Als man sich am andern Morgen auf dem Wege nach Baireuth befand, sagte Ferdinand: sonderbar ist es, Freunde, daß man immer, wenn man die Stätte selbst betritt, wo eine merkwürdige Geschichte vorgefallen ist, wo ein großer Mann wandelte, sich in der Regel abgekühlt und ernüchtert fühlt. Es ist, als wenn die Phantasie ohne Nachhülfe der Wirklichkeit die Sachen viel besser und passender verarbeitet. So hat mir in Eger das Haus des Bürgermeisters, in welchem der Feldherr ermordet wurde, nur einen trüben Eindruck gemacht. Schiller’s tönende Reden und ergreifenden Scenen wollen sich nicht recht in diese Localität fügen; man wird durch diese Umgebung herabgestimmt und das tragische Gefühl sinkt dort zur peinlichen Empfindung eines widerwärtigen Meuchelmordes herab.
Ja freilich, antwortete Wachtel, ist es fast immer so und kann auch nicht anders seyn. Die meisten Menschen prickeln und kneifen dann an ihrem lamentirenden Herzen, um sich hinaufzuschrauben. Ein Anderes ist es freilich, in dem schönen Sanssouci zu wandeln und an Friedrich den zweiten zu denken; die Wiesen zu betreten, die sich am Avon bei Stratford hinziehn und sich dort Shakspeare als Knabe und Mann vorzustellen. Hier läßt uns die Natur frei dichten. Kirchen, wie der Strasburger Münster, Schlösser wie das zu Warwick, erheben, indem sie große Kunstwerke sind, das Gemüth auch, wenn es sich dort Geschichte und Sage vergegenwärtigt; aber so ordinaire Fleckchen, Häuser, dunkle Zimmer, Kirchhöfe, stimmen herab. Unser lieber wunderlicher Jean Paul hat mir oft erklärt, er schildere die Gegenden am liebsten, die er niemals gesehn, würde auch den Anblick derselben vermeiden, weil ihn die Wirklichkeit nur stören möchte.
Ferdinand hatte eine große Vorliebe für Berneck und die Uebrigen erstiegen mit ihm die Ruine. Hinter Berneck tritt man in die Ebene und hatte nur zuweilen den Rückblick auf das Fichtelgebirge. Als man in Baireuth zu Mittag gegessen hatte, begab man sich nach dem Garten, der Eremitage. Hier war Ferdinand sehr unzufrieden, weil man Vieles geändert hatte, um in dieser sonderbaren Composition, die aber nicht ohne poetischen Sinn entstanden war, einige sogenannte englische Partien hineinzubringen, die den gut geführten französischen Anlagen ganz unharmonisch widersprachen. Es war aber noch so viel des Schönen übrig geblieben, daß die Freunde in dem warmen Sommerwetter sich sehr behaglich in diesen grünen Laubengewölben ergingen.
Bald wandelte man, bald setzte man sich nieder, und da der Garten von Menschen nicht besucht war, so konnten sie ungestört von den Werken ihres Freundes, Jean Paul, sich unterhalten. So sehr sie ihn bewunderten und lobten, so kamen doch Alle darin überein, daß man der Kunst und Poesie Unrecht thue, wenn man seine wundersamen Bücher Romane nennen wolle. Ein Roman sei ohne besonnene Kunstanlage unmöglich, und die Plane Richter’s seien so willkürlich, unzusammenhängend und von Laune und Eigensinn gesponnen, daß gerade die scheinbare Einheit, der precaire Zusammenhang um so mehr verletze, um so mehr er oft mit falscher Künstlichkeit berechnet sei. So, fuhr Walther fort, haben wir wohl nur einen wahren Roman in deutscher Sprache, unsern Wilhelm Meister, den man nie genug studiren kann.
Wachtel sagte: dieser Wilhelm verdient gewiß alle Achtung, wenn man ihn nur nicht gegen den einzigen Don Quixote messen will. Dieses große Kunstwerk steht nun jetzt seit zwei Jahrhunderten als ein unerreichtes und als ein Musterbild da. Nicht als Muster insofern, daß andre Romane diesem ähnlich seyn sollten, sondern als Vorbild, wie jeder in seiner Welt, die er darstellt, in seinem Zweck, den er verfolgt, so durchaus ein Ganzes und Befriedigendes seyn könne und müsse.
Man hat an diesem herrlichen Buche, fiel Walther ein, ohne Noth so viel getadelt, was der weise Autor doch gerade mit vielem Bedacht seiner sinnreichen Geschichte eingewebt hat. Zum Beispiel kommen nicht die meisten Kritiker darin überein, die musterhafte Novelle des Neugierigen sei überflüssig und störend? Unser lieber Manchaner selbst, so treu, edel und herzhaft er ist, nimmt sich etwas vor, das, obgleich es schön und herrlich ist, es auszuführen er keine Mittel besitzt. Dieses Kämpfen für Recht und Unschuld, dieses Ritterthum und Kriegführen, wie er es sich vormalt, war aber auch zweitens niemals so in der Welt und konnte niemals so da seyn. Auch ein Herkules oder ein Amadis, mit allen Kräften und Tugenden ausgestattet, müßte einer solchen wahnsinnigen Aufgabe des Lebens erliegen. Nur hie und da, in verschiedenen Zeiten und Ländern, that sich etwas, mehr oder minder, von dieser poetischen Ritterwelt in der wirklichen Geschichte hervor. Die Phantasie des ebenso braven als poetischen Manchaners ist durch jene Bücher verschoben, die schon längst der Poesie ebenso sehr wie der Wahrheit abgesagt hatten. Das, was noch in ihnen poetisch war, oder jenes Phantastische, was das Unmögliche erstrebte, sowie die schönen Sitten der Ritterzeit, alles Dies durfte der ehrsame Herr Quixada wohl in einem feinen Sinne bewahren, ja sich zu jener adligen Tugend seines eingebildeten Ritters hinan erziehn; — wenn er nicht darauf ausgegangen wäre, diese Fabelwelt in der wirklichen aufzusuchen und in diesem von Sonne und Mond zugleich beschienenen Gemälde den Mittelpunkt und die Hauptfigur selbst zu formiren. Er war aber im Recht, wenn er, manchen seiner Zeitgenossen entgegen, die Lichtseite und die Poesie jener entschwundenen Zeit und Sitte würdigte, wenn er sich selbst als Dichterfreund an dem ganz Thörichten und Phantastischen seiner Bücher ergötzte. Nun aber zog er aus, alles Das, was ihm begeisternd vorschwebte, selbst zu erleben; jenes unsichtbare Wunder, welches ihn reizte, wollte er mit seinen körperlichen Händen erfassen und als einen Besitz sich aneignen.
Sehr richtig, erwiederte Ferdinand, und deshalb ist die getadelte Novelle des Neugierigen nur ein tiefsinniges Gegenbild, welches von einer andern Seite die Thorheit des Manchaners erläutert. Auch Anselm will das Unsichtbare, welches wir nur im edlen Glauben besitzen, sichtbar, körperlich in der Hand haben; das Richtige, Irdische soll ein Himmlisches vertreten und ihm die Gewähr der Treue und Liebe seyn. So zerstört er durch Aberweisheit, durch impertinente curiosidad, was wir nicht übersetzen können, die Keuschheit und den Adel seines Weibes, die ohne diese Anfechtung wohl nie jene List und schreckliche Kunstfertigkeit, die widerwärtigen Feinde der reinen Unschuld, in sich entwickelt hätte. Zweifel also auf der einen Seite, und ein thörichtes Bestreben, das Unsichtbare sichtbar zu machen, zerstören so einen geistigen Schatz, jene Treue, die der Zweifler eben so mit Recht Aberwitz schilt, wie der edle Glaube sie für felsenfest ansieht und durch eigene Kraft ihr die Unerschütterlichkeit mittheilt.
Wir sind hierüber einverstanden, antwortete Walther, geht es Ihnen aber, theurer Ferdinand, nicht vielleicht eben so? Ihre aufgeregte Phantasie würdigt die schöne und bildreiche Seite des katholischen Cultus, Sie sind in unsern späten Tagen von jener Rührung durchdrungen, die einst kräftige Jahrhunderte begeisterten. Seit kurzem ist ein religiöser Sinn bei jungen Gemüthern in Deutschland wiedererwacht, Novalis und dessen Freunde sprechen, reimen und dichten, um das verkannte Heilige in seine Rechte wieder einzusetzen; aber diese Anerkennung, diese süße Poesie des stillen Gemüthes in der Wirklichkeit suchen oder erschaffen wollen, scheint mir ganz derselbe Mißverstand zu seyn, den wir eben charakterisirt haben.
Sehr wahr, warf sich Wachtel eifernd dazwischen, — wie schön ist es, wie uns Herder einmal auf den tiefen und rührenden Sinn mancher Heiligenlegenden hingewiesen hat; nachher hat der romanhafte Kosegarten einige mit mehr oder minder Glück vorgetragen. Im vorigen Jahre sah ich den Verfasser der Genovefa und des Oktavian wieder und er erzählte mir von einem Buch und zeigte mir einige Blätter davon, welches denselben Gegenstand behandeln sollte. Die Einleitung und Form war nicht unglücklich. In einem schönen Gebirgslande verirrt sich ein edler Jüngling, der ganz in der zweifelnden Aufgeklärtheit seiner Zeit erzogen, aber dabei schwärmerisch verliebt ist, in der Einsamkeit des Waldgebirges. Unvermuthet trifft er auf einen einsiedelnden Greis, der den Ermüdeten in seine Zelle aufnimmt und ihn erquickt. Des Alten Freundlichkeit gewinnt das Herz des jungen Mannes und sie werden ganz vertraut mit einander. Ueber den Beruf der Einsiedler, über die Wunder der Kirche, über die Legende und Alles, was sich in diesem Kreise bewegt, verwundert sich der Jüngling und kann es nicht unterlassen, auf seine Weise zu spotten und mit Witz des Zweiflers zu verhöhnen. „Wie? ruft der Greis dann aus, Du bist in Liebe entzündet, Du schwärmst für Deine Sophie und kannst doch kein Wunder fassen? Ist die Blume, das Band, welches Dein Mädchen berührt, die Locke, die sie Dir geschenkt hat, nicht Reliquie, empfindest, siehst Du an ihnen nicht Licht und Weihe, die kein andrer Gegenstand Dir bietet? Wo Du mit ihr wandelst, ist heiliger Boden, wenn sie Dir die Hand oder die Lippen zur Berührung reicht, bist Du verzückt, — und doch verkennst Du in der Geschichte der Vorzeit den Ausdruck dieser Liebe, in den seltsamen Entwicklungen begeisterter Gemüther, bloß weil sie diese Sehnsucht und Herzenstrunkenheit nicht auf ein Weib hingelenkt haben?“ — Der Jüngling wird nachdenkend und besucht den Alten nun, so oft er die Stunde erübrigen kann. In diesen Zeiträumen erzählt ihm der Greis jene wundersamen Legenden von Einsiedlern, Jungfrauen, Männern und Kirchenältesten, die ihr ganzes Gemüth der Beschauung des Himmlischen, der Entfaltung jener geheimnißvollen Liebe widmeten. Diese Kämpfe des Zweifels, diese Erscheinungen aus fremder Welt, diese uns unbegreiflichen Aufopferungen werden nach und nach vorgeführt, wo sich aus dem Erzählten selbst die Erklärung und das Verständniß ergiebt. Nach einigen Monaten kommt der junge Liebende wieder zum Greise und dankt ihm, wie einem Vater, der ihm den Geist geweckt und ihm ein neues Leben erschaffen habe; er sei darum auch entschlossen, in den Schooß der alten Kirche zurückzukehren. „Nein, ruft der Greis bei dieser Erklärung, verwechsele nicht diese unsichtbare Liebe, mein Sohn, mit den Zufällen der Wirklichkeit. Du würdest, anstatt des Göttlichen, nur die Schwachheit unserer Priester kennen lernen. Wozu, daß Du Deine innern Entzückungen, die im Geheimniß Deiner Brust Wahrheit und Bedeutung haben, in die kalte Wirklichkeit verpflanzen willst, an welcher sie erstarren und verwelken müssen?“ So rieth ihm derselbe Greis ab, der ihn erst in die Liebe und Bedeutung jener Visionen eingeweiht hatte. — Und ich wende das Resultat jenes noch nicht erschienenen Buches wieder auf Dich an, mein Ferdinand. Das erste Wahrnehmen, der Blick der Begeisterung, die Aufregung der Liebe findet immer und trinkt den reinen Brunnquell des Lebens; — aber nun will der Mensch im Schauen das Wahre noch wahrer machen, der Eigensinn der Consequenz bemächtigt sich des Gefühls und spinnt aus dem Wahren eine Fabel heraus, die dann oft mit den Wahngeburten der Irrenhäusler in ziemlich naher Verbindung steht.
Somit wäre also, rief Ferdinand aus, der Indifferentismus, der nur Alles gesehn und erfahren hat, nichts aber seinem Gemüthe sich einbürgern läßt, die höchste Weisheit und Menschenwürde! Es kann aber die Zeit kommen, in welcher edle Geister sich wieder öffentlich zu dieser Kirche, dem alten, echten Christenthum bekennen.