Geliebteste, Freundin, Gattin, erwiederte er liebkosend, beruhige doch endlich Deine Seele über diesen Punkt. Wie wird sich Alles anders, und zu Deiner schönsten Zufriedenheit entwickeln. Jenen edlen Männern darf ich vertrauen, denn ich war ja Zeuge, daß sie Uebermenschliches vermögen und wissen. Wie viel haben sie mir schon anvertraut, wie Vieles vermag ich durch sie. Mit jeder Post kann es ankommen, das Größte, das Beste, was noch zurück ist, in jedem Reisenden kann der Ersehnte vom Wagen steigen, der mir Alles enthüllt, so daß keine Frage und kein Wunsch mehr übrig bleibt. Alle ihre Briefe deuten auch dahin.
Brauche ich Dir zu sagen, antwortete die Kranke, daß Alles, was Du bis jetzt errungen hast, Kunststücke sind, die nur darum den Menschen unbegreiflich und wundervoll erscheinen, weil die Wissenschaft sie noch nicht gefunden hat? Jeder Gelehrte kann sie zufällig entdecken, und diese donnernden Explosionen, die sich durch einen Wurf, ohne Spur entladen, werden dann vielleicht ein Spielwerk, mit dem sich die Kinder erschrecken. Und Deine Operationen, diese Blendwerke der Erscheinungen, diese Bilder, die Du zeigst, Deine künstliche, innerliche Sprache, die, wie aus der Ferne, wie die eines Fremden klingt, und womit Du so Viele entsetzest, und sie zu Deinen Zwecken führst; daß ich selbst auch als Geist auftreten muß, — o Alexander, wohin sind wir gekommen? Wie muß die Welt uns ansehn, wenn Alles einmal bekannt wird.
Liebste Frau, sagte Sangerheim beängstigt, Du hättest Recht, wenn wir nicht mit den Edelsten aller Menschen, mit den Uneigennützigsten, mit den Weisesten in Verbindung ständen. Daß sie das Beste wollen, daß ihre Pläne gut sind und zum Heil aller Menschen hinstreben, davon dürfen wir uns überzeugt halten, so seltsam auch ihre Wege, so krumm sie auch laufen mögen. Ihnen liegt es ob, dies zu verantworten, wenn sie im Unrecht seyn sollten. Ich muß erfüllen, was ich ihnen gelobt habe. Ich kenne die Täuschung, die ich mir erlaube, aber ich bin vom guten Zweck überzeugt. Und jenseit aller Täuschung sind wir ja im Besitz so manches wahren Wunders. Dein Gebet wirkt kräftig, das meinige stimmt Deinen Geist. Du siehst, Du sprichst mit abgeschiedenen Freunden, sie entdecken Dir Geheimnisse; Du siehst in weite Ferne und durch verschlossene Thüren. Dir ist, wenn Du fest willst, Nichts verborgen.
Die blasse, leidende Gestalt seufzte schwer. Ach, Liebster! klagte sie dann mit erlöschenden Tönen, daß ich auf diese Weise in Deinen weltlichen Absichten Dir habe helfen müssen, ist vielleicht die größte Sünde, die Dir der Himmel nicht anrechnen, und mir meine Schwäche und Nachgiebigkeit verzeihen möge. Die Liebe zu Dir hat mich weit geführt. Dieser künstliche Schlaf, dieser unnatürliche, den Du mir Anfangs erregtest, und der sich jetzt immer mehr von selbst einstellt, hat mir Gesundheit und alle Kräfte aufgezehrt. Oft weiß ich nicht mehr, ob ich noch bin, und kann mich auf meinen eignen Namen, oder auf Deine Gestalt nicht besinnen. Ja wohl ist dies eine Zauberei zu nennen, die den Menschen aus seinem eignen Innersten entrückt; aber eine verderbliche. So Vieles habe ich Dir entdecken müssen, hier und in jener Stadt. Mir ist, ich habe nicht allein die Kräfte meines Körpers, sondern auch Theile meiner Seele dabei zugesetzt. Wenn Du mich so auf eine Frage gewaltsam hinheftest, wenn ich im Schlafe sehen und finden muß, was Du verlangst, so dehnt es sich in meiner Brust, in meinem Kopf. Diese fließenden leichten Gewölke werden immer dünner und feiner, und mein Selbst, mein Sein weicht wie in eine schwindelnde Ferne hinweg, daß ich in einer entsetzlichen Angst nach ihm zurückblicke. Jenes fließende, fliehende Wesen, das ich selbst nicht mehr bin, faßt und sieht dann in meinen Körper, in Dich, in alle Wesen mit einem kalten Schauder hinein. Ich frage, ohne den Sinn zu wissen, und höre von Geistern die Antwort, und sage sie Dir im Schlaf, und Alles ist nur ein Echo. Oft, wenn ich dann wieder erwachen soll, greift das blasse, fließende und entflohene Wesen nach dem eigentlichen Ich mit Entsetzen zurück, und kann es nicht wieder finden. Nein, mein Ich ist manchmal fort; ich kann mich auf mich selbst nicht besinnen. Der Geist fürchtet, er könne vergehn, sich selbst vernichten. Nein, Liebster, wenn Du noch einiges Erbarmen mit mir hast, nicht mehr diese Experimente, versprich es mir.
Sangerheim gab ihr geängstigt stumm die Hand. Er wußte wohl, wie viel er ihren künstlich erregten Visionen zu danken hatte. Durch dieses Mittel hatte er damals für den Rath Seebach jenes Dokument gefunden. Er stand jetzt an einem furchtbaren Scheidewege seines Lebens. Denn ohne daß seine Gattin ihn so schmerzlich zu erinnern brauchte, war er selbst schon mehr wie einmal an sich und seinem Beginnen irre geworden. Er fing in manchen Stunden an zu zweifeln, ob denn der Zweck die Mittel heiligen könne. Eine Lehre, die ihm bis dahin als unerschütterlich erschienen war. Mit Angst wartete er auf Briefe und Aufschlüsse, die man ihm verheißen hatte, damit er den Trug könne fallen lassen, seinen Eingeweihten ein eigentliches Geheimniß sagen und erklären, und im Besitz wirklicher Wunderkraft, des Steines der Weisen und der Tinktur glücklich seyn. Er hatte nach seiner Ueberzeugung erfüllt, was er versprochen hatte, ja mehr ausgerichtet, als man erwarten konnte, aber die letzten Briefe, die er erhalten und die er sehnend erwartet, sprachen so zweideutig, erfüllten so wenig, was er forderte, und umgingen die Frage so behutsam, daß er sich mit allen Kräften der Hoffnung und des Vertrauens nur einigermaßen beruhigen und auf die nächsten Nachrichten vertrösten konnte.
In dieser Verstimmung seines Gemüthes faßte er die Hand der Kranken, und machte, ohne daß sie es bemerkte, die Striche, die den Schlaf herbei riefen. Sie entschlummerte mit einer Zuckung Augenblicks, indem sie nur noch wimmernd: nicht Wort gehalten! im halben Wachen ausstieß. —
Er fragte sie jetzt um die Zukunft. Der Busen der Kranken arbeitete schwer. Ach! Nichts! Nichts sehe ich, sagte sie, wie schluchzend in sonderbaren Tönen: da liege ich, weit, weit weg; nicht ich, — die Hülle. — Glanz, Licht, — aber ohne Schein. Es saugt mich hinauf. Meine Mutter nimmt mich, nicht meine Mutter, ihre Liebe, das ist mehr als sie. Wie rein ist ihr Herz. Das reinigt auch meinen Geist, mich. Mir wird so leicht, so wohl. Das, was ist, ist nicht eigentlich. Wir verstehn es unten nicht. Alles nur Schein, Hülse, der Tod. Das Sein ist anders: kann unten nicht gefaßt werden.
Sangerheim richtete durch Fragen ihre Gedanken anders. O weh! rief sie in einem scharfen Ton: — da ist Dunkel, Verwirrung, das Elend. O du Lügner, warum verkehrst du mit der Lüge so holdselig? Dein Herz bricht, dein Kopf zerspringt. — Nach jenem Dunkeln soll ich forschen, sehn? Mein Auge reicht nicht hin, mein Zittern verdämmert mir den Blick. Alles schwarz. Aber näher kommt’s. Grauen, Angst, kein Licht. Sie brüten selbst, sie suchen. Keine Liebe in ihnen. — Ja wohl ist es aus, aus für dieses Leben. Brief geschrieben, gesiegelt. Kann nicht — kann nicht lesen. Wär’ es gut, könnt’ ich’s; die Liebe könnte lesen, so bleibt’s finster. — Ach! — du, — du — auch fort, weggetragen, — willst mich nicht kennen, nicht hier kennen, wo Friede ist? Sehe dich gehen, höre deine Stimme, kann dein Gesicht nicht finden; wo die lieben Augen? — Alles weg!
Ach! so, so ist es gemeint? fing sie nach einer Pause wieder an; ja, ja, es wird ihm schwer gemacht. Er hieß Alexander. Gut war ich ihm, er war so lieb. Wird wieder, aber spät, spät, — ach! kann er glauben? Gott, du bist gnädig. — Laß ihn nicht zu sehr verfinstern. Jesus, vergieb ihm. — Nun ist es weg. Nun ist mir wohl. Nie werde ich mehr in die Tiefe des Irdischen schauen. Alle Tiefe vergeht; es wird Alles Ein Augenblick, Eine Gegenwart, Ein Lichtpunkt, und ich unsichtbar, mir selbst unfühlbar, in der Mitte des himmlischen Punktes. Nichts war, Alles ist und bleibt. Es zieht, es flieht nicht mehr, festes Bild wird es. — Nun reicht der Strahl aus mir nicht mehr zurück, er ist zu kurz, das Leben ist fern, weit und fern: besser so, — denn — nein — besser so — ach! kein Sehnen mehr, kein Schmerz mehr, — die Freude war schon lange todt.
Sie verstummte: er horchte, er wiederholte die Striche und verstärkte seine innere Aufmerksamkeit, aber die Entschlafene sprach nicht. Da sein Bemühen heut, was noch nie gewesen, vergeblich war, so strich er mit den Händen in entgegengesetzter Richtung, um sie wieder zu erwecken, aber eben so fruchtlos, sie erwachte nicht wieder, denn sie war gestorben.