Nachmittags gingen die Freunde zu dem griechischen Gelehrten Termheim. Er freute sich sehr, Ferdinand wiederzusehen, indem er sich, ganz erhitzt, aus einem Schwall von Büchern und Papieren erhob. Jetzt werden wir einig seyn, rief er dem Freunde zu, wie sehr hatten Sie Recht, Verehrtester, mich wegen meiner einseitigen Bestrebungen zu tadeln. Jetzt begreife ich erst Ihre Natur, Freundlichster der Menschen, denn gewiß müssen wir uns unter dem Nächsten umsehn, um uns mit dem Fernen zu verständigen.
Erlauben Sie, unbekannter Herr, fiel Wachtel ein, ich will gewiß keine Blasphemie sagen, aber Sie verstehn mich wohl, wenn ich den Spruch hierauf anwende: wer seinen Nächsten nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? — Die Neueren, von Dante an, Ariost, dann Shakspeare und besonders unser Göthe, alle Diese sind unsre Brüder und Gespielen, mit uns aufgewachsen, und wenn ich von Denen nichts begreife, die doch in demselben Elemente mit mir hantiren, — wie soll ich jene fassen, die mir durch Jahrtausende entrückt sind?
Sehr wahr, rief der Begeisterte aus, und so freuen Sie sich denn mit mir, Sie fremder oder längstgekannter Freund, daß unser Werth mir endlich aufgegangen ist; ich habe ihn, den Deutschen, nun endlich ausgefunden, der die Griechen überwiegt und übersieht.
So haben Sie, rief Ferdinand, Göthe’s schöne Natur endlich verstanden? Wenn Sie auch sein Lob übertreiben (und kann man wohl einen so großen Mann überschätzen?), so freue ich mich doch, daß wir jetzt, nach Jahren, endlich derselben Ueberzeugung geworden sind.
Göthe! rief der Gelehrte mit einem sonderbaren Ausdruck des Unwillens aus, — dieser verstimmte, kranke Geist! Nein, so sehr werde ich mich nie vergessen, diesen über meine angebeteten Griechen zu erheben.
Nun, fragte Ferdinand sehr gespannt, wer ist es denn also von unsern Deutschen, der Ihnen das Verständniß eröffnet hat?
Und Sie zweifeln noch? rief jener; kann man so verblendet seyn? Sehen Sie denn nicht hier die vielen Bände seiner unvergleichlichen Werke? Wer als der einzige, unvergleichliche Kotzebue kann mit den Heroen der Welt um die Krone ringen? Unablässig, tief in die Nächte hinein, studire ich jetzt die begeisternden Productionen dieses Genius. Seine Schalkheit, sein Witz, seine Darstellung der Leidenschaften, seine Charakterzeichnung der Menschen aus allen Ständen und Ländern, die Malerei seiner naiven Mädchen, das tiefe Gefühl der Liebe, die Scenen der Armuth und des Erbarmens, diese lächerlichen Personagen, die doch nicht übertrieben sind, die Mutter-, die Kindesliebe, die Kenntniß der Vorzeit, Alles, Alles, was man nur als rühmlich erwähnen kann, vereinigt dieser Geist in seinen Werken und überflügelt durch seine Vielseitigkeit Sophokles und alle Griechen.
Gewiß! rief Wachtel, der sich zuerst von seinem Erstaunen erholt hatte, diese Griecherei ist nur eine Kriecherei und Kotzebue kann künftig als Fluch oder Betheuerung dienen, wie man wohl mißbräuchlich Kotzsapperment! oder Kotzelement statt Gottes Element auf ungezogene Weise sagt.
Mehr als verwundert über diese neue Lehre gingen die Reisenden in ihren Gasthof zurück.
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