Der Vater hatte unterdessen an seinen Sohn Anton geschrieben, um ihn zu bewegen, zu seiner Familie zurückzukehren. Nur Einiges hatte er ihm von jenen Geständnissen gemeldet, die der trunkene Magier gegen Schmaling halb unbewußt gethan hatte; er hatte ihn auf die Gefährlichkeit dieser Verbindung, auf seine bedenkliche Stellung zur Welt aufmerksam gemacht, er hatte ganz den Vater und die väterliche Autorität, so milde der Brief war, sprechen lassen, aber vergeblich. Der Sohn antwortete in einem scharfen, höhnenden Tone: wie sonderbar es sei, daß der Vater jetzt gegen Geheimnisse spreche und große Charaktere verfolge, da doch er, der Sohn, von Jugend auf so viel von diesen Geschichten in seiner Familie habe vernehmen müssen. Es sei ja bekannt genug, wie er selbst früher gegen alle leere Schwärmerei, Geistersucht und dergleichen gesprochen habe, er habe sich nie blenden lassen, und wenn er jetzt einer andern Ueberzeugung folge, so könne man ihm wohl zutrauen, daß er geprüft und untersucht habe, und nicht leichtsinnig einem unreifen Gelüste folge. Wenn Verleumder seinen großen Meister lästerten, so geschehe nur, was sich seit den ältesten Zeiten ereignet habe, daß der Pöbel die Wohlthäter der Menschen und die leuchtenden Genien verfolge. Was seinen Schwager Schmaling betreffe, so verachte er einen solchen Elenden zu tief, um irgend noch Worte über ihn zu verlieren. Sein Meister habe ihm diesen Lügner und dessen Verächtlichkeit hinlänglich geschildert. Er hoffe übrigens, in der Lage zu seyn und zu bleiben, daß er weder auf einen Theil des väterlichen Vermögens, noch auf irgend eine Unterstützung Ansprüche zu machen brauche, wünsche aber dagegen, daß man ihn nicht hofmeistere, als ein Kind behandle, das der Zurechtweisung noch bedürfe. Er werde in Zukunft, wenn er der Familie selbst zu Glanz und Ehre verhelfe, übrigens gern vergessen, daß er früher einmal von seinen allernächsten Verwandten so sei verkannt worden.

Der Vater, der Obrist und Alle erstaunten über die ungeheure Verblendung des Sohnes, vorzüglich, wenn sie seiner früheren Art gedachten.

Die Zeit war indessen herangekommen, in welcher Sangerheim versprochen hatte, durch Rückzahlung des letzten Capitals seine geheimnißvollen Papiere auszulösen. Geschah es nicht, so gehörten dem Rathe diese Mysterien, die von der höchsten Wichtigkeit seyn sollten, und von denen selbst das Leben Sangerheims, wie er geäußert hatte, abhinge. Der geheime Rath machte sich also mit jenen wichtigen, fest verschlossenen und vielfach seltsam versiegelten Dokumenten auf den Weg nach jener Stadt, in welcher der Magier seitdem seinen Sitz aufgeschlagen hatte. Der Professor Ferner begleitete ihn. Sie reiseten in der Nacht, und wechselten vielfältige Gespräche, indem sie sich alter Zeiten und vieler Erfahrungen erinnerten. Der Professor sagte endlich: Sei der Mensch auch so ruhig und fest, wie er immer wolle, er hat eine Stimmung, einen Moment der Schwäche, wo ihn doch Dasjenige wiederum ergreifen und beherrschen kann, was er längst abgeschüttelt zu haben glaubt. Und so ist es mit Zeiten und Völkern auch. Wer kann unterscheiden oder bestimmt verneinen, ob es nicht physische Krankheit sey? Ob es oft nicht in der Luft liege, und wie jede Seuche anstecke? Es scheint zu Zeiten unmöglich, sich gegen den Einfluß der Thorheit zu schützen, so wie wenn der Körper erst durch Mangel an Diät oder Zufälligkeiten so gestimmt ist, man der Erkältung durchaus nicht ausweichen kann, verwahre man sich auch, wie man will. Jetzt ist es mir völlig unbegreiflich, wie ich mein geliebtes Kind jenem Wunderthäter hingeben konnte, es erscheint mir jetzt als ein völliger Wahnsinn, als gottlose Sünde; und doch pries ich mein Geschick (und seitdem sind nicht viele Monde verflossen), daß jener große Mann den Knaben würdigen wollte, ihn in die Schule und sich seiner anzunehmen. Ist aber unsre Schwäche so groß, oder ist es zuweilen ein Fatum, das uns ergreift, eine unausweichliche Nothwendigkeit, so sollten wir wohl im Leben gegen unsre Nächsten, oder in der Geschichte gegen merkwürdige Verirrungen billiger und nachsichtiger seyn, als wir uns bewußt sind, diese Nachsicht auszuüben.

Es muß sich austoben, erwiederte der Rath; das ist ein Ausdruck, den ich mir seit einiger Zeit angewöhnt habe. Das ist der einzige trostlose Trost, den ich mir in Ansehung meines Sohnes geben kann, den ich für verloren achten muß. — —

Sangerheim war indessen in einer Stimmung und Gemüthsverfassung, die sich schwerlich darstellen läßt. Auf seine vielen und dringenden Schreiben hatte er noch einmal eine kurze Antwort von einem Manne erhalten, der sich früher seinen Freund nannte, und der ihm jetzt meldete, dies sei der letzte Brief, den er ihm senden könne, indem er eben in den Wagen steige, um nach Italien, und von dort nach Griechenland und Constantinopel zu reisen. Von Geldsendungen war keine Rede, und doch hatte Sangerheim auf diese, und zwar auf sehr bedeutende, gerechnet. Er meinte, er dürfe es, nach allen früheren Betheuerungen und Versprechungen. Er war von Schulden bedrängt; um glänzend aufzutreten, hatte er Alles wieder ausgegeben, was ihm von Freunden und Schülern zugeflossen war. Um sein Ansehn zu vergrößern, und sich mehr Zutrauen zu erwerben, war er in der Wohlthätigkeit ein Verschwender gewesen. Er schrieb noch einmal, und zwar unmittelbar an einen Mann, den er für einen jener Obern halten mußte, aber indem er in Angst die Sekunden auf seiner Uhr zählte, und der Antwort Flügel wünschte, kam sein eigner Brief ihm zurück, mit der Anweisung vom Postamt, kein Mann von dem Namen sei in der Stadt zu finden.

Nun sah er, daß man ihn völlig verlassen, daß man ihn ausgestoßen hatte. Es wurde ihm hell in allen Sinnen, daß er gebraucht sei, eine Büberei auszuführen, und daß man jetzt diese nothgedrungen aufgegeben habe, oder ihn wenigstens für unpassend halte, sie zu vollbringen. Er war bis dahin überzeugt gewesen, wenn er auch die Pläne seiner Obern nicht ganz durchschaute, daß er etwas Gutes und Edles wirke, wenn auch durch Mittel, die sich nicht vor der strengen Moral rechtfertigen ließen. Ihm war ein brennender Haß gegen die sogenannte Aufklärung, gegen jenen Indifferentismus, der seine Zeit charakterisirte, beigebracht worden. Er hielt es für nothwendig, daß jene Freimaurer, die sich der Rosenkreuzerei, dem Goldmachen und Geisterrufen widersetzten, als Schädliche und Verderbliche ausgerottet werden müßten, weil sie hauptsächlich durch ihren Einfluß und ihre Logen jene lebentödtende Aufklärung verbreiteten. Er glaubte wohl, daß ein Werben für die katholische Kirche auch eine Aufgabe seiner Sendung sei, unterzog sich aber auch diesem gern, weil er in dieser Lehre auferzogen war, und sie, ohne sie zu prüfen, oder die protestantische zu kennen, für die bessere hielt. Mit seinem Wunderglauben und seiner Schwärmerei hatte er sich eine eigne Lehre ausgebildet, die der orthodoxe Katholik gewiß nicht gebilligt hätte. So hin und her geworfen von Leidenschaften und chimärischen Hoffnungen, wähnend, ganz nahe an die Erfüllungen seiner höchsten Wünsche zu reichen, durch sophistische Ausreden über sein trügendes Thun beruhigt, sich als Lügner kennend, und sich dennoch für einen wahren Wunderthäter haltend, seine Gattin liebend, und sie doch seinen verdächtigen Zwecken aufopfernd, war er in allen diesen tollen Widersprüchen fast in ein gespenstisches Wesen verwandelt worden, das ohne innern Halt jeden Tag nur so hingaukelte, von Neuem täuschte und getäuscht wurde, und nie zur Besinnung kam. Jetzt fielen alle diese Larven von ihm ab, er lernte sich selbst erst kennen, und entsetzte sich vor dem Auge der Wahrheit und seiner eignen Nacktheit.

So bin ich denn, sagte er zu sich selbst, zugleich der Unglückseligste und Verworfenste aller Menschen. Der Inhalt meines Lebens ist ein Possenspiel, über das man lachen möchte, und zugleich so tragisch und entsetzlich, daß sich mir die Haare aufrichten. Wie können jene Menschen, die sich gut und weise nennen, es irgend mit ihrem Herzen ausgleichen, daß sie mich geschlachtet, und mir Geist und Leib zu Grunde gerichtet haben. So einsam, so ganz zernichtet war noch nie ein Mensch. Die Freunde, Beschützer, Mächtigen, auf die ich mich so sicher mit meinem ganzen Glücke lehnte, sind gar nicht da in aller weiten Welt, nirgend zu erfragen, wie Traumgestalten, wie Wolken verschwunden. Jeder Mensch, dem ich meine Noth klagen wollte, müßte es für wahnwitzige Lüge halten. — Ach Theodora! wie Recht hattest du. Warum vernahm ich denn deine Bitten und Warnungen nicht? Auch sie ist zertreten worden, so wie ich. O wenn sie noch da wäre, wie gern würde ich mit ihr als Tagelöhner, als Bettler leben. Und Nichts bleibt mir; nicht die elendeste Hülfe, nicht der kümmerlichste Trost.

Er sann hin und her, was er beginnen könne, aber jede Aussicht war verschlossen. Sein Trug mußte entdeckt werden, dem Manche schon auf die Spur gekommen waren. Die prophetische Gabe seiner unglücklichen Gattin konnte ihm auch Nichts mehr fruchten, um seine künstlichen Lügen mit halber Wahrheit oder seltsamen Entdeckungen zu unterstützen. Er dachte wohl daran, ob er nicht einige von Denen um Hülfe ansprechen sollte, denen er, als ihm große Summen zu Gebote standen, reichlich geholfen hatte, aber er verwarf diesen Gedanken sogleich als unstatthaft, weil er einsah, daß Dieselben, die ihn in der Noth als ein göttliches Wesen behandelt hatten, ihm jetzt kalt den Rücken kehren würden. Und so, dachte er, habe ich von meinem verlornen Leben nicht einmal den Nutzen, den jeder Dieb genießt, bevor er zum Galgen geführt wird, daß er Geld und Gut besitzt, oder mit seinen Spießgesellen schwelgt, und Wein und Wollust ihn übersättigen.

Er fiel darauf, sich dem geheimen Rath ganz zu entdecken. Dachte er aber an das Auge des ernsten Mannes, und wie viel er von ihm gezogen hatte, so verwarf er auch diesen Gedanken. Nein, rief er, die Ehre verbietet mir diese schmähliche Auskunft, die mich zu sehr erniedrigen würde.

Sonderbar, daß in der Verzweiflung und tiefsten Selbstverachtung die Menschen noch von diesem Phantom regiert werden können, das nur Wesenheit erhält, wenn der Edle, Tugendhafte sich von Rücksichten lenken läßt, um die gute Meinung seiner Zeitgenossen, sei es auch im Vorurtheil, zu erhalten. Der Lügner will aber oft mit den abscheulichsten Lügen die Erde lieber verlassen, als durch eine Handlung der Tugend, seine erste vielleicht, indem er die Wahrheit bekennt, vor der Menge beschämt werden. Diese Ehre hielt ihn von dem edlen, mitleidigen Manne zurück, und stellte sich zwischen ihn und diesen wie eine Mauer.