Ja, liebes Närrchen, fuhr der Magus fort, sieh, deswegen muß es ja nothwendig und natürlich ein ganz miserables Ende mit ihm nehmen. Er betrügt die Welt und seine Schüler, und das ist recht und billig; mit den unter uns bekannten Kunststücken läßt er Geister und Gespenster erscheinen, aber der erste Dummkopf in der Welt ist, der selbst durch sich selbst getäuscht wird. Ich kam ihm in allen Richtungen entgegen und erwartete sein Bekenntniß, das mir allein am Tisch verständlich gewesen wäre. Aber seine Obern haben den Menschen auf eine mir unbegreifliche Art so dumm gemacht, daß, wie er auch betrügt und Andre täuscht, er doch glaubt, es werde sich ihm mit der Zeit das ächte wahre Wunder mittheilen.
Schmaling wußte nicht, wie ihm geschah. Er betrachtete die Decke und wieder den verehrten Meister, sich selbst, den Fußboden und wieder den trunknen Wahrsager, der jetzt von Wein geschwächt und von seinem Uebermuth begeistert so Vieles aussagte und verrieth, was er nüchtern geworden am Morgen wahrscheinlich bereute.
Laß die Narrenpossen, sagte der Graf, und mache es möglich, daß wir uns Beide verständigen. Du bist zu gut, um unter dem aberwitzigen Jan Hagel so mitzulaufen, Du verdienst es, die höchsten Grade und alle mit einander in einem Augenblicke zu erhalten. Ich höre, Du willst da in Deiner Stadt heirathen. Zieh mit mir, die ganze Welt steht einem so schönen, so feinen und schmiegsamen Mann, wie Du es bist, offen; alle Weiber, die schönsten und vornehmsten, werden Dir entgegen laufen. Du wärst mir dazu ganz anders brauchbar, als der tölpische Anton, Dein Jugendfreund, der aus einem Freigeist und Uebervernünftigen so mit beiden Beinen in die Dummheit hinein gesprungen ist.
Er lachte wieder, daß er vor Schmerzen inne halten mußte. Du weißt vielleicht, fing er wieder an, wie ich schon ein Weilchen in Eurer komischen Stadt als ein Herr Anderson lebte. Ich hatte so die beste Gelegenheit, Alles auszuspioniren, und mein pfiffiger Bedienter noch mehr. Ich kannte schon alle Verhältnisse, auch die Mesalliance des Herrn Anton mit einem hübschen Bauernmädchen, die er nun in seiner kühlen Verständigkeit so schlechthin aufzuopfern dachte. Dieser tugendhafte Anton wollte nun Dich, mein liebes Kind, bessern und korrigiren, daß Du den Aberglauben ließest. Das kam mir ganz erwünscht in den Weg gelaufen, daß ich mich für den großen, berühmten Feliciano ausgeben sollte, der ich zufällig selber war. Die Bäuerin hatte ich kennen lernen und ihre Verzweiflung gesehn: ich hatte von ihr ein Bildchen machen lassen, das ziemlich ähnlich war. Sollte es doch auch nur für einen Augenblick dienen. Der Professor Ferner hat ein allerliebstes Kind, einen überaus klugen Jungen. Man glaubt nicht, wenn man es nicht so oft, wie ich, erfahren hat, wie schon der ganze Spitzbube in den Kindern steckt. Das Lügen, das den meisten angeboren ist, darf nur ein wenig erfrischt und aufgemuntert werden, so geräth es fast besser, als bei den Erwachsenen, die immer darin fehlen, daß sie es zu klug, zu verwickelt machen wollen. So ein Kind wird wahrhaft begeistert, wenn es gebraucht werden soll, die Großen und Vorgesetzten zu betrügen, und es lernt eine solche Lection besser, als jede in der Schule. Mit diesem Jungen, der noch bei mir ist, hatte ich schon unvermerkt mein Spiel verabredet. Mein Diener hatte die Blendlaterne und das Bild bei der Hand, sammt dem nöthigen Rauch, die Domestiken des Hauses waren entfernt worden, und um die Sache noch schauerlicher zu machen, hatte die gute Bauernnymphe unterdessen, daß sie im Zimmer leiblich erscheinen sollte, einen Schlaftrunk erhalten. So wurde denn der Spuk und die Comödie glücklich so gespielt, wie Du sie selber mit angesehn hast.
Immer noch war es dem glaubensfähigen Schmaling, als wenn er in einem ängstlichen Traume läge. Und heute nun, fing er wieder an, als mein Lehrer und Meister sich Eurer höheren Wissenschaft so unbedingt beugen mußte?
Kluges Kind, antwortete Jener, siehst Du denn nicht ein, daß wer die Menschen betrügen will, es ja nicht zu fein anfangen muß? So wie es fein ist, wird ja auch der Scharfsinn Jener geweckt, sie werden aufmerksam, denken, passen auf, und das Kunstwerk steht auf der Nadelspitze. Grob, plump muß der Menschenkenner zu Werke gehn. Die sich dann nicht damit einlassen wollen, wenden sich ganz ab, und auch das ist Gewinn; die Andern denken: Nein, so einfältig ist doch Keiner, die Sache zu erfinden, wenn nicht irgend Etwas daran wäre. Sagst Du ihnen, Du hast Carl den Zwölften gekannt, so lachen sie Dir ins Gesicht, behauptest Du aber dreist, Du habest mit Johann Huß Brüderschaft getrunken, so glauben sie Dir. — Also mein Herz, laß Dich überreden, mit mir, als Deinem bekannten Obersten, durch die Welt zu ziehn, und ihre Schätze und Gunst mit mir zu theilen. — Oberster! Ha ha! Weil ich so viele Logen aller Art durchkrochen bin, so wurde mir denn auch von einigen Rosenkreuzern eine Signatur gezeigt, die den Messias bezeichnen sollte, der einmal erscheinen würde, um ein himmlisches Reich auf Erden zu stiften. — Du siehst, mit welcher angenehmen Dreistigkeit ich Deinen großen Meister mit dem Bagatell verblüfft habe. — Nein, als ein ehrlicher, schlichter Mann könnte ich verhungern, als ein berühmter Charlatan bin ich reich und beherrsche Männer und Weiber und kann wie ein Sultan gebieten und walten. Lockt Dich denn diese Aussicht nicht, liebstes Kind? Du bist so viel schöner, als ich, Du kannst ja Deine Jugend nicht besser genießen. Mir hat so ein Wesen noch immer zu meinen Erscheinungen gefehlt, wer weiß, welchen Engel wir droben im Norden aus Dir machen. Wer weiß, welche Monarchin Dir ins Netz läuft, — wer weiß — kurz, komm mit!
Der ägyptische Wein hatte so stark gewirkt, daß der Großmeister jetzt einschlief. Am Morgen, als er erwachte und sich besann, konnte er sich nur dunkel erinnern, was er gethan und gesprochen hatte. Aber das drückte ihn schwer, daß er sich gegen Schmaling auf irgend eine Weise zu sehr herausgelassen habe. Er sendete sogleich nach diesem, um entweder mit Klugheit ihm Alles wieder auszureden, oder, wenn dies unmöglich sei, ihn im halben Vertrauen stehen zu lassen und durch Drohungen zum Schweigen zu zwingen. — Aber Schmaling war verschwunden und nirgends zu finden, auch Sangerheim konnte keine Nachricht von ihm geben, der mit Schmerz und Aengstlichkeit die unbegreifliche Entfernung des Jünglings beklagte.
Als nicht zu helfen war, schickte Feliciano einen drohenden Befehl an Sangerheim, den jungen Schmaling niemals wieder als Bruder in seine Loge zuzulassen, dieses Verbot auch andern Logen mitzutheilen, die mit ihm in Verbindung ständen, das Gleiche würde er allen Brüdergemeinden zusenden, die von ihm abhängig wären, weil er entdeckt habe, daß dieser Schmaling ein Bösewicht, Verleumder und ganz unwürdiger Bruder sei, der nur damit umgehe, alle Geheimnisse des Ordens auf eine schändliche Weise zu verrathen, und die Meister selbst durch die abscheulichsten Lügen öffentlich zu beschimpfen.
Sangerheim zitterte, und Feliciano eilte, mit seinem Zuge seine Reise nach dem fernen Norden fortzusetzen. —
Schmaling war mit den schnellsten Postpferden zur Residenz zurückgekehrt. Er wußte nicht, wie er sich benehmen sollte, er hatte nicht den Muth, in das Haus seines Schwiegervaters zu gehen, er konnte es sich nicht als möglich denken, nur den Bedienten gegenüber zu treten, um sich melden zu lassen.