Seltsam genug, daß manche der aufgeklärten Freimaurer, die von diesem Sangerheim so schlimm waren verfolgt worden, jetzt auch die Meinung aussprachen, er sei von seinen Geistern, die aber bösartige wären, zur Strafe aller seiner Frevel vernichtet worden. —
Am andern Tage versammelte der geheime Rath die vertrautesten Freunde des Abgeschiedenen in seiner Wohnung. Man lösete langsam und bedächtig die Siegel des geheimnißreichen Paketes, eine Scheide nach der andern, und wickelte einen Umschlag aus dem andern. Jener Knall, der schon einmal den Rath erschreckt hatte, ließ sich wieder hören. Keiner von Allen war in solcher Spannung, als der Arzt Huber. Endlich war Nichts mehr aufzuknüpfen und kein Petschaft mehr aufzubrechen, und offen lag vor Aller Augen der Inhalt. — Eine alte französische Grammatik, drei alte Kalender, viel Makulatur.
Die Erbschaft eines Wunderthäters, sagte der Rath kalt. Erst jetzt verachtete er den Magier völlig. Nein! rief Huber in großem Eifer; die boshaften Geister haben auch seine wichtigen Geheimnisse scheinbar verwandelt, um unser Aller Augen auf eine Zeitlang zu blenden. Wenn wir uns nicht thören lassen, so müssen bald die ächten Skripturen an die Stelle dieser Makulatur zurückkehren. Und so bemächtige ich mich, im Namen der Kunst, dieser unscheinbaren Papiere, um sie vom Untergange zu retten. Kann auch seyn, daß im Bande, zwischen den Blättern, oder in Punkten und unterstrichenen Buchstaben das Mysterium niedergelegt ist. Ich werde wenigstens Tag und Nacht studiren.
Man ließ ihn gewähren und würdigte ihn keiner Antwort. —
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Das Schicksal Sangerheims war beschlossen, und die meisten seiner ehemaligen Bewunderer gaben ihre Bestrebungen auf, retteten Geld und Zeit und kehrten zu besseren Beschäftigungen zurück. Nur Huber saß unermüdet bei seinen Makulaturen, den alten Kalendern und seiner französischen Grammatik, suchte und rechnete, und glaubte, nachdem er lange studirt hatte, auch viel Wichtiges gefunden zu haben.
Schmaling und Clara waren verheirathet. Ihr Glück ward durch gute und gesunde Kinder erhöht und man konnte die Familie des Rathes eine glückliche nennen, wenn nicht Anton in ihr gefehlt hätte, von dem man seit Jahren gar keine Nachricht hatte. Auch Feliciano, nachdem er lange an verschiedenen Orten in Europa mit mehr oder minder Glück seine Rolle gespielt hatte, war endlich, da Keiner mehr, auch der erst Verblendete nicht, an seinem Betruge zweifelte, nach manchen Abentheuern untergegangen.
Die Gattin des Rathes pflegte ihre Enkel, und Clara, die jetzt Nichts mehr zu bekämpfen hatte, durfte mit Sicherheit ihren Charakter, so wie die Anlagen ihres Geistes ausbilden. Sie fürchtete nun nicht mehr die Bilder der Phantasie, die poetischen Mährchen, oder das Geheimnißvolle in dieser oder jener Dichtung, weil es ihr nicht mehr feindlich gegenüber stand, und sie über den Charakter ihres liebenswürdigen Gatten beruhigt war. Dieser, einmal enttäuscht, fühlte niemals die Versuchung wieder, sich in jenes Labyrinth zu begeben, dessen Irrgänge er hatte kennen lernen, und denen er so glücklich entflohen war.
So waren im ruhigen Glücke mehr als zwölf Jahre verflossen, als sich an einem Morgen früh beim geheimen Rathe ein Fremder anmelden ließ, der darauf bestand, den Herrn selbst zu sprechen, und sich vom Diener nicht wollte abweisen lassen. Die Thüre des Arbeitszimmers ward ihm endlich geöffnet, und es trat ein Mann von mittlerem Alter hinein, verwildert, ohne Haltung und Betragen, der, als ihn der Rath fragte, was er begehre, nur kurz antwortete: Und Sie kennen mich wirklich nicht mehr? Eine Ahndung ergriff den Vater: Sie sind doch nicht — Du bist doch nicht Anton? — Er schwankte und der unkenntlich gewordene Sohn fing ihn in seinen Armen auf. Sie umfingen sich zärtlich und gerührt, dann setzten sich Beide, um sich von ihrer Erschütterung zu erholen.
Bist Du wieder da? fing der Vater nach einer Weile an; aber es ist Dir, wie es scheint, nicht gut ergangen.