Ja, lieber Vater, sagte Anton, Ihr Kind, wenn Sie es noch dafür erkennen wollen, tritt fast wie der verlorne Sohn in sein väterliches Haus wieder ein. Mein Schicksal ist ein elendes, mein Leben ein verlornes. Wenn Sie mich verstoßen, so bin ich aller Schmach wieder dahin gegeben, dem kläglichsten Jammer, dem ich freilich gern entfliehn möchte.
Wenn ich Dich Sohn, Anton nenne, sagte der Vater, so heißt das, daß Du mir eben das seyn wirst, was Du mir ehemals warst. Du hattest Dich verblenden lassen, und ich wenigstens kann Dir kein strenger Richter seyn.
Wohl war ich verblendet, erwiederte Anton, und wie sehr! so, daß ich noch jetzt immer vor diesem Zustande meiner Seele zurück schaudre. Das gemeinste Kunststück, die elendeste Kundschafterei hatte damals den Charlatan in den Besitz meines Geheimnisses gesetzt, das ich vor Ihnen und vor allen meinen Freunden sorgsam verborgen hielt. Ich gestand mir meine eigne Schlechtigkeit nicht, und hoffte, thöricht genug, Alles solle sich wieder zurecht finden und ohne Spur vorüber gehn. Denn der Gedanke war mir fürchterlich, Ihnen oder gar meiner Mutter eine solche Schwiegertochter vorzuführen, in der Stadt alle meine Verbindungen zu zerstören, und durch diese auffallende That mir selbst jeden Vorschritt im bürgerlichen Leben unmöglich zu machen. Wie jener Feliciano nun mein Gemüth so durch eine plötzliche Erschütterung, durch ein scheinbares Wunder in seine Gewalt bekommen hatte, war ich ihm unbedingt und leibeigen angehörig. Er war mir kein Sterblicher mehr, und dieselben Künste und Studien, die ich noch kürzlich verlacht hatte, schienen mir jetzt die einzigen würdigen. Ich wollte mein Leben an ihre Erforschung setzen. Auch bildete ich mir ein, der Lieblingsschüler meines großen Meisters zu seyn, der mich verachtete, weil mein hartes einfaches Wesen für seine Absichten unbrauchbar erschien. — Welche Gaukeleien er hier trieb, wie sich selbst meine verständige Mutter eine Zeitlang von ihm bethören ließ, von allen diesen Dingen sind Sie selbst Zeuge gewesen. Aber wie wundersam vielgestaltig ist die menschliche Natur. So unbegreiflich, und doch wieder so verständlich. Meine Gattin, dieses schlichte Bauernmädchen, dieses ehrliche Wesen, dem früher meine Liebe das Höchste, ja das einzige Gut des Lebens gewesen war, ward bald ein Liebling meines großen Lehrers. Er behauptete, sie sei von der Natur ganz eigen begabt, um der wichtigsten Geheimnisse theilhaftig zu werden, sie würde in den weiblichen Logen bald die höchsten Grade ersteigen, und dann ebenso wie seine eigne Gattin, das Mysterium finden, Jahrhunderte zu überleben, und mit Geistern und Abgeschiedenen Gemeinschaft zu haben. Ich glaubte Alles und erwartete von jeder Woche, dann von jedem Monat, ebenfalls ein Eingeweihter zu werden. Mein Lehrer spielte indessen dort im Norden eine wichtige Rolle und ein großes Spiel. Gold und Juwelen, die größten Summen, schienen ihm, wie er damit umging, nur Tand. Was verhieß er mir, welche Aussichten eröffnete er meinen trunkenen Hoffnungen. Aber auch Opfer begehrte er von mir. Um mich zur Weihe vorzubereiten, mußte ich die Gesellschaft meiner Gattin vermeiden, fasten, jede weltliche Lust und Zerstreuung fliehen. Meine Frau, die mir schon im Wissen vorgeschritten war, drang jetzt darauf, damit sie kein Hinderniß mehr fände, sich mit den Geistern in Verbindung zu setzen und selbst eine Unsterbliche zu werden, ich sollte einwilligen, daß wir durch die Gerichte förmlich wieder getrennt und geschieden würden. Man hatte meine Phantasie so erhitzt, ich erwartete selbst so wundersame Dinge zu erfahren, sie strebte so eifrig nach dem höchsten Grade, daß ich mich endlich überreden ließ, ja daß ich endlich die Nothwendigkeit dieser Scheidung selber einsahe. Bald darauf war sie verschwunden. Der Meister erklärte sich nicht, sondern sprach nur in geheimnißvollen Winken, und gab zu verstehen, daß sie in diesen Augenblicken eines großen Glückes genösse. Meine Einweihung zu den höheren Graden lehrte mich aber nichts Neues, und ohnerachtet meiner blinden Ergebenheit und meines Aberglaubens fing ich doch an, ungeduldig zu werden. Man beschwichtigte mich wieder. Eine Thorheit löste die andere ab und so verging die Zeit.
Wir mußten uns endlich schnell entfernen, und unsere Abreise glich fast einer Flucht. Der Magier sagte mir zwar, daß große Begebenheiten und Operationen, die sich nicht länger aufschieben ließen, ihn nach einem fernen Lande riefen, indessen sah ich doch die Angst des Meisters, ich bemerkte, wie seine wichtigsten Anhänger sich von ihm entfernten, und die Binde fiel allgemach von meinen Augen nieder. Da ich aufmerksam geworden war und ihn nicht mehr so, wie bisher fürchtete, konnte ich ihn auch beobachten. Auf unsrer übereilten Reise gab er mir Bücher und Papiere, auch viele offene Briefe, die, wie er mir sagte, keinen Werth hätten, und die ich gelegentlich verbrennen könne. Für mich waren diese aber sehr bedeutend, denn da ich, indem ich vorangeschickt wurde, um sein Quartier zu machen, nur einen flüchtigen Blick in einige Blätter gethan, sah ich wohl, daß der Weiseste der Menschen in Angst und Uebereilung einen dummen Streich gemacht hatte. Er dachte nicht daran, die Sachen zu vernichten, und Zeit mangelte ihm, sie anzusehn. Viele Briefe enthielten die Geschichte meiner Frau. Sie war einem reichen Fürsten geradezu verkauft worden. Sie hatte um die ganze Verhandlung gewußt und sich mit der größten Feinheit und List betragen, und zwar so sehr, daß sie den bethörten Fürsten vermocht hatte, sie zu seiner Gemahlin zu erheben. Dieser aber, so wie sie, hatten dem Magier dafür, daß er mich zur Scheidung bewogen und daß er den Fürsten ebenfalls verblendet hatte, große Summen zahlen müssen. So war sie denn, was die Welt so nennt, glücklich geworden. Gegen mich hatte sie sich schlecht betragen, indessen verzieh ich ihr, da ich früher gegen sie nicht besser gewesen war, und ich empfand einen tiefen Schmerz und Reue, indem ich die Veranlassung gewesen, daß ein schlichtes einfaches Wesen so die Talente zu List und Betrug zur Verderbniß ihrer Seele entwickelt hatte. Denn aus den Briefen ging hervor, daß sie und der Graf sich völlig verstanden, daß sie mit ihm über die Einfalt der Menschen, vorzüglich über die meinige, lachte.
Als ich mit meinem großen Beschützer an Ort und Stelle gelangt war, blieb ich noch eine Zeitlang in seiner Nähe, um seine Künste zu beobachten, zu denen er mich oft gebrauchte. Ich lebte im Ueberfluß, aber ich kam mir vor, als sei ich der Croupier eines falschen Spielers.
Ich konnte es nicht länger ertragen. Ich schrieb ihm Alles, was ich von ihm wußte und dachte, und verließ ihn. Und gut, daß ich es gethan, denn sonst wäre ich mit in jene Prozesse verwickelt worden, die sich bald gegen ihn erhoben. Ich war nun frei, aber auch Nichts als frei, das heißt, der armseligste Sclave, der Tyrannei eines jeden Augenblicks Preis gegeben, vom Mangel und den Bedürfnissen der Natur gemißhandelt. Mich Ihnen zu nähern, zurückzukehren, verbot mir eine mächtige Scham, wohl eine falsche, denn Nichts wird so sehr mißverstanden, als das Wort und der Begriff Ehre. Bald war ich Schreiber, bald Aufseher in einem Hause, einigemal Comödiant, auch versuchte ich mich als Schriftsteller. Ich konnte mich nie ganz fallen lassen und zu jener naiven Niederträchtigkeit hinunter steigen, die ich an andern meines Gelichters wahrnahm. Endlich nun, an mir und allen Menschen verzweifelnd, thu’ ich den Schritt, den ich vor manchem Jahre hätte wagen sollen.
Der Vater tröstete, beruhigte den Sohn. Er ließ ihm Kleider und Wäsche holen, damit die Mutter nicht zu sehr erschreckt würde, wenn sie ihn in dieser Gestalt wieder sehn sollte. Freude und Trauer war über seine Rückkehr zugleich in der Familie, indessen fand man sich nach und nach wieder zurecht und in einander und Anton zog auf das väterliche Gut hinaus. Hier arbeitete er redlich mit dem Verwalter, lernte die Landwirthschaft kennen und konnte nach einigen Jahren selber die Bewirthschaftung desselben übernehmen. Er gewann die Liebe eines reichen Fräuleins, mit der er als nützlicher Landmann glücklich lebte.
Ferner hatte indessen von seinem verlorenen Sohne nie wieder Etwas erfahren, so sehr er sich auch bemüht und nach allen Gegenden geschrieben hatte. Er war verschollen und der Vater glaubte, er sei gestorben. Der Gelehrte mußte in Familienangelegenheiten eine Reise nach dem südlichen Deutschland unternehmen. In einer mäßigen Stadt zeigte ein Italiener, ein Taschenspieler, seine Künste. Der Professor war sonst kein Freund dieser Gaukeleien, indessen ist auch der strenge Mann in der Fremde leichteren Sinnes, als zu Hause, und da man von dem jungen Mann als einem wahren Wunderthäter sprach, der Dinge zeige, die selbst andre Spieler nicht begreifen könnten, so ging Ferner mit einer Gesellschaft, neugierig gemacht, nach dem Saale. Was der junge Künstler ausführte, war in der That bewunderungswürdig, besonders durch die leichte Sicherheit, mit der er das Schwierigste scherzend zu Stande brachte. Indem der Professor die schönen leichtfertigen Hände des Spielers betrachtete, fiel ihm ein kleines braunes Mal am rechten Zeigefinger auf, er ward aufmerksamer, betrachtete das Gesicht und forschte in den Augen, und glaubte endlich überzeugt seyn zu können, dieser Taschenspieler sei sein verlorener Sohn. Sein Herz war bewegt, und er konnte an den vielen wunderbaren Erscheinungen keinen Antheil mehr nehmen.
Als das Schauspiel vorüber war, und sich die Zuschauer vergnügt und befriedigt entfernten, blieb er, unbeobachtet, allein im Saale zurück. Als dieser ganz leer war, redete er den fremden Künstler italienisch an, um seine Frage vorzubereiten, dieser aber antwortete gleich deutsch, und warf sich dem Vater in die Arme.
Nach einigen Reden, in welchen der Vater die Verlornen Jahre des Sohnes beklagte, sagte dieser: Liebster Vater, ich erkannte Sie sogleich, als Sie in den Saal traten, und alsbald nahm ich mir auch vor, mich Ihnen zu erkennen zu geben, ob ich gleich bis jetzt gezögert habe, an Sie zu schreiben, und mich Ihnen wieder zu nähern. Schelten Sie mein Handwerk nicht, denn es nährt seinen Mann. Sie sehn auch, daß ich mich Professor schreibe. Zwar habe ich Ihren geehrten Namen nicht beibehalten wollen, sondern spiegle dem Volke vor, ich sei ein Italiener. Glauben Sie nur, was ich jetzt treibe, ist ehrsam und achtenswürdig gegen das, was ich bei jenem berühmten Grafen spielen mußte. Es ist Gnade des Himmels, daß ich kein Bösewicht geworden, und noch so mit einem blauen Auge davon gekommen bin. In der Hinsicht habe ich bei meinem Wunderthäter meine Zeit nicht ganz verloren, indem ich ihm sehr scharf auf die Hände gesehn habe. Ich habe Vieles von ihm gelernt, und so zeige ich unschuldig für Geld so Manches, was er zu schlimmen Absichten und Betrug gebrauchte. Ich unterhalte die Menschen, er plünderte sie, indem er sie zugleich wahnsinnig machte. — Ich verspreche Ihnen, nie nach Ihrer Stadt zu kommen, aber besuchen Sie mich, wenn ich einmal in Ihrer Nähe bin. Schreiben wir uns, Liebster, damit wir in Verbindung bleiben.