Möglich, sagte Walther, wüßte man nur bestimmt und klar, welches das älteste Christenthum sei. Jeder deutet sich die Sache in seiner Weise aus. Auch möglich, daß die jetzt vergessenen Pietisten durch diese religiöse Anregung und Begeisterung wieder erwachen; vielleicht giebt es in einigen Jahren deutsche Puritaner und Methodisten. Die geistige feine Linie, auf welcher hier das Wahre und Schöne schwebt, kann so leicht hüben und drüben überschritten werden; — und bemächtigt sich erst die Menge, die Leidenschaft, die Turba dieser Vision — welche Religions-Manieristen mögen da noch zum Vorschein kommen, wenn nicht sogar Verfinsterung und Verfolgung, Inquisition und Haß von katholischen Priestern und vermeintlich orthodoxen Protestanten wieder gepredigt wird. — Das scheint aber wohl, daß Verliebte in ihrer erhöhten Stimmung mehr der katholischen, als einer andern Kirche zugeneigt seien, und daß Sie, lieber Ferdinand, ein Verliebter sind, habe ich Ihnen angefühlt, seit wir uns dort hinten auf der Oder zuerst kennen lernten.
Ferdinand ward blutroth, und verleugnete schwach und stotternd die Anklage. Er ist eigentlich kein Jüngling mehr, sagte Wachtel, aber seit ich ihn kenne, ist er immerdar verliebt gewesen. Doch so tief, wie er jetzt seyn mag, ist es ihm wohl noch niemals ins Herz gegangen, denn er ist bedenklich und viel tiefsinniger und launenhafter als in ältern Zeiten.
In einer schönen Mondnacht fuhren die Freunde von Baireuth ab und kamen früh, schon vor Sonnenaufgang, in Streitberg an. Sie bestiegen die Berge und besuchten die merkwürdigen Höhlen. Ferdinand, der, wie die Uebrigen, die Gegend schon kannte, war wie trunken von der schönen Natur. Ueber Ebermannstadt näherte man sich dann der Ebene; hinter diesem Orte sind die Wege so schlecht, daß man einen Vorspann von Ochsen herbeiholen mußte, um aus der versumpften Stelle den nicht schweren Wagen fortbringen zu können.
Hinter Bayersdorf streckt sich die sandige Ebene aus und man sieht ein großes, wüstes Schloß, welches in neuem Styl errichtet, aber nicht ausgebaut ist und als wunderliche Ruine dasteht.
Sehr begierig bin ich, so erzählte Ferdinand, hier einen ehemaligen Bekannten wieder aufzusuchen. Ich war ihm vor geraumer Zeit begegnet, und so kam er vor einigen Jahren wieder zu mir; er ist gelehrt und ein Enthusiast für die Dichtkunst; er läßt aber nur einzig und allein die Griechen aus der großen Zeit für Dichter gelten, und unter diesen stellt er wieder seinen Liebling Sophokles allen voran. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, daß er diesen auswendig weiß. Er kennt alle Commentatoren seines Freundes genau, er ist unermüdet, ihn zu studiren und die schwierigen Stellen zu erklären, so daß wir von diesem Eifer gewiß schöne Früchte erwarten dürfen. Dieser wackre Termheim, denn so heißt er, hat aber gar keinen Sinn für die Schönheiten der Neueren; oder vielmehr, er behauptet, sie, von seinem Standpunkte aus, zu verstehn und von dort ihre Nüchternheit und Verwerflichkeit einzusehn. Er belächelt mitleidig Diejenigen, welche den Shakspeare bewundern; er behauptet, die Barbarei dieses Naturkindes sei höchstens für den Psychologen interessant, der von seiner Stelle diese Waldnatur allenthalben zurecht weisen könne. Die Leidenschaften fast pathologisch richtig zu schildern, sei noch lange nicht hinreichend, um sich der Schönheit auch nur von fern zu nähern. Die Großheit der Alten habe recht geflissentlich alles das verschmäht, worauf die Neuern ihren Stolz gründen wollten. Unsern Göthe nennt er nur eine Ausgeburt neuester Kränklichkeit, der, zu schwach, das Große und Starke zu erfassen, und zu vornehm, um die eigentliche Gestalt des Lebens zu verstehn, in einer unsichern, schwankenden Mitte nur der Verzärtelung fröhne. Das klare Aetherlicht, der Hinüberblick über die Natur und Welt, jene gesunde Freiheit des Menschen, der Alles sieht und fühlt und sich nur dem Besten befreundet, sei nur in Homer, Pindar, Aeschylus und Sophokles zu finden, in Herodot, Thucydides, Plato und Aristoteles; mit Euripides und Xenophon melde sich schon das Krank- und Schlaffwerden der edeln Lebenskräfte. Unter den Neueren kann fast einzig und allein unser Winkelmann bei ihm Anerkennung finden.
Wenn dieser gelehrte Mann, sagte Wachtel, kein Pedant ist, so ist er ein Narr, der auch mehr vor das Forum der Pathologie, als der Kritik gehört.
Sein wir nicht so unbillig, erwiederte Walther, es kann wohl seyn, daß ein innigstes Durchdringen, ein tiefsinniges Anerkennen der echten Schönheit den Blick für die nah verwandte, wie vielmehr für die entfernte, abstumpft.
Das leugne ich eben, sagte Wachtel, die neue Zeit muß uns die alte, und umgekehrt die alte die neue erklären. Es sind zwei Hälften, die sich, um ein echtes Erkenntniß zu gewinnen, nicht trennen lassen. Solche absprechende, hochmüthige Einseitigkeit kann nur so sicher und stolz in sich selber ruhn, wenn ein völliger Mangel an Kunstsinn jeden Zweifel, wie jede tiefsinnigere Untersuchung unmöglich macht.
Spät nur kamen sie in Erlangen an. Dieser fränkische Kreis, sagte Wachtel im Gasthofe, bildet eigentlich das ganze Deutschland recht hübsch im Kleinen ab. Hier sind wir nun wieder in der sandigen Mark Brandenburg; Tyrol im Kleinen ist nicht fern, der Rhein und die Donau werden von dem artigen Mainstrom recht hübsch gespielt, und Schwaben und Baiern liegen in den fruchtbaren und heiteren Landesarten dieses anmuthigen Kreises, in welchem die Physiognomie der Natur immer so schnell wechselt. Ich habe immer den Instinkt oder die Einsicht unsers alten Maximilian bewundern müssen. Wie er sich zur Martinswand hinauf verirrt hatte, stand er ziemlich hoch, vielleicht ist ihm in der Todesangst die Eingebung gekommen, sein deutsches Reich so richtig in zehn Kreise einzutheilen, wo in jedem Natur und Menschenstamm sich so bestimmt von benachbarten absondern; oder die dortige Vogelperspektive gab ihm den richtigen Ein- und Ueberblick.
Am folgenden Morgen machte ein jeder der Reisenden seine Besuche. Walther erhielt einen Brief, indem er allein war, und sowie er ihn öffnete, rief er: ha! in Bamberg also! Endlich doch eine bestimmte Hinweisung. Ferdinand hatte seinen älteren Freund, den Professor Mehmel, besucht, wo er die Bekanntschaft des reformirten Pfarrers Le Pique machte, zu dessen warmer Herzlichkeit er sich sogleich hingezogen fühlte.