In der Gallerie befindet sich ein schönes Bild, welches dort Rafael genannt wird: eine Mutter mit dem Kinde. Es hat einen wundersamen Ausdruck und den Anschein wie aus der ältern lombardischen Schule. In dem großartigen Styl ist zugleich wie etwas moderne Sentimentalität. Das Bild hat an einigen Stellen gelitten und es scheint fast, als ob es durch die hinzugefügte Urne irgend eine persönliche Beziehung habe.
Mit großer Freude sahen die Reisenden das alte Bamberg wieder. Von Würzburg schrieb Walther an seinen Freund nach Warschau:
Würzburg, den 10. Julius 1803.
Ich verzweifle jetzt fast, eine Spur zu finden, da meine Hinweisung auf Bamberg nur eine trügende war. Ein Doctor Marx, der aus dem Polnischen hieher gezogen ist und seit wenigen Monaten hier lebt, sollte mir Nachrichten geben, wo sie, Maschinka, sich verborgen habe, oder wo derjenige hier in der Gegend sei, dem sie zu folgen sich hat bereden lassen. Wir lernten einen Narren in Erlangen kennen, der den Kotzebue höher als alle Autoren stellt, und meine neuen Freunde spannen über diese Erscheinung, die mir nicht so wichtig schien, vielfältige Betrachtungen aus. Wachtel behauptete, in jedem Menschen stecke irgendwo etwas, das, gepflegt oder durch Leidenschaft aus seinem Winkel zu sehr hervorgezogen, zur bestimmten Narrheit werden könne. Auch erscheine wohl ein jeder Mensch andern aberwitzig und verrückt, wenn diese ihn mit der Ueberzeugung, er sei unklug, anhörten und betrachteten. Ich bekämpfte diese Meinung. Nachdem wir den alten Dom in Bamberg besehen hatten, über welchen Ferdinand in übertriebene, thränenweiche Entzückung gerieth, machten wir dem berühmten Doctor Marcus einen Besuch. Er zeigte uns die unvergleichlichen Krankenanstalten und erzählte uns von der Art der Behandlung, so wie von manchen sehr merkwürdigen Leidenden. Ich konnte nicht begreifen, warum er mich so besonders ins Auge faßte. Als wir in der Abtheilung waren, in welcher die Geistesverwirrten verpflegt wurden, waren, indem ich mich umsah, meine Gefährten verschwunden. Es kam mir vor, als hätte früher Wachtel mich noch einigemal mit einem seltsamen Blick von der Seite betrachtet. Verstimmt wie ich war, gefielen mir des Doctors Mienen, den ich jetzt beobachtete, ebenfalls nicht. Mit einemmale überraschte es mich, daß dieser Mann jener Doctor sei, der mir Nachricht von der Entflohenen geben könne. Ich erkundigte mich mit leidenschaftlicher Heftigkeit, erzählte, fragte, beschrieb und wurde immer ungeduldiger, je weniger er auf meine Reden eingehen oder mich verstehen wollte. Als ich Abschied nahm, sagte der Mann mit der größten Freundlichkeit: Sie bleiben fürs Erste bei uns, und es wird Ihnen schon bei uns gefallen. Ich habe schon seit acht Tagen die Nachricht empfangen, daß Sie eintreffen würden, und so wie Sie nur mein Haus betraten, erkannte ich sogleich in den ersten Reden Ihr Uebel. Ihr Zustand ist noch nicht der schlimmste; nur müssen Sie fürs Erste jene Geschichte, die Sie mir da erzählt haben, sich ganz aus dem Sinne schlagen, und ich werde schon für Unterhaltung und Zerstreuung sorgen. Es ergab sich nun, daß er mich für einen Geisteszerrütteten hielt, welchen er erwartete, und ebenfalls, daß er nicht jener Marx sei, mit welchem ich ihn in leidenschaftlicher Uebereilung verwechselt hatte. Indessen mußte ich bis in die späte Nacht dort bleiben, weil er sich von meinem richtig eingefügten Verstande durchaus nicht überzeugen konnte. Endlich waren meine Reisegefährten in unserm Gasthofe wieder angelangt, sie kamen und brachten meine Brieftasche und meinen Paß mit, nach dessen Besichtigung und ihrem Zeugniß wurde ich dann als ein Kluger entlassen, nachdem der ironische Medicus mir noch viele Entschuldigungen machte, und ebenfalls behauptete, daß man jeden Menschen, auch seinen besten Reden nach, für einen Irren halten würde, wenn man das Vorurtheil einmal gegen ihn gefaßt habe. Am folgenden Morgen suchte ich den einfältigen Doctor Marx auf, der von gar nichts wußte und von mir zuerst die Begebenheit erfuhr.
Wir besuchten Bambergs schöne Umgebungen und begaben uns vorgestern nach dem Schlosse Glich, einer merkwürdigen, gut erhaltenen Ruine. Noch viele Zimmer sind im Stande und zeigen uns die Wohnung der Vorfahren deutlich. Eine herrliche Aussicht ist von oben auf Bamberg hinab. Ein alter Förster wohnt oben, der nicht zugegen war, und seine Tochter, ein wunderschönes Mädchen, der die einfache bürgerliche Kleidung sehr gut stand, führte uns herum. Unser Ferdinand, der schon seit einigen Tagen noch schwärmerischer ist, als sonst, war über Alles entzückt. Er schwatzte so viel und war dann wieder so verlegen, daß ich glauben mußte, er habe sich urplötzlich in das Mädchen verliebt. Als wir Alles betrachtet und unsern Dank zugleich mit einem Geschenke ausgesprochen hatten, und sie sich entfernt hatte, rannte der Schwärmer noch einmal zurück und dem Mädchen nach, unter dem Vorwande, daß er seine Brieftasche in einem der Säle habe liegen lassen. Wir wandelten indessen draußen umher und mußten ziemlich lange auf ihn warten. Sehr erhitzt und verlegen, wie es schien, kam er endlich zu uns zurück. Er ward aber zornig, wie ich ihn noch nie gesehen habe, als sich Wachtel einige unfeine Scherze und Anspielungen erlauben wollte. Oben liegt auf einem steilen Felsen eine Kapelle, sie war offen, von hier zeigt sich Alles umher reizend und lieblich. Ein uralter Greis schlich mit langsamen Schritten an seinem Stabe aus der Kapelle die Stufen der Treppe hinab: ein rührender Anblick. Ferdinand ging in die Kapelle, und als er sich nicht mehr von uns beobachtet glaubte, nahm er vom Weihbrunnen und bekreuzte sich mit andächtiger Miene, dann kniete er vor dem Altare nieder. So sind die Menschen. Er trat wieder zu uns, und Keiner mochte von Dem sprechen, was wir gesehen hatten, weder im Scherz noch Ernst.
Schon in Bamberg hatte er im Dom vor einem wunderlichen alten Marienbilde mit der tiefsten Rührung gestanden. Die Madonna ist hier in einem Charakter dargestellt, der völlig von dem gewöhnlichen und hergebrachten abweicht. Das Bild ist auf Goldgrund, goldne Strahlen umgeben es wie Flammen von allen Seiten. Es ist eine Copie nach einem alten florentinischen, welches schon seit lange mit Tüchern verhängt und dem Anblick unzugänglich gemacht ist, weil es dort in Italien auf die gläubigen Beschauer die ungeheuersten Wirkungen soll ausgeübt haben. Ferdinand scheint mir gar nicht ungeneigt, alle dergleichen Wunder zu glauben und für wahr zu nehmen. Wohin verirrt sich der Mensch, wenn Leidenschaft und Phantasie seine einzigen Führer sind!
Wir aßen wieder in Bamberg, gingen dann Nachmittags nach dem reizend gelegenen Buch und fuhren in lieblicher Abendkühle auf dem Wasser nach der Stadt zurück.
In der Stadt hat Ferdinand allerhand alte katholische Sagen und Legenden zusammengekauft. In Glich war er entzückt, dem dortigen Küster ein bambergisches Gesangbuch, wonach er in der Stadt vergebens gesucht hatte, abschwatzen und abkaufen zu können. Dieses hält er für einen großen Schatz und er las uns sogleich viele der Gedichte vor, die allerdings einen lieblichen frommen Sinn athmen, wenn man sich einmal diesen träumerischen Gefühlen, diesem Anklang wiederkehrender Wunder, diesem vertraulichen, kosenden und zärtlich glühenden Verhältniß zu Gott, dem Heiland und dessen Mutter hingeben kann. Dann erscheinen die Heiligen, die Schutzgeister, Christus, wie oft, in Kindergestalt, so auch die Abgestorbenheit so vieler Mönche und Einsiedler. Auch mit der Natur tritt ein geheimnißvolles Liebesverhältniß ein, wie es in den zart duftenden Liedern des Spee uns so innig rührt, die der Schwärmer hier auch aufgetrieben und uns Abends aus dem Büchelchen mit großer Bewegung vorgelesen hat. Und dann muß ich wieder an die Begebenheit mit der Försterstochter denken. Vielleicht ist es die Pflicht des Freundes, einmal ernsthaft mit ihm darüber zu sprechen.
Seine Stimmung ist übrigens im schreiendsten Contrast mit dem, was die neue bairische Regierung hier thut und wie manche ihrer Beamten sich hier betragen. Du weißt, daß die Stifter Bamberg und Würzburg, diese alten geistlichen Fürstenthümer, unlängst dem Churfürsten von Baiern zugesprochen worden sind. Eiligst hat man, um mit Rom und dessen Hierarchie ganz und auf immer zu brechen, alle Klöster aufgehoben, die Mönche zum Theil vertrieben, theils auf sehr schmale Pension gesetzt. Alles hat den Charakter angenommen, daß der gemeine Mann es wie eine Sache nimmt, die den ehemaligen Christenverfolgungen ähnlich sieht. Es ist unklug und unschicklich, wie im Dom, während am Nebenaltar eine stille Messe gefeiert wurde, die silbernen Kirchengefäße und sauber gearbeiteten Crucifixe in Kisten mit dem größten Geräusch und Lärmen gepackt und geworfen wurden. Die Käufer der Sachen waren zugegen und man zerbrach einige Kreuze mit großem Geräusch, die sich dem Kasten nicht fügen wollten. Den frommen abgesetzten Fürstbischof, so erzählt man, hat man in den Gemächern der Residenz gestört und gequält, indem man von allen Seiten Bauanstalten traf, einriß und verbesserte, ohne von ihm die mindeste Notiz zu nehmen. Viele Geistliche wandeln im stillen Grimm umher, den Küster im Dom sah ich in verbissener Wuth bei jenem Getöse Thränen vergießen. Viele gemeine Leute (das Volk ist hier religiös, selbst bigott) werden irre an sich und ihren Vorgesetzten.
Alles, was so unziemlich geschieht, ist denn wohl ein Rückschlag von vielen, welche jetzt regieren, da sie lange die Geißel und Verfolgung der Priester und Pfaffen erdulden mußten. Die Hauptumwälzung, die sich hier zugetragen hat, ist von der Zeit selbst herbeigeführt worden, sie ist vielleicht zu entschuldigen, kann seyn, daß sie nothwendig war; aber mit Anstand und Schonung konnte alles Unvermeidliche und Festbeschlossene geschehen, die politische Begebenheit brauchte nicht den Charakter einer verhöhnenden Rache anzunehmen.