücken eingezeichnet hat. —

Kann ein Gebildeter, so hat Baron A. diese Schmähung im Gastbuche zu widerlegen gesucht, so unbillig seyn, die Natur entgelten zu lassen, was bloß seine eigne Verstimmung, oder sein Mangel an Sinn verschuldet hat? Die Engherzigkeit kann kein Urtheil fällen, am wenigsten über ein Geheimniß, und ein solches ist und bleibt die Schönheit der Natur. Der Krittler wird immer mit ihr über den Fuß gespannt seyn.

O wie wahr! sagte Wachtel zum Schreibenden, denn nun verstehe ich erst, warum ich diesen meinen lieben Hirschsprung allen Dingen in der Welt vorziehe. Meine Vorliebe ist eigentlich das Herz und der Kern der Ihrigen, Herr Baron, wie dieser Felsen nur ein Theil des Ganzen; darum kann meine Liebe aber auch um so inniger seyn, weil sie sich durch nichts zerstreuen läßt. —

Doch genug von diesen Thorheiten; der gute Wachtel, so habe ich entdeckt, liebt den Wein noch mehr, wie irgend eine Schönheit in Kunst oder Natur. Er absentirt sich oft und huldigt im Geheim seiner Leidenschaft. Besonders ist es die sogenannte Mennische Essenz, ein vortrefflicher rother und süßer Ungarwein, der sein Herz ganz gewonnen hat. Ferdinand sieht ihn nachher oft mit seinen großen braunen Augen an, und kann aus den Faseleien und wilden Reden nicht klug werden, die Wachtel dann ohne Kritik und Aengstlichkeit von sich giebt. In diesem halben oder ganzen Rausch scheint sich dieser wunderliche Mensch am meisten zu gefallen. —

Nächstens mehr, und hoffentlich eine bestimmte Nachweisung.

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Die drei Reisenden, welche man jetzt schon die drei Freunde nennen konnte, nahmen von dem trefflichen Hardenberg Abschied und reiseten den folgenden Tag bis nach Eger. Hier fällt der große stämmige Menschenschlag auf, sowie die dürre, kalte und unfreundliche Gegend. Man besuchte, aus Verehrung gegen den großen Dichter noch am Abend das Haus, in welchem Wallenstein war ermordet worden. Am folgenden Tage fuhr man über Thiersheim nach Wunsiedel und Sichersreuth, dem Bade, welches Alexanderbrunnen genannt wird. Hier ruhten die Freunde bei stechender Mittagshitze aus und erfreuten sich an der sonderbaren Gegend und Aussicht. Die Natur zeigt sich hier wild, man möchte den Ausdruck einen trotzigen nennen; dazwischen erfreuen Wald und grüne Wiesenstellen, und wunderbar zeigt sich die nahe Luxburg und der Burgstein. In diesem wundersamen Geklipp und durcheinander und übereinander geworfenen und kühn geschleuderten Felsenmassen erhebt sich das Gemüth in der Einsamkeit der unabsehbaren Tannenwälder zu den kühnsten Träumen. Ein poetisches Grauen weht in diesen Klüften und auf den steilen Höhen.

Diese Seltsamkeiten des Fichtelgebirges, die Nähe von Wunsiedel, die barocke Gestalt der Natur, die doch nicht ohne Lieblichkeit ist, führte das Angedenken der Freunde von selbst auf ihren geliebten Jean Paul Richter. Man sprach viel über diese echt deutsche Natur und über seine wundersamen Werke, deren Ruhm sich mit jedem Jahre mehr in Deutschland verbreitet hatte. Mehr noch traten und glänzender die Gestalten der hohen Reisenden hervor, die kürzlich hier gewandelt hatten. Der Name des Königs von Preußen und seiner schönen Gemahlin war in Aller Munde. Alt und Jung rühmten die Milde und Herablassung, die Holdseligkeit der edeln Frau, und wo man nur einen merkwürdigen Fleck des Gebirges betrat, waren Spuren, Namen, Denksprüche der Einwohner, um den Regierern die Verehrung und Liebe der gerührten Herzen zu wiederholen. Wie hatte sich seit zehn Jahren die Stimmung hier und allenthalben im Baireuthschen geändert. Denn damals ging das Volk nur ungern zur preußischen Herrschaft über. Jetzt fand man sich beglückt und Alle sahn mit Vertrauen und fester Liebe zu ihren Herrschern hin; und die Reise des Königs und der Königin hierher hatte die Gemüther aller Einwohner noch mehr erhoben.