Nein! nein! nein! ächzte das Bildniß in der höchsten Angst: Du kennst ihn nicht, er ist zu mächtig, er würde entfliehn und mich wieder mit sich in den Kreis seiner Bosheit reißen. Stille, ruhig nur kann es gelingen, wenn er sicher ist. Ein Zufall hat Dich zu mir geführt. Du mußt ihn ganz sicher machen, alles verschweigen.

Der Jüngling sammelte seine Sinne, er sprach viel mit seiner vormaligen Braut, ihr ward das Reden immer schwerer, die Augen fielen ihr zu, sie trank noch einmal von dem Wundertrank, dann ließ sie sich nach dem Lager führen. Lebe wohl, rief sie schon wie träumend, vergiß mich nicht. — Sie bestieg das Bett, legte sich ruhig nieder, die Hände suchten das Crucifix, das sie mit geschlossenen Augen küßte, dann reichte sie dem Liebenden die Hand, und winkte ihn hinweg, indem sie sich zum Schlummer hinstreckte. Antonio betrachtete sie noch, dann ließ er die Feder die unsichtbare Thür wieder einfugen, schlich die enge Wendeltreppe bis zu seinem Gemache wieder hinan, stellte den Schrank an seine vorige Stelle, und brach in heiße Thränen aus, als ihn der Gesang der Nachtigall mit seinen schwellenden Klagetönen bewillkommte. Auch er sehnte sich nach dem Tode, und wünschte nur vorher diejenige, die noch vor wenigen Wochen seine irdische Braut gewesen war, von ihrem wundersamen schrecklichen Zustande zu erlösen.

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Um seinem Lehrer auszuweichen, wenn er von seiner Reise zurück käme, hatte Antonio die Schritte nach der einsamsten Stelle des Waldes gelenkt. Es war ihm ungelegen, daß ihm hier sein Freund, der Spanier, begegnete, denn er war nicht gestimmt, ein Gespräch zu führen. Doch konnte er dem Gespielen nicht mehr ausweichen, und so ergab er sich in stiller Trauer der Gesellschaft, die ihm sonst erfreulich und tröstend gewesen war. Nur halb hörte er auf dessen Reden, und erwiederte nur sparsam. Wie fast immer war wieder Pietro der Gegenstand von Alfonso’s ungemessener Bewunderung. Warum seid Ihr heut so karglaut? fing er endlich verdrüßlich an: ist Euch meine Gesellschaft zuwider, oder seid Ihr nicht mehr wie sonst fähig, unsern erhabenen Lehrer zu verehren, und ihm den Preis zu geben, den er verdient?

Antonio mußte sich sammeln, um nicht ganz in seinen träumenden Zustand zu versinken. Was ist Euch? fragte Alfonso wieder, es scheint, daß ich Euch beleidigt habe. — Ihr habt es nicht, rief der Florentiner, aber wenn Ihr mich irgend liebt, wenn Ihr nicht meinen Zorn erregen wollt, wenn nicht die bittersten Gefühle mein Herz zerreißen sollen, so unterlaßt heut das Lobpreisen Eures vergötterten Pietro. Sprechen wir von andern Gegenständen.

Ha! bei Gott! rief Alfonso aus, die Pfaffen haben Euch doch noch den schwachen Sinn umgewendet. Geht nur fernerhin Eures Weges, junger Mensch, denn die Weisheit, das seh’ ich nun wohl ein, ist Euch ein zu erhabenes Gut. Euer Kopf ist dieser Kost zu schwach, und Ihr sehnt Euch wieder nach den Kinderspeisen Eurer ehemaligen Seelenwärter. Bleibt nur bei diesen so lange, bis Euch die Milchzähne ausgefallen sind.

Ihr sprecht übermüthig, rief Antonio erzürnt, oder vielmehr wißt Ihr gar nicht, was Ihr sagt, und ich verdiene das nicht um Euch.

Wodurch verdient es unser Lehrer, sagte der Spanier eifrig, der Euch wie ein Vater aufgenommen hat, der Euch vor allen Jünglingen dieser Universität so hoch würdiget, daß Ihr in seinem Hause wohnen dürft, der Euch sein innigstes Vertrauen schenkt, wodurch hat dieser es verschuldet, daß Ihr ihn so kleinmüthig verleugnet?

Wenn ich nun antworte, sprach Antonio zornig, daß Ihr ihn nicht kennt, daß ich Ursache, und die vollständigste habe, anders von ihm zu denken, so würdet Ihr mich wieder nicht verstehn.

Ihr seid wohl schon, sagte Alfonso höhnisch, so hoch in seine geheime Philosophie hinein gestiegen, daß der gewöhnliche, unbegünstigte Erdensohn Euch nicht zu folgen vermag? Wieder zeigt es sich, daß das halbe und Viertel-Verdienst sich am höchsten aufbläht. Pietro Abano ist demüthiger, als Ihr, seine schwächliche Copie.