Auf Emanuel durften nun die Bedienten nicht wieder achten, und jetzt erst hatten alle Mitglieder der Familie diese Krankheit der Wundersucht überwunden.

Pietro von Abano
oder
Petrus Apone.
Eine Zaubergeschichte.
1838.

Die untergehende Sonne warf schon ihre rothen Strahlen an die Thürme, und über die Häuser von Padua, als ein junger Fremder, der eben angekommen war, durch ein Volksgewühl, ein Eilen, ein Rennen aufmerksam gemacht, und auf seinem Wege von der Menge mit fortgerissen wurde. Er fragte ein junges Mädchen, welches ihm ebenfalls schnell vorüber ging, was denn alle diese Menschen in so ungewohnte Bewegung setze. Wißt Ihr es denn nicht? antwortete diese, die schöne Crescentia, das junge Kind, wird jetzt beerdigt; alle wollen sie noch einmal sehn, da sie immer für die anmuthigste Jungfrau in der ganzen Stadt gegolten hat. Die Eltern sind trostlos. Die letzten Worte rief sie schon aus der Entfernung zurück.

Der Fremde beugte um den finstern Palast in die große Straße hinein, und ihm tönte schon Leichengesang, ihm wehte der Schein der blaßrothen Fackeln entgegen. Als er näher kam, sah er, nachdem das Gedränge des Volkes ihn vorgeschoben hatte, ein Gerüst, mit schwarzem Tuche verdeckt. Um dieses waren Sitze, ebenfalls schwarz, erhöht, auf welchem die traurenden Eltern und Verwandten saßen, alle im finsteren Ernst, einige Gesichter mit dem Ausdruck der Trostlosigkeit. Jetzt bewegten sich Figuren aus der Thür des Hauses, Priester und schwarze Gestalten trugen einen offenen Sarg, aus welchem Blumenkränze und grüne Gewinde niederhingen. Zwischen den blühenden bunten Pflanzen lag auf Kissen die weibliche Gestalt, blaß, im weißen Kleide, die zarten lieblichen Hände gefaltet, die ein Crucifix hielten, die Augen geschlossen, dunkle schwarze Ringellocken voll und schwer um das Haupt, auf welchem ein Kranz von Rosen, Cypressen und Myrthen prangte. Man stellte den Sarg mit seiner schönen Leiche auf das Gerüst, die Priester warfen sich zum Beten nieder, die Eltern erhuben sich wie verzweifelnd, noch klagender ertönten die Hymnen, und alles umher, die Fremden selbst, schluchzten und weinten. Der Reisende glaubte noch nie ein so schönes weibliches Wesen gesehn zu haben, als diese Leiche, die so wehmüthig an die Vergänglichkeit und den nichtigen Reiz des Lebens erinnerte.

Jetzt ertönte das feierliche Geläute der Glocken, und die Träger wollten eben den Sarg erheben, um die Leiche in das gewölbte Grab der großen Kirche zu tragen, als ein lauter tobender Jubelruf, schallendes Gelächter und das Geschrei einer ausgelassenen Freude, die Eltern, Verwandten, Priester und Leidtragende störte und erschreckte. Alles sah unwillig umher, und aus der andern Gasse schwärmte ein froher Zug junger Leute heran, singend, jauchzend, ihrem ehrwürdigen Lehrer immer wieder von neuem ein Lebehoch zurufend. Es waren die Studirenden der Universität, die auf einem Sessel hoch auf den Schultern einen bejahrten Mann von dem edelsten Ansehn trugen, der wie in einem Throne saß, mit einem Purpurmantel bedeckt, das Haupt mit dem Doktorhute geschmückt, unter welchem weiße Silberlocken hervor quollen, so wie ein weißer langer Bart auf das schwarzsammtne Wamms majestätisch herabfloß. Ein begleitender Narr mit Schellen und in bunter Tracht sprang umher, und wollte schlagend und scherzend dem Zuge durch das Volk und die Trauerleute Platz machen, doch auf einen Wink des ehrwürdigen Alten senkten die Schüler die Trage, er stieg herab und näherte sich gerührt und mit feierlichem Anstande den weinenden Eltern. Vergebt, sagte er ernst und mit einer Thräne im Auge, daß dieses wilde Geschrei so eure Leichenfeier stört, die mich innigst erschüttert und entsetzt. Ich komme von meiner Reise endlich zurück, meine Schüler wollen meinen Einzug durch ihre Freude verherrlichen, ich gebe ihren Bitten und Anstalten nach, und finde nun, — wie? eure Crescentia, das Musterbild aller Holdseligkeit und Tugend, hier vor euch im Sarge? Umher diesen düstern Prunk und jene Trauergestalten, um sie mit Thränen und Herzensweh zu ihrer Ruhestelle zu geleiten? — Er winkte seinen Begleitern und sprach einige Worte. Alles war schon längst still und stumm geworden, und die meisten entfernten sich jetzt, um die Leichenfeier nicht zu stören. Da kam die Mutter zitternd näher und sank an der Gestalt des Alten nieder, indem sie im krampfhaften Schmerze dessen Knie umschlang. Ach! warum seid Ihr nicht zugegen gewesen? rief sie verzweifelnd; Eure Kunst, Euer Wissen hätte sie gerettet. O Pietro! Pietro! Ihr, der Freund unsers Hauses! habt Ihr denn so Euren Liebling, Euren Augapfel können untergehn lassen? Kommt! Erweckt sie noch jetzt! Flößt ihr noch jetzt von den Wunderessenzen ein, die Ihr zu bereiten wißt, und nehmt dafür zum Dank alles, was wir besitzen, wenn sie nur wieder da ist, unter uns wandelt und mit uns spricht!

Laßt eure Verzweiflung nicht das Wort führen, antwortete Pietro: der Herr hatte sie euch geliehen, er hat sie euch wieder abgefordert; der Mensch vermesse sich nie, in den Arm seines weisen Rathschlusses zu greifen. Wer sind wir, daß wir gegen ihn murren sollten? Will der Sohn des Staubes, der im Winde verweht, mit seinem schwachen Athem gegen die ewigen Beschlüsse zürnen? Nein, meine Geliebten, fühlt als Eltern und Freunde ganz euren Schmerz: er soll unserm Herzen so einheimisch wie Lust und Freude seyn, auch er wird von dem Vater zu uns gesendet, der jede unsrer Thränen sieht, der wohl unsre Herzen kennt und prüft, und weiß, was der schwache Mensch ertragen kann. So traget denn dieses große übermächtige Leid um seinetwillen, aus Liebe zu ihm, denn nur Liebe ist es, was er euch auch auferlegen mag. Ist denn der Schmerz, das Herz in seiner Zerknirschung, die Seele, die in Wehmuth zerrinnen will, sind sie nicht ein heiliges göttliches Opfer, welches ihr in euren brennenden Thränen der höchsten, der ewigen Liebe als euer Köstlichstes darbringt? So rechnet es auch jener dort, der alle eure Seufzer und Thränen zählt. Aber der böse Feind, der immer an unsrer Seite lauert, beneidet uns die Heiligkeit dieser himmlischen Schmerzen, er ist es, der sie euch zur Verzweiflung, zum Zorn gegen den Schöpfer der Liebe und des Leides erhöhen will, damit ihr im Jammer nicht jener höchsten Liebe noch inniger verbunden werdet, sondern in den Abgrund des Hasses untergeht. Er, dieser Geist der Lüge, täuscht euch jetzt, und raunt euch boshaft seine Fabeln zu, als wenn ihr sie auf ewig verloren hättet, die doch nur in Geist und Seele und Liebe eins mit euch war, und euch nur als Unsichtbare zugehörte. Er will, daß ihr es vergessen sollt, wie diese schöne Hülle nur ihr Kleid war, dem Staube verwandt, zum Staube jetzt wiederkehrend. Werft ihn zurück, diesen Lügengeist, daß er sich vor der ewigen allmächtigen Wahrheit schämen muß, die ihr ihm entgegen haltet, daß sie noch euer ist, noch neben, nah um euch, ja weit mehr, weit inniger euer, als da euch diese Schranken des sterblichen Fleisches noch trennten, und euch in der Liebe selbst einander entfremdeten. Alle euere Erinnerung, Hoffnung, Schmerz und Lust ist sie von heute an; sie leuchtet euch in jedem erfreulichen Lichte, sie tröstet euch in den Blumen des Frühlings, sie küßt euch im zarten Hauch, der eure Wangen rührt, und jedes Entzücken, das fortan in euren Herzen aufblüht, ist ihr Herz und ihre Liebe zu euch, und dieses Entzücken, und diese ewige, unsterbliche Liebe sind eins mit Gott. So tragt sie denn zu ihrer Ruhestelle, und folgt ihr in stiller, gottergebner Demuth, damit durch euch nicht ihr Geist im Aufenthalt des ewigen Friedens gestört und geängstigt werde.

Alle schienen mehr beruhigt, der Vater reichte ihm stumm die Hand mit dem Ausdruck der Herzlichkeit und des gefühlten Trostes. Man ordnete sich, der Zug setzte sich in Bewegung, die Verlarvten, die Brüderschaften, die es sich zur Pflicht machen, die Leichen zu begleiten, reihten sich in ihren weißen Gewändern, und mit verdecktem Antlitz, von welchem nur die Augen sichtbar waren. Stumm bewegte sich der Zug fort, sie hatten jetzt fast schon die Kirche erreicht, als ihnen ein Reiter auf schäumendem Rosse entgegen sprengte. Was giebt es? schrie der Jüngling. Er warf einen Blick in den Sarg, und mit einem Ausruf der Verzweiflung wandte er das Roß, stürzte fort, und verlor in wilder Hast den Hut, so daß ihm die langen Locken im Abendwinde nachflatterten. Er war der Bräutigam, der zur Hochzeit kam.

Die Finsterniß umgab das Trauergefolge und die stille Feier, indem die schöne Leiche in das Gewölbe ihrer Familie hinabgesenkt wurde.

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Als sich alle zerstreut hatten, wendete sich der junge Fremdling, der in staunendem Schmerze dem Zuge gefolgt war, an einen alten Priester, der allein am Grabe betend verweilte. Er brannte zu erfahren, wer jener majestätische Greis sei, der ihm wie mit göttlichen Kräften und überirdischer Weisheit begabt erschien. Als der Jüngling dem Geistlichen die bescheidene Frage vortrug, stand dieser still, und sah ihm beim Scheine eines Lichtes, das aus einem Fenster auf sie schien, scharf ins Auge. Der Alte war eine kleine magere Gestalt, ein blasses schmales Antlitz erhob das Feuer der Augen um so mehr, und die eingekniffenen Lippen zitterten, als er ihm in heiserem Tone antwortete: Wie? Ihr kennt ihn nicht? Unsern weltberühmten Petrus von Apone, oder Abano, von dem man in Paris, London, dem deutschen Reiche und ganz Italien spricht? Kennt nicht den größten Weltweisen und Arzt, den Astronomen und Astrologen, von dem zu lernen und ihn zu schauen die wilde Jugend aus dem fernen Polenlande hieher schwärmt?