Dieser von Furcht, Entsetzen, Freude, Ueberraschung und dem tiefsten Mitleiden durchdrungen, wußte nicht, ob er fliehen, sie umarmen, zu ihren Füßen stürzen, oder in Thränen aufgelöst sterben sollte. Das war derselbe Ton, den er sonst so oft und so gern vernommen hatte, bei dem sich sein ganzes Herz umwendete. Du lebst? rief er mit einer Stimme, die sein überschwellendes Gefühl erstickte.
Das süße Lächeln, das von den blassen Lippen aus über die Wangen bis in die strahlenden Augen aufgegangen war, zerbrach plötzlich und ging in einen starren Ausdruck des tiefsten, des unsäglichsten Schmerzes unter. Antonio konnte den Blick dieser Augen nicht aushalten, er bedeckte mit den Händen sein Gesicht und schrie: bist Du ein Gespenst?
Die Erscheinung trat noch näher, drückte mit ihren Händen seine Arme nieder, so daß sein Antlitz frei wurde, und sagte mit sanft bebender Stimme: Nein, sieh mich an, ich bin nicht todt, und lebe doch nicht. Reich’ mir die Schaale dort.
Eine duftende Flüssigkeit schwebte in dem kristallenen Gefäß, er reichte es ihr zitternd, sie setzte es an den Mund und schlürfte den Trank in langsamen Zügen. Ach, mein armer Antonio! sagte sie dann, ich will nur diese irdischen Kräfte erborgen, um Dir den ungeheuersten Frevel kund zu thun, um Hülfe von Dir zu erflehen, um Dich zu vermögen, mir zu der Ruhe zu verhelfen, nach welcher sich alle meine Gefühle so inbrünstig sehnen.
Sie war wieder in den Armstuhl gesunken, und Antonio saß zu ihren Füßen. Höllische Künste, fing sie wieder an, haben mich scheinbar vom Tode erweckt. Derselbe Mann, den meine unerfahrene Jugend wie einen Apostel verehrte, ist ein Geist des Abgrunds. Er gab mir den Schatten dieses Lebens. Er liebt mich, wie er sagt. Wie schauderte mein Gefühl vor ihm zurück, als ihn mein erwachendes Auge erkannte. Ich schlummere, ich athme, ich kann ganz, wenn ich will, zum Leben wieder genesen, so hat es mir der Böse verheißen, wenn ich mich ihm mit ganzem Herzen ergebe, wenn er, in geheimer Verborgenheit, mein Gatte werden darf. — O Antonio, wie schwer wird mir jedes Wort, jeder Gedanke. Alle seine Kunst zerbricht an meiner Sehnsucht zum Tode. Das war fürchterlich, als mein Geist, schon in der Ruhe, schon in der Entwickelung neuer Anschauungen, aus dem stillen Frieden so gräßlich zurückgerissen wurde. Mein Leib war mir schon fremd, feindlich und verhaßt worden. Zurück kam ich, wie der befreite Sklave zu Ketten und Gefängniß. Hilf mir, Treuer, rette mich.
Wie? sagte Antonio: Gott im Himmel! was erleb’ ich? Wie muß ich Dich wieder finden? Und Du kannst, Du darfst nicht ganz zum Leben zurückkehren? Du kannst nicht mir und Deinen Eltern wieder angehören?
Unmöglich! rief Crescentia mit einem ängstlichen Ton, und ihre Blässe wurde vor Entsetzen noch bleicher. Ach! das Leben! Wie kann der es wieder suchen, der schon davon gelöst war? Du Armer fassest die tiefe Sehnsucht nicht, die Liebe, das Entzücken, womit ich den Tod denke und wünsche. Noch inniger, wie ich Dich ehemals liebte, noch brünstiger, wie meine Lippen am Osterfeste nach der heiligen Hostie schmachteten, ist mein Wunsch zu ihm. Dann liebe ich Dich freier und inniger in Gott. Dann bin ich meinen Eltern wiedergegeben. Dann leb’ ich, sonst war ich gestorben, jetzt bin ich Nebel und Schatten, mir und Dir ein Räthsel. Ach, wenn Deine Liebe und unsre Jugend in mein jetziges Dasein hinein schien, wenn ich von oben herab die wohlbekannte Nachtigall hier in meiner Einsamkeit schlagen hörte, welch süßes Grauen, welche finstre Freude und Angst rieselte dann durch die Dämmerung meines Wesens. O hilf mir los von der Kette.
Was kann ich für Dich thun? fragte Antonio.
Die Reden hatten wieder die Kraft der Erscheinung gebrochen: sie ruhte eine Weile mit geschlossenen Augenliedern, dann sagte sie matt: Ach! wenn ich eine Kirche betreten könnte, wenn ich zugegen wäre, indem der Herr im Sakrament erhoben wird und der Gemeinde erscheint, dann würde ich in diesem seligen Augenblicke vor Entzücken sterben.
Was hindert mich, sprach Antonio, den Bösewicht anzugeben, ihn den Gerichten und der Inquisition zu überliefern?