Jetzt ward es den Vertrauteren, und späterhin den Uebrigen bekannt, daß Sangerheim verheirathet sei, und seine Frau bei ihm wohne. Da sie krank und leidend war, hatte er ihr Dasein Allen verschwiegen. Die Wenigen, die sie zuweilen auf einen Augenblick sahen, bemitleideten sie, oder entsetzten sich vor ihr, wie vor einer Geistererscheinung. Sie war noch jung, aber todtenbleich, schwach und matt. In dem weißen und abgemagerten Gesicht glänzten die Augen mit einem sonderbaren Feuer. Sie hatte kaum Stärke genug, aus einem Zimmer in das andre zu gehn, und es geschah wohl, daß sie mitten in ihrer Rede abbrach und einschlief. Dann sprach sie sonderbar, oft unzusammenhängend, oft, als wenn sie Erscheinungen sähe. Sie hatte keinen Arzt, sondern der Mann, der sich die größten Kenntnisse zutraute, behandelte sie selbst auf eine geheimnißvolle Weise: er suchte sie durch Gebet, Händeauflegen und Beschwören zu stärken. Wegen dieses sonderbaren Zustandes der Leidenden war es selbst den Vertrautesten nur durch Zufall möglich gewesen, sie auf Augenblicke zu sehn und zu beobachten.

Nach einer schlimmen Nacht, in welcher sie von Schmerzen sehr gequält war, sagte sie am Morgen zu ihrem Gatten: Ach, Alexander! das war nicht die Aussicht, die wir hatten, als Du mich heimlich, fast mit Gewalt aus dem Hause meiner guten Eltern nahmst. Welche Pläne machten wir damals, was hofften wir Alles von unsrer Liebe. Nun ist Alles dem Tode verfallen! Ach! und welch gespenstisch Leben, welch sterbendes Dasein ward mir in Deiner Nähe. Nun, ich fühl’ es, es ist zu Ende.

Nein, geliebte Theodora, tröstete sie der Mann: nein, meine Geliebteste, ohne die das Leben mir selbst nur eine Last seyn würde. Glaube mir, Alles nähert sich einer glücklichen Entwicklung. Ich sehe, Du wirst mit jedem Tage besser, in wenigen Monaten ist Deine Gesundheit und die Blüthe Deines Leibes wiedergekehrt. Du bist wieder heiter und froh, Du hast wieder Muth und Kraft, wie in den ersten Tagen unsrer Liebe.

Liebst Du mich denn noch? fragte die Kranke, mit einem sterbenden Blick.

Theodora, rief Sangerheim, außer sich vor Schmerz; diese Frage und dieser Blick könnten mich tödten. Es wühlt mein Herz um, und zernichtet meine Kräfte, daß diese Zweifel Dir immer wiederkehren.

Ich darf nicht sprechen, antwortete sie matt, denn Deine Heftigkeit geht dann wie ein schneidend Messer durch meinen Leib und meine Seele.

Ich will sanft seyn, milde, Geliebte, antwortete er demüthig, sprich Deinen Kummer aus, nur zweifle an meiner Liebe nicht.

Was nennst Du so? fuhr sie fort; Deine Liebe ist Dir doch nicht heilig, Du opferst sie auf, sie ist Dir nur Mittel zu andern Zwecken. O, mein Engel, wenn Du Dich von jener Verbindung losmachen könntest, o zerbrich sie, mein süßes Herz, entzieh Dich jener Gesellschaft, die mir immer schrecklicher erscheint, die Dich verderben wird.

Nein, meine Liebste, antwortete Sangerheim gerührt, ich erkenne Deine Liebe in jedem Deiner Worte, aber diese Männer, von denen ich Dir einmal in einer schwachen Stunde erzählt habe, kennst und würdigst Du nicht. Denke nur zurück, wie arm, wie dürftig unser Leben war. Als österreichischer Offizier, in einer kleinen Garnison, von rohen, unwissenden Menschen umgeben, mit schmalem, unbedeutendem Gehalt, ohne Hoffnung, es weiter zu bringen, — was war da unser Loos? Wie armselig, dürftig und verächtlich war diese Existenz! Und betrachte jetzt den Ueberfluß, die Ehre, den Schwarm der Freunde und Bewunderer.

O Alexander, seufzte sie, führe mich in jene enge Dürftigkeit zurück, gieb mir unser damaliges Leben wieder, und ich will Dir auf den Knieen danken. Wir waren gesund, wir hatten uns keine Vorwürfe zu machen, denn die Eltern waren mir wieder ausgesöhnt. War unser Einkommen klein, unsre Habe unbedeutend, so genossen wir Alles mit kindlichem dankbaren Sinn und mit einem reinen Gewissen. Als Du in jene Verbindung getreten warst, nahmst Du Deinen Abschied, mußtest ihn nehmen. Seitdem ist Alles so unklar und unheimlich. Und unser Wohlstand: mir ist, Du stehst auf einer dünnen, dünnen Eisrinde, und unter Dir liegt der tiefe Abgrund.