In dieser unbehaglichen Lage sagte er zu sich selber: Ist es denn etwas Anderes, wenn ein Freund, der im hitzigen, oder Faulfieber liegt, von allen Aerzten schon aufgegeben, von allen Freunden schon als todt beklagt, wieder geneset? Sonderbar, daß wir immer so großen Unterschied zwischen den Krankheiten unsrer Seele und unsers Körpers machen wollen. Eins ist selten ohne das andre. Dem Elenden, der im Fieber phantasirt, vergiebt man es gern, man tröstet ihn sogar freundlich, wenn er Gott und Menschen, seine Liebsten und Nächsten gelästert hat, man nennt es nur Abwesenheit, Vergessen seiner selbst: und der Arme, dessen Seele zerrissen wurde, der, peinlich hinauf getrieben, zwischen den Extremen schwankte, der sich selbst verlor: ihm vergiebt man nicht, ihm rechnet man die Aeußerungen seiner Krankheit als Verbrechen an, und er muß es mit Dankbarkeit erkennen, wenn man es ihm nur nach Jahren vergißt, daß er diese und jene auffallende Meinung äußerte. Und so bin ich genesen, ich kehre von einer Brunnenkur zurück, da alle meine Freunde mich schon aufgegeben hatten. Wollen sie mich nicht, die mir die Liebsten und Nächsten sind, als einen Wiederhergestellten anerkennen, nun so ist es an ihnen, krank zu seyn, sie mögen dann irgend ein Bad besuchen, und es kömmt nachher auf mich an, ob ich sie als Gesunde begrüßen oder als Unheilbare von mir weisen will.

Mit diesen Gesinnungen und Entschlüssen ging er nach dem Hause des Geheimenrathes Seebach. Die Bedienten, die ihn schon von ehemals kannten, ließen ihn ungehindert eintreten. Er fragte nach Fräulein Clara; man sagte ihm, daß sie ungestört seyn wolle, weil sie sich unwohl fühle, sie habe daher erklärt, keine Besuche annehmen zu wollen. Er sagte dem Kammerdiener, daß er der Familie kein Fremder sei, und daß er alle Verantwortung auf sich nehmen wolle.

Er ging über den wohlbekannten Gang nach dem Gemache seiner Jugendfreundin. Lange stand er vor der Thür. Er lauschte mit hochklopfendem Herzen. Ihm war, als wenn er drinnen Gesang und die Töne einer Laute vernähme. Und so war es auch. Clara, um ihren Gram einigermaßen zu beschwichtigen, hatte alle ihre alten Musikstücke hervor gesucht, um sich an diesen zu trösten. Sie spielte und sang, und wiegte so, als sei er ein ungezogenes, schreiendes Kind, ihren immer wachen Kummer ein. Einige Blätter hatte sie bis jetzt überschlagen. Sie faßte den Muth, sie vor sich hinzulegen, um sie zu singen. Es waren einige Compositionen, die in bessern Zeiten Schmaling selbst zu ihren Lieblingsliedern gesetzt hatte, es waren sogar einige Lieder darunter, die von ihm gedichtet waren, und zu denen er ebenfalls die Melodie gesungen. Lange hatte sie den Trost der Musik entbehrt und darum ergab sie sich heute diesem Genusse wie eine Berauschte. Schmaling horchte entzückt an der Thür; alle Jugenderinnerungen, alle jene süßen Stunden der Unschuld kehrten in sein bewegtes Gemüth zurück. Ihm war, als hätte er den ganzen Zwischenraum, zwischen jenen Tagen und dem heutigen, nur in einem schweren Traum gelegen.

Clara hörte in ihrem lauten Gesange nicht, wie er klopfte. Als er das Zeichen wiederholt gegeben hatte, öffnete er die Thür und trat in das Zimmer. Sie saß mit dem Rücken gegen die Wand und hatte seinen Eintritt nicht vernommen. Sie sang so laut und heftig, als wenn sie an dem Liede sterben wolle. Er hatte es ihr vor drei Jahren zu ihrem Geburtstage komponirt, nicht lange nachher, als sie mit einander bekannt geworden. Er konnte sich nicht zurückhalten, er weinte laut und stürzte zu ihren Füßen nieder. —

Die Laute entfiel ihrer Hand. — Wie? rief sie aus; was sehen meine Augen? Täuscht mich kein Blendwerk? Die alte Zeit kommt wieder, der Calender lügt und mein Ferdinand ist wieder da.

Ja! rief der tiefbewegte Jüngling: da, um nie wieder von Dir zu scheiden. Zurückgekehrt, wie der verlorne Sohn, von den Trebern des Aberwitzes und der Lüge, um bei seinem Vater Schutz und Nahrung zu suchen.

So? sagte Clara, indem sie ihn aufhob; stehe auf, lieber Freund, wenn ich Dich noch so nennen darf. Also, meinst Du, soll ich nun wie das Kalb geschlachtet und verspeiset werden?

Ich bin leider das Kalb gewesen, antwortete der Beschämte, aber nun, meine süße Geliebte, nachdem ich genesen, nachdem ich die Dummheit meiner erhabenen Meister eingesehn habe, werde ich mich niemals wieder verführen lassen. Nein, auf immer bin ich zu Dir, zu jenem schlichten, einfachen Leben zurückgekehrt, das ich vor Kurzem noch mit Verachtung ansah. Fühle ich doch in allen Fasern meines Herzens und in jedem Tropfen meines Blutes, daß das Einfache, scheinbar Arme, das Nächstliegende eben das Reiche, Wohlthätige, Himmlische ist! Vergiebst Du mir meinen Wahnsinn, so bin ich der Glückseligste aller Menschen, und ich erwarte, daß Fürsten von mir Almosen begehren sollen.

Nun, nun, sagte Clara, nicht eben so eifrig, mein Freund, in der Bekehrung und Reue wie erst in der Sünde. Also jetzt willst Du kein Kapuziner, nicht katholisch werden?

Sie lachte so anmuthig, daß Schmaling den Muth faßte, sie in die Arme zu nehmen und herzlich zu küssen. Noch niemals hatte sie ihm den Kuß mit diesem Feuer erwiedert. Hierauf zog sie beide Glocken in ihrem Zimmer mit der größten Heftigkeit, tanzte im Gemach auf und ab, und als mehrere Diener ängstlich erschienen, rief sie diesen mit lauter Stimme zu: meine Eltern sollen kommen! Aber gleich! Mit der größten Schnelligkeit! Es verlohnt sich schon der Mühe, zu eilen.