In Erlangen war am Johannistage ein Student beim Baden ertrunken. Die besten Schwimmer hatten ihn nicht retten, die künstlichen Mittel den Jüngling nicht ins Leben zurückrufen können. Man war einem alten, angesehenen Manne böse, welcher Alles für unnütz erklärt hatte, weil jeder Fluß an diesem bedenklichen Tage sein Opfer fordere. Die jüngern Leute vorzüglich schalten mit Heftigkeit auf solchen Aberglauben, der in manchen Gegenden den gemeinen Mann wohl selbst hindere, rettend beizuspringen. Wachtel bemerkte, daß es in Deutschland noch immer Provinzen und Städte gebe, wo der Bürgersmann des festen Glaubens sei, daß am Johannistage einer aus dem Orden der Freimaurer vom Teufel geholt werde. Als man bei Le Pique, dem verständigen Pfarrer versammelt war, wo sich der scharfsinnige Naturforscher Serbeck, sowie der Professor Mehmel eingefunden hatten, hielt, nachdem viel über die Fortschritte in jener Kunst gesprochen war, durch welche Scheintodte wieder zum Leben gefördert werden können, Wachtel folgende Rede:
Verehrte Gesellschaft und präsumtive Zuhörer!
Ich will gewiß nicht zurückbleiben, die Größe unserer Zeit anzuerkennen, blicken wir aber rückwärts, um nicht zu einseitig zu werden, so gebe ich mich für den Geschichtschreiber, oder Bemerker, oder Würdiger einer nicht ganz neuen, aber noch eben nicht besprochenen Kunst — der Kunst nehmlich, die Scheinlebendigen zu tödten.
Es sei mir erlaubt, von unsern Vorfahren anzuheben. Ehe die Welt, nehmlich unsere Erde und ihre atmosphärischen Pertinenzien zur Schöpfung, wie der Rahm, zusammengeronnen war, gab es, dem Sein gegenüber, ein Nichtsein. Von diesem Nichtdaseienden wurde lange Zeit keine Notiz genommen, denn es machte sich nicht merkbar. Leiber und Geister trieben ihr Wesen hand- und fußgerecht, und man lebte so recht frisch auf Gottes Güte und in den alten Kaiser hinein, als wenn diese Zeitlichkeit schon die reelle künftige Ewigkeit wäre. Neben kräftiger Tugend und vielfachen Thaten nahmen sich Uebermuth und Laster denn freilich auch Vieles heraus, und wie rüstige Kupferschmiede hämmerten Gute und Böse mit leidenschaftlichem Treiben auf das Leben los, daß Propheten und fromme Menschen oft dachten und weissagten, die ganze Schöpfung müsse zusammenbrechen. Jahre kamen, Jahre gingen. Schwermuth, Empfindsamkeit, Sentimentalität, Ohnmacht und Unkraft zu Tugend oder Laster gingen im Schwange: — es war nehmlich die Zeit gekommen, wo sich das uralte Nichts allgemach in das Dasein eingeschustert und eingeschlichen hatte. Ich konnte aus der Welt und meinen sonst löblichen Nebenmenschen nicht klug werden, bis mir denn ein Seherblick einmal in einem merkwürdigen Traume aufging. Im Orbis Pictus hatte ich in meiner Kindheit mir wohl die Umrisse in feinen Punkten eingeprägt, welche in jenem Buche die Formen der Seelen ausdrücken sollten. Wie ich also im Traume meinen Guide, einen weisen Geist, nach dem Zustande der Dinge fragte, that mir dieser mein inneres Auge auf, und — o Jupiter! o Gemini! wie sah ich Alles anders! Viele Menschen waren robust, voll, kurz angebunden, von sich und ihrer Meinung überzeugt. Andere thätig im Gewerk und Landbau, — aber Unzählige liefen, von allen Ständen und Altern, so als fein gepunktete Schaaren herum, nichts wissend, wollend, denkend, aber sich vieler Dinge anmaßend. Wundre dich nicht, sagte mein Engel oder was mein Führer seyn mochte, über diese Entdeckung, welche du jetzt machst. Es ist nicht ohne, daß die Welt allgemach wieder ihrem Untergange entgegenwandelt. Die Nichtigkeit hat sich in alle Räder und Schwungtriebe der großen Maschine eingeschlichen. Der Mensch war als der Mittelpunkt mit seiner Kraft hingestellt, um den Körper der Welt, damit er niemals ein Leichnam werde, frisch zu erhalten. Jetzt werden es, ich weiß nicht wie viele Jahre seyn, daß die Menschheit auch mit Nullitäten angefüllt ist. Alles das Punktirte, was du wahrnimmst, sind Leiber ohne alle Seelen. Diese Körper stellen sich nur lebendig an und führen ein Scheinleben.
Abscheulich! rief ich aus: ich sehe fast mehr Tättowirte, als wirkliche Menschen. Kann die Vorsehung denn dergleichen zugeben oder gestatten?
Die Vorsehung, erwiederte mein geistlicher Präceptor, bedient sich in allen Dingen mittelbarer Mittel, und greift niemals persönlich in ihr geschaffenes, vielseitiges Getriebe. So hat sie denn, damit diese Scheinlebendigen nicht am Ende alles wirkliche Leben verdrängen und allein von der Erde Besitz nehmen, Gesetzgeber, Fürsten und echte Volkslehrer inspirirt, die sich, so viel es möglich ist, diesem Unwesen widersetzen und das Reich der Nichtigkeit auf verschiedene Weise zu zerstören suchen.
Recht! Recht! sprach ich eifernd: o groß ist Allah! würde der Muselmann hier ausrufen. — Da war eine sehr weise Cantoneinrichtung, wo die Punktirten, Nichtigen, die Eindringlinge so von Lieutenants, Fähndrichen und Unteroffizieren tribulirt, gehänselt, geplagt und ganz simpel geprügelt wurden, daß wirklich viele von diesen Scheinlebenden die Geduld verloren und sich wieder aus dem Staube machten. Ob ein Knopf so oder so saß, die Binde um den Hals um das Sechzigtheil eines Zolles zu niedrig oder zu hoch war, war ein Capitalverbrechen. Was man nur an dem Volke zwicken und kneifen konnte, geschah redlich, und ich mußte nur mit innigem Bedauern sehen, daß auch wirkliche lebendige Menschen von der übrigens weisen Anstalt molestirt wurden. Liefen die Kerle etwa davon und wurden wiedererhascht, so war ihnen eigentlich das Leben abgesprochen; die Gnade erhielten, wurden so mit Ruthen gestrichen, daß sie auch oft die Verstellung aufgaben, die Maske fallen ließen und wirklich starben. O wie trefflich fand ich die Schulen und Universitäten versorgt! Eine so fürchterliche Langeweile wurde mit Kunst da vertrieben, daß eine eiserne Geduld dazu gehörte, um sich nicht in diesen sogenannten Wissenschaften sterben zu lassen. Half Alles nichts, so wurden die Scheinseelen nachher noch examinirt, und von neuem ins Examen genommen, und wieder geprüft, daß Viele wirklich sich während dieses Examinirens davon machten. War aber Alles umsonst, so hatte man eine wundersame Art von Bündel erfunden, die man Akten nannte und die sich unsterblich immer vermehrten und vermehrten, diese wurden den Gequälten ins Haus geschickt, um wieder neue Akten daraus zu machen, so daß sehr viele zu sterben sich entschlossen. Nun gab es außerdem noch Trinkstuben, wo man mit Verstand schlechten Wein und noch schlechteres Bier fabricirte, um das elende Volk zu vergiften. Von dem Branntwein, der noch schneller wirkte, brauche ich gar nicht einmal zu sprechen. Hübsch war es auch, daß das Spazierengehen und die Freude an der Natur war erfunden worden, um das unnütze Volk aus dem Wege zu räumen: denn schon in den Schulen wurde es den Kindern beigebracht, daß sie sich ja regelmäßig erkälten müßten, weil es so möglich war, daß sie doch irgend einmal am Naturgenuß erstarben. Oft blitzte es in den punktirten Nichtseienden: es kam wie ein Bewußtsein über sie, daß sie leere Särge wären, es schien, als wollten sie sich zu Tausenden ermannen, um wie die Fliegen hinzufallen, damit das nüchterne Spiel nur aus sei. Es wäre auch wohl geschehen, und die Staatstabellen würden über die ungeheure plötzliche Sterblichkeit gewinselt haben, — aber da gab es eine höllische Erfindung, die ihnen trotz Prügel, Akten, Examen, Naturgenuß, Bier und Branntwein dennoch dies lumpige nicht lebendige Leben wieder annehmlich machte — sie rauchten nehmlich Tabak, um sich von dem entsetzlichen Gedanken, der sie befallen hatte, daß es ein wirkliches Leben gebe, wieder zu erholen und zu zerstreuen. — Ich sah nun ein, daß diese Tödtungsanstalten in jeder Hinsicht als Wohlthat für die wirklich Lebenden zu betrachten seien, und daß viele Menschenfeinde und der Verfasser „des menschlichen Elendes“ wohl anders würden geschrieben haben, wenn ihnen, wie mir, das Auge wäre eröffnet worden. Freilich möchte sich bei Untersuchung finden, daß die meisten dieser Autoren auch nur Scheinmenschen sind. —
Die Gesellschaft begab sich am andern Tage nach Nürnberg, um die Merkwürdigkeiten dieser guten alten Stadt in Augenschein zu nehmen und den lebenden Panzer und Dürers Grab auf dem Johanniskirchhof zu besuchen. Die schönen Kirchen und das Rathhaus wurden mit Aufmerksamkeit betrachtet, und im rothen Rosse, dem besten Gasthofe, erzählte Walther, wie vor zehn Jahren in diesem Hause sich etwas Seltenes zugetragen habe. Freysing, ein Student von Kopf, aber leichten Sitten, hatte in Erlangen weit mehr verbraucht, als ihm sein wohlhabender Vater bewilligt hatte. Eine große Schuldenlast drückte ihn, der letzte Wechsel, der ihm, um abzugehen, gesendet wurde, reichte bei weitem nicht aus. Er bezahlte daher nur die ärmsten seiner Gläubiger und verjubelte mit seinen Trinkbrüdern auf Spazierritten und in frohen Gelagen die ganze Summe. Am letzten Tage besaß er nur noch sechs Louisd’or, die kaum hinreichten, um auf dem gewöhnlichen Postwagen und mit Entbehrungen aller Art in seine Heimath zu gelangen. Ob mein Alter, rief er im Uebermuthe aus, jetzt mehr oder weniger schilt, kommt auf eins hinaus, denn mit dieser Lumperei reise ich auf keinen Fall zurück. Er ging nach Nürnberg und wagte die wenigen Goldstücke im Pharo. Das launische Glück war ihm so wunderbar günstig, daß er in einer Nacht so viel gewann, daß er allen seinen Gläubigern bis auf den letzten Heller zahlen konnte, welches mit Wucherzins eine sehr ansehnliche Summe ausmachte, und noch tausend und mehr Thaler von seinem Gewinne übrig behielt.
Beim Kunsthändler Frauenholz sahen die Freunde ein wundersames Bild von einem unbekannten Meister. Es ist die Mutter mit dem Kinde, ein gewöhnlicher Gegenstand, aber hier mit einer Innigkeit behandelt, die die Beschauenden entzückte. Sie küßt das Kind, und der Ausdruck in Mund und Augen ist so herzlich und ergreifend, daß man, obgleich die Gestalten nicht eigentlich durchaus schön sind, nichts Süßeres und Lieblicheres finden kann. Das Antlitz der Mutter ist so zart und fein gemalt, daß es wie aus aufknospenden Rosen gebildet ist. Die Nebensachen, Blumen und Verzierungen sind mit einem liebevollen Fleiß behandelt. Der Besitzer schrieb es unverständig dem Lucas von Leyden zu. Der Preis von zweitausend Gulden, den er forderte, war für einen Reichen nur eine mäßige Summe, um mit dieser Wunderblume sein Gemach auszuschmücken.
Als sie nach Erlangen zurückgekommen waren, reiseten sie am folgenden Morgen nach Pommersfelden. Man war verdrüßlich über den schlechten Weg, und Wachtel suchte sie mit Scherzen zu erheitern. Unter anderm sagte er, als sie von der Gemäldegallerie in Pommersfelden sprachen: Es ist sehr verdrüßlich, daß sich die Kunstgeschichte immerdar erweitert. Unzufrieden mit dem Besitz, entdeckt man neue Zeiten, Manieren, Unterschiede und Künstlernamen, von denen unsre guten Vorfahren nichts wußten. Wer sonst ein steifes Bild sah, nannte es zu seiner und Aller Befriedigung einen Albrecht Dürer, wie sie es in Italien noch machen. Konnte man bei einer etwas abweichenden Manier den Namen Lucas von Leyden einsetzen, so galt man schon für einen Gelehrten. Dergleichen Abkürzungen und Anhäufungen vieler auf Einen Namen ist immerdar in Geschichte wie Mythologie sehr ersprießlich gewesen; man kann mit Einem Herkules, Sesostris und Pharao zufrieden seyn, diese behalten sich, und man muß es der Abbreviatur der Vorzeit danken, daß sie uns das Studium bequemer eingerichtet hat. Die Aufstöberer von Unterschieden und neuen Personen sind als Aufrührer zu betrachten, die die legitimen, wohlerworbenen Rechte jener Gesammtmenschen umstoßen wollen. So war vor zehn Jahren eine vortreffliche ältliche Castellanin in Pommersfelden, welche den Fremden die Zimmer des Schlosses und die Gemälde zeigte und erklärte. Es giebt einen berühmten Correggio, von welchem jede Gallerie wenigstens ein Stück besitzen will, drei Caracci, Ludwig, Augustin und Hannibal, zwei Caravaggio, den frühern und spätern, dazu glaube ich noch einen Cagnacci, zwei Carpaccio ungerechnet, diese Herren sämmtlich, nebst allen, die nur irgend mit ihrem Namen sich dem acci näherten, hatte die unvergleichliche Frau mit weiser Umsicht in den einzigen berühmten Maler Karbatsch zusammengearbeitet. Auf diesen großen Meister wälzte sie zugleich alle jene Bilder, auf deren Urheber sie sich nicht besinnen konnte.