Diese Abrede wurde genommen und man führte sie aus. Der Vater war über seinen Sohn beruhigt, und dieser gewann durch die Leichtigkeit seiner Hand ein ziemliches Vermögen. —

In Seebachs Hause wäre Alles glücklich und heiter gewesen, wenn der neunzigjährige Obrist nicht Clara, die Mutter und Schmaling neuerdings geängstigt hätte. Gegen ihn, der schwach wurde, ließ sich der Rath am meisten gehn, und so war der Greis der Vertraute von so manchem kleinen Geheimniß, das den Uebrigen verschwiegen wurde. Diesen erzählte der Obrist in vertrauten Stunden, daß sein Schwiegersohn sich wiederum in eine Correspondenz eingelassen habe, die ihm gar nicht gefallen wolle. Der Ton dieser Briefe sei sehr fromm und mysteriös: Anfangs habe der Rath Alles von sich gewiesen, dann habe er nach und nach Interesse gefaßt, sei gläubiger geworden, und hoffe nun doch noch von ehrbaren Männern, die sich ihm in jedem Briefe näherten und bestimmter bezeichneten, etwas Großes zu erfahren. Und so ist es merkwürdig, schloß der Alte seinen Bericht, daß eine bestimmte Leidenschaft zwar schlafen, aber bei den meisten Menschen nie ganz vertilgt werden kann.

Diese Briefe kamen aus dem südlichen Deutschland und sprachen von Geheimnissen, die nicht entweiht werden dürften, die sich aber doch wohl allgemach geprüften Männern mittheilen ließen. Der Rath war unvermerkt in eine gläubige Stimmung gekommen, und war in seinen Antworten auf Manches näher eingegangen, was jene Unbekannten erwähnten. So hatte er sein Abentheuer mit Sangerheim und seine Beobachtungen und Erfahrungen über ihn mitgetheilt, auch alle seine Zweifel und was ihm dunkel geblieben. Auf diese Punkte antwortete der neueste Brief.

Geliebter Bruder in dem Herrn!

Was Sie uns von jenem verlorenen Bruder Sangerheim melden, war uns nicht neu. Allerdings stand der Unglückliche mit uns in Verbindung, ihm wurde, als einem hoffnungsvollen Lehrlinge, Einiges mitgetheilt. Als er von uns schied, bemächtigten sich andre Menschen seiner, die in weltlichen Planen handthieren und das himmlische Kleinod entweihen. Er verrieth uns diesen, so viel er es vermochte, und hat sich so selbst sein tragisches Schicksal bereitet, da er der Lüge und dem Betruge anheim gefallen war. Auch jene Weltlichen sahen seinen Sturz gern und entzogen sich ihm, weil sie fürchten mußten, daß er sie ebenfalls verrathen könne. Kommen wir uns näher, so wird Ihnen, Geehrter, Nichts dunkel bleiben und größere Dinge werden sich Ihnen erschließen. Zwar sind Sie nicht für unsre Kirche, aber doch nicht unbedingt gegen sie, und wir gehn Ihnen mit dem größten Vertrauen entgegen. Kommt Jemand zu Ihnen, der Ihnen das Wort Emanuel sendet, so nehmen Sie ihn auf, als von uns. Er wird das erste Kleinod Ihren treuen Händen übergeben. —

Der Rath war in großer Spannung. Nach zehn Tagen etwa trat der Diener ein und meldete, ein sonderbarer Fremder stehe draußen und sage, er möge nur Emanuel sprechen. Der Rath ließ den alten Mann ein, der feierlich die Thür verschloß und dann ein seltsames Gespräch begann. Der Rath fühlte sich erbaut und gestärkt, in diesen Gesichtspunkt waren ihm manche Gedanken von Wunderfähigkeit, Glauben und einer einzigen herrschenden Kirche noch niemals gerückt worden. Beim Abschied nahm der Fremde ein Paket aus dem Busen, küßte es mit Salbung und überreichte es demüthig und feierlich dem Rathe, indem er sagte: Geliebter Bruder, dieses ist das erste Pfand der hohen, den gewöhnlichen Menschen unsichtbaren Gesellschaft. Achten Sie noch die Siegel und erbrechen Sie sie nur in geweihter Stunde nach Mitternacht. Doch thun Sie gut, sich durch Gebet vorzubereiten. Zwar wird Ihnen das Geheimniß des Kleinodes noch unverständlich seyn, aber schon die bloße Gegenwart desselben schützt Sie. Die Erklärung selbst wird in vier Wochen folgen. Aber: Finger auf den Mund. Wir zeigen mindestens, wie wir Sie ehren, wie groß wir von Ihnen denken.

Eine feierliche Umarmung beschloß das seltsame Gespräch. Geheimnißvoll entfernte sich der Unbekannte, und der Rath mußte sich gestehn, daß noch niemals ein Mensch einen solchen Eindruck auf ihn gemacht habe. Seine Umgebung bemerkte seine wunderbare Stimmung, aber er schwieg gegen Alle, auch gegen den Obristen. Clara fürchtete eine Krankheit, aber der rauhere Soldat, der seither so Manches mit dem Schwiegersohn durchgesprochen hatte, sagte: Dieser Mann ist einer der verständigsten, und Ihr werdet sehn, sie übertölpeln ihn doch, den Einen fangen sie auf die, den Zweiten auf eine andre Weise.

Am Abend schloß sich der Rath ein und entfernte alle Diener. Seine Stimmung war erhoben. Er betete und las in Andachtsbüchern. Er nahm das Evangelium und erschien sich so verjüngt, so jugendlich glaubend, so fromm und lauter, daß er die Thränen der Rührung nicht unterdrücken konnte und wollte. Endlich schlug es Mitternacht, und er eröffnete behutsam und zitternd die Siegel, ohne die geheimnißvollen Zeichen zu zerbrechen. Als er den innern Umschlag geöffnet hatte, fiel ihm in die Augen — — jene abgeschmackte Figur mit dem vielfältigen Abracadabra, die er damals an abergläubische Brüder nach der nahen Residenz gesendet hatte. Er lachte laut auf, und wurde plötzlich ernst, denn er bedachte, wie in jenem Lande dort der als Monarch herrsche, der damals nur nächster Erbe gewesen war, und welche Thorheiten dort in der Nähe des Thrones getrieben wurden.

Er rief seine Familie zusammen, die noch, um ihn besorgt, wachte. Er erzählte Alles, las einige Briefe, auch den letzten, und zeigte dann das magische, von damals dem Schwiegervater noch wohlbekannte Blatt.

Nun endlich, schloß er, habe ich Alles, was mich immer stört, von mir abgeschüttelt. O wie leicht ist mir, ihr Geliebten, daß ich nun noch einmal mit euch den fröhlichen Entschluß fassen, das vielsinnige Wort mit euch ausrufen kann: laßt uns, da es uns vergönnt ist, vernünftig seyn! —