Nein, sagte der junge Mann, auch meine Mutter ist mir schon seit lange entrissen.
Weiß es, weiß es, liebes, schönes, junges Kind. Ja, ja, es werden jetzt schon fünfzehn Jahre seyn, daß sie gestorben ist. Ach ja, sie mußte wohl dazumal in der bösen Zeit den Geist aufgeben. Und Euer lieber, guter Vater, dem habe ich es einzig zu verdanken, daß die Richter mich nicht einige Jahre nachher auf den Scheiterhaufen setzten, sie hatten sich’s einmal in den Kopf genommen, ich sei eine Hexe, und da half kein Widersprechen. Aber der Herr Guido kämpfte mich durch, mit Vernunft und Drohung, mit Bitten und Zorn, und sie haben mich denn bloß aus dem lieben Lande verbannt. Und nun bringt mir das Donnerwetter den Sohn meines Wohlthäters in meine kleine, arme Hütte. Gebt mir doch auch die Hand darauf, junges Blut.
Antonio gab sie der Alten schaudernd, die er jetzt erst näher betrachten konnte. Sie grinste ihn freundlich an, und zeigte zwei schwarze, lange Zähne, die einen widerwärtigen Mund noch häßlicher machten, die Augen waren klein und scharf, die Stirn gefurcht, das Kinn lang, sie streckte zwei dürre Arme nach ihm aus, und als er sie wider Willen umfassen mußte, fühlte er den Höcker, der die Häßlichkeit noch abscheulicher machte. Nicht wahr? sagte sie mit erzwungenem Lachen, ich bin nicht sonderlich hübsch, war es auch in meiner Jugend nicht. Es ist mit der Schönheit etwas Besonderes, man kann eigentlich niemals sagen und beschreiben, worin sie besteht, es ist immer nur eine Abwesenheit von gewissen Dingen, die, wenn sie in ihrer Bestimmtheit da sind, das ausmachen, was die Leute die Häßlichkeit nennen. Sagt mir einmal, was findet Ihr denn nun so an mir wohl am widerwärtigsten?
Liebe Alte, sagte der Jüngling verlegen —
Nein, rief sie, rund mit der Wahrheit heraus, ohne alle Schmeichelei! Jeder Mensch hat doch nun einmal die oder jene Gabe, und so bilde ich mir nicht wenig darauf ein, daß mir alles das abgeht, was sie in der Welt schön nennen. Nun, zeigt einmal Euren Geschmack. Sprecht!
Wenn ich muß, stotterte Antonio, dem trotz seiner Trauer ein Lächeln jetzt auf die Lippen trat, die beiden Zähne wollen mir —
Ha, ha! rief die Alte laut lachend, die beiden guten lieben alten schwarzen Zähne wollen Euch am wenigsten gefallen. Ich glaub’ es wohl, sie stehen wie zwei verbrannte Palisaden an einer zerstörten Vestung da in dem weiten leeren Raum. Aber Ihr hättet mich vor zehn Jahren sehn sollen, da war das Ding noch viel schlimmer. Dazumal hatt’ ich den ganzen Mund voll solcher entsetzlichen Hauer, und die mich lieb hatten, wollten mir sagen, es sähe gräßlich aus. So fielen sie denn nach und nach aus, und die beiden Stammhalter sind nur noch übrig geblieben. Wenn sie einmal abgehn, so klappt das Maul völlig zu, die Oberlippe wird dreimal so lang, und man kann wieder nicht wissen, was für ein Bildniß dadurch zu Stande kommt. Die Zeit, mein lieber junger Freund, ist, wie schon vor vielen Jahren einer gesagt hat, eine thörichte Künstlerin, sie macht ein Bild leidlich hübsch, dann künstelt, schnitzelt, reckt und stümpert sie am Menschen herum, zieht Nase und Kinn in die Länge, drückt die Backen ein, pinselt die Stirn voller Falten, bis sie ein Fratzengesicht zu Stande gebracht hat; dann schämt sie sich am Ende, schmeißt den ganzen Bettel hin und deckt ihn mit Erde zu, damit nicht alle Welt ihre Schande sehe. So glatt bleibt Ihr auch nicht, wie Ihr jetzt in Eurer Politur glänzt. Ah! zeigt! freilich, Ihr habt Zähnchen wie die reinsten Perlen. Schade, daß die müssen gebraucht werden, um Brod und Rinderbraten zu kauen. Ei, ei, — zeigt — weiter auf den Mund — die stehn aber so sonderbar, — hm! und der Augenzahn! Nun, das ist zu bedenken.
Antonio wußte nicht, ob er schelten oder lachen sollte; doch zwang er sich heiter zu seyn, und dem Geschwätz der Alten nachzugeben, die gleichsam wegen früher Bekanntschaft mit der Familie eine sonderbare Gewalt an ihm ausübte. Wie fuhr er aber entsetzt zusammen, als sie plötzlich: Crescentia! ausrief.
Ums Himmels willen! sprach er erschüttert, kennt Ihr sie? Saht Ihr sie? wißt Ihr von ihr?
Was ist Euch? heulte die Alte, muß ich sie doch wohl kennen, da sie meine eigne Tochter ist. Seht nur selbst, wie die träge Dirne da eingeschlafen sitzt, das Feuer ausgehn und die Suppe verkühlen läßt.