Ich mag es Euch nicht wiederholen, sagte Antonio mit einem Seufzer, was ich durch diese mir fremde Mutter litt; sie hatte meinen Vater wie bezaubert, der lieber allen seinen alten Freunden, lieber seinem Sohne Unrecht thun, als sie irgend beleidigen wollte. Endlich aber änderte sich dieses Verhältniß, doch brach mein Herz fast beim Anblick dieses Hasses, wenn es früher nur über erlittene Kränkungen geblutet hatte.

Also recht bitter böse, fragte die Alte mit widerwärtigem Lächeln, ging es in der Haushaltung zu?

Antonio betrachtete sie mit scharfem Blicke und sagte verwirrt: Ich weiß nicht, wie ich dazu komme, hier von meinem und dem Elend meiner Eltern zu erzählen.

Die Alte leerte ein Glas rothen Wein, der wie Blut im Glase stand. Mit lautem Lachen sagte sie dann: weiß ich mir doch kein herrlicheres Vergnügen, versteht, was man so recht Wonne und Seligkeit nennen kann, als wenn so zwei Ehehälften, die früher einmal zwei Liebesleute waren, sich wie Katze und Hund, oder wie zwei Tigerthiere herumbeißen, schelten, einander verfluchen, und Herz und Seele dem Satan opfern möchten, um eins das andere zu kränken, oder seiner los zu werden. Das, junger Fant, ist die wahre Herrlichkeit des sterblichen Lebens. Besonders aber, wenn die beiden Verbündeten vorher aus Liebe recht geraset haben, alles, auch das Ungewöhnliche für einander gethan, wohl gar manches begangen, was andre fromme Leutchen Verbrechen nennen, um nur zu einander zu kommen, um nur endlich und endlich das nun so verhaßte Band zu schlingen. Glaubt mir, das ist alsdann für den Satan und die ganze Hölle ein hohes Fest, ein Jubeln und Cymbelnklang der Unterirdischen. Und hier nun gar, — doch, ich schweige, ich könnte leicht zu viel sagen.

Crescentia sah den Erstaunten wehmüthig an. Verzeiht ihr, sagte sie lispelnd, Ihr seht, sie ist trunken, die Unglückliche.

In Antonio’s Seele aber erwachte die Vorzeit und alle ihre trüben Scenen mit frischer Kraft. Der trübe Tag kam ihm zurück, als er seine Stiefmutter auf ihrem Sterbebette sah, als sein Vater verzweifelte und sich und die Stunde seiner Geburt verfluchte, als er den Geist seiner ersten Gattin anrief und um Vergebung flehte.

Habt Ihr nichts mehr zu erzählen? fragte die Alte, und weckte ihn dadurch aus seiner staunenden Träumerei.

Was soll’s? sagte Antonio im tiefsten Schmerz, scheint Ihr doch alles zu wissen, oder durch Weissagung erfahren zu haben. Brauche ich es Euch zu sagen, daß ein alter Diener, Roberto, sie vergiftet hatte, von ihrem Haß verfolgt und zur Rache angespornt? Daß dieser boshaft und verrucht meinem Vater das Verbrechen zuwälzen wollte? Er entsprang aus dem Gefängnisse, übersteigt die Gartenmauer und stößt in der Grotte meinem Vater den Dolch in die Brust!

Der alte Roberto? Roberto? rief die Alte, fast wie im frohen Jubel; ei, sieh doch! was man an den Leuten nicht erlebt! Ja, ja, der Schleicher war in jüngern Jahren so ein rechter Tuckmäuser, ein scheinheiliger Hund, ist aber nachher ein resoluter Bursche geworden, wie ich höre. In der Grotte also? Wie sich alles so wunderbar fügen muß. Da saß Euer Vater in frühern Jahren so oft mit der ersten Gattin, dort hat er ihr zuerst, als ihr Bräutigam, ewige Liebe geschworen. Dazumal trug Roberto gewiß schon jenen Dolch, wußte aber nicht, daß er ihn erst nach zwanzig Jahren so sonderbar brauchen sollte. Dort hat auch die zweite Gemahlin oft bei dem kühlen Brunnen geschlummert, da lag der Mann wieder zu ihren Füßen. Nicht wahr, Antonio, Kind, das Leben ist ein recht buntes, recht dummes, recht abgeschmacktes und recht grauliches Fabelgemisch? Kein Mensch kann sagen: dahin will ich nicht! Die Schmerzen und Gefühle, die Stacheln und das Rasen, die die schwarzen Gesellen in der Hölle schmieden, das alles kommt und kommt langsam, wunderlich, näher und immer näher, mit einemmale ist das Entsetzliche im Hause, und der Verzweifelte sitzt dann damit im Winkel und nagt daran, so wie der Hund am Knochen. Trink, trink, mein Söhnchen, durch diesen Saft wird alles besser, wenn seine Geister in die Seele steigen. — Nun, und Du? Erzähle doch weiter.

Ich schwur dem Vater Rache, sagte Antonio.