Als er sich nach manchen vergeblichen Bemühungen, sie wieder ins Leben zu rufen, von der Wirklichkeit ihres Todes überzeugen mußte, warf er sich verzweifelnd zu ihren Füßen nieder, und wüthete gegen sich selber. Wie er etwas mehr zur Besinnung gekommen war, rief er aus: ja, du, du Unglückseligster, hast die Aermste ermordet! Was ist mir alles Leben nun ohne sie? Ohne sie, für die ich mir Glanz und Wohlstand wünschte? Wie schaal und abgenutzt liegt jetzt mein ganzes Dasein vor mir, wie arm, was ich etwa noch erstreben kann. Und wie liebte sie, die Aermste, mich Unwürdigen! Als sie damals, wie ihre Krankheit zuerst sich verkündigte, von der langen Ohnmacht erwachte, war ihr erstes Lebenszeichen, daß ihr redlicher Blick mich gleich suchte. Sie hatte alles Andre vergessen, aber nicht, daß ich um sie bekümmert war. Sie hätte mir ja auf unsern Spaziergängen gern jeden rauhen Stein aus dem Wege geräumt. Und mein Dank für alle diese Hingebung? — Daß ich ihre Gesundheit durch diese magnetischen Künste vernichtete, daß ich ihren Geist verwirrte, daß ich muthwillig ihr liebendes Herz zerbrach. Nein es giebt keine größere Sünde, es giebt gar keine andre, als die der Mensch gegen die Liebe begeht. — Ach! Du Süßeste! wo ist jetzt Deine blühende Jugend? Wo sind die Rosenwangen, und das Grübchen des freundlichen Lächelns, mit dem ich Dich neckte, wenn wir im kleinen Garten Deiner Eltern zwischen den Rosenbüschen saßen? Wo sind nun alle die Träume der Liebe? Wo die Pläne, die wir für das Leben entwarfen? Diese blasse Hülle, die hagre Gestalt ist von all der Lust und Freude übrig geblieben, um mir zu sagen, wie armselig und kläglich das menschliche Leben sei, um mir zuzurufen, daß ich ein Bösewicht, ein Verworfner bin, der trotzig durch das Leben geht, und Dich, süße Blume, roh zertreten hat.
Er setzte sich wieder zum Leichnam nieder, faßte die dürre Hand, bedeckte sie mit Küssen, und weinte bitterlich.
Wort müssen, Wort werden sie mir halten, sagte er nach einer Weile zu sich selber; mein Elend wäre zu unermeßlich, wenn sich auch diese Hoffnung in Tod und Leiche verwandelte. Was bliebe mir? Die nackte, kahle Lüge, der verächtliche Betrug. Dem könnte, dem möchte ich nicht ferner leben. Ist denn sterben so schwer? Sie ist erloschen, wie die Kerze, wie der letzte still verborgne Funke in der Asche. Wenn ich verloren bin, so will ich kein Dasein erbetteln, und in Lumpen und dem Auskehricht des Lebens Kleinodien suchen, die ich wirklich besaß und wegschleuderte, als ich noch wie ein König glücklich war. Jenseit will ich sie dann wieder aufsuchen und das keck verachten, was Verachtung verdient. — —
Bei ihrem Begräbniß folgten die vertrautesten der Brüder. Er schien seine Fassung wieder errungen zu haben. In fester Stellung, mit edlem Schmerz stand er am Grabe der Geliebten und sah die theuern Ueberreste versenken. Freilich war es ihm oft, als wenn alles Leben nur ein Traum sei, oder ein Schauspiel, in welchem er mit Anstand seine Rolle zu Ende führen müsse.
Als er nach Hause kam, fand er folgenden Brief, den er hastig erbrach:
Die — — sind mit Euch, mein Freund, nichts weniger, als zufrieden, denn Ihr setzt ihr Geheimniß, ihren Ruf und ihre Ehre auf ein zu leichtsinniges Spiel. Das ist es nicht, was Ihr verheißen habt, und was man von Euch erwartete. Es hat sich erwiesen, daß der Rath — —, dessen Ihr so sicher zu seyn glaubtet, sich kalt zurückgezogen hat, daß Ihr jene Stadt meiden mußtet. Und wie lange werdet Ihr in der jetzigen Euer Spiel noch forttreiben können? Man verwundert sich, man forscht nach, und, was das schlimmste ist, man lacht. Wie schlecht seid Ihr dem Charlatan, dem Feliciano, gegenüber bestanden! Wer solche plumpe Angriffe nicht einmal zurück zu schlagen versteht, der ist zum Missionar verdorben. Auf die Anfragen, auf Eure Forderungen, kann ich nichts Bestimmtes erwiedern. Es heißt, die Loge wird verlegt werden: wenn es geschieht, so ist noch nicht entschieden, wohin. — —
Sangerheim knirschte. Mit Todesschweiß schrieb er schnell einige drängende, fordernde, beschwörende und beredte Briefe, um das Aeußerste und Letzte zu versuchen, denn seine Hoffnung, ein wahrer Magier zu werden, war nun fast schon verschwunden.
Wenn sie mich so um mein Leben betrogen hätten! rief er aus, büßen sollten sie es! — Doch nein, ich zittre vor mir selber: weiß ich ja doch, daß sie jeden Laut in der Ferne vernehmen, und daß sie jeden meiner Gedanken kennen. Drum muß ich, will ich alle meine Gefühle unterdrücken, und nur das Beste, Edelste von ihnen erwarten.
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Im Hause des Geheimenrathes war Alles so ziemlich wieder zur Ordnung zurückgekehrt. Die Hochzeit der Tochter näherte sich, und Schmaling war im Bewußtsein seines Glückes in solcher Stimmung, daß er selbst die Namen Feliciano oder Sangerheim nur ungern nennen hörte. Er verdammte den Trieb, sich vom Wunderbaren und Geheimnißvollen anlocken zu lassen, so unbedingt, daß selbst Clara ihn tadelte, wenn er auf Geistergeschichten oder Erzählungen schalt, die durch ein gewisses Grauen die Aufmerksamkeit spannen, und die Phantasie in Thätigkeit setzen. Er wollte kein unschuldiges Spiel hierin mehr erkennen, sondern meinte, diese Anlage und Stimmung unseres Geistes sei durchaus verderblicher Natur, und könne nur zum Unheil führen, es sei daher die Pflicht eines jeden Verständigen, diesen Trieb in sich völlig auszurotten.