Doch in diesem Augenblicke ereignete sich etwas, das Antonio’s Aufmerksamkeit von allen diesen Gegenständen abzog. Eine Thür, die verschlossen schien, war nur angelehnt, sie that sich auf, und der Jüngling sah in ein Gemach, das mit purpurrothem Lichte erfüllt war, aber in dieser Rosengluth stand an der Thür ein bleiches Gespenst, welches winkte und lächelte. Mit Blitzesschnelle wendete der Alte sich um, warf donnernd die Thür in das Schloß, und verriegelte sie mit einem goldenen Schlüssel. Zitternd und leichenblaß warf er sich dann in einen Sessel, indem ihm große Schweißtropfen von der Stirne rannen. Als er sich etwas erholt hatte, winkte er, noch immer zitternd, Antonio herbei und sagte mit bebender Stimme: auch dieses Geheimniß, mein junger Freund, wird Euch einmal deutlich werden; denke, mein geliebter Sohn, das Beste von mir. Dich vor allen, Du Leidender, Du Vielgeliebter, will ich in mein tiefstes Wissen dringen lassen, Du sollst mein wahrer Schüler, mein Erbe werden. Aber laß mich jetzt, geh nun hinauf zu Deinem einsamen Zimmer und rufe im brünstigen Gebete den Himmel und seine heiligen Kräfte zu Deinem Beistande auf.
Antonio konnte nicht antworten, so war er von der Erscheinung überrascht und entsetzt, so hatte ihn die Rede seines verehrten Lehrers verwirrt, denn ihm schien, als müsse dieser einen Zorn unterdrücken, als leuchte ein verhaltener Grimm aus seinen feurigen Augen, die nach dem plötzlichen Erlöschen schnell einen stärkern Glanz ausstrahlten.
Er ging und im Vorzimmer fand er Beresynth, der mit grinsendem Gesicht Fliegen haschte, die er dann einem Affen zuwarf. Beide schienen im Wettstreit begriffen, wer die ärgsten Fratzen hervorbringen könnte. Der Meister rief jetzt laut den Diener, und die Mißgestalt hüpfte hinein. Antonio vernahm einen lauten Wortwechsel, und Pietro schien sehr zornig. Weinend und heulend kam Beresynth aus dem Zimmer, ein Blutstrom floß über die ungeheure Nase hinab. Kann er nicht selbst seine Thüren verschließen, krächzte die Mißgeburt, der Allerweltsweise und Allmächtige? Ist der Herr dumm, so muß der Diener die Schuld tragen. Scheert Ihr Euch, Allverehrtester, auf Eure Dachkammer hinauf, und laßt mich mit meinem guten Freund, dem lieben Pavian da, in Ruhe. Der hat noch ein menschliches Herz, der liebe, getreue. Ein lustiger Bruder, wie er ist, und doch in der Zartheit ein recht ausbündiger Kerl. Marsch da! Der Pylades will wieder Fliegen speisen, die ihm sein Orest zusammenfangen muß.
Antonio verließ wie betäubt den Saal.
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Der florentinische Jüngling war in das Haus seines Lehrers gezogen, um ganz ungestört seinen Leiden und Studien leben zu können. Oben im entferntesten und höchsten Gemache des Hauses hatte er sich eingerichtet, um recht einsam und von Menschen unbesucht zu leben. Wenn er von hier die schönen und fruchtbaren Gefilde des Landes übersah und dem Laufe des Stromes mit den Blicken folgte, so dachte er um so inniger seiner entschwundenen Geliebten. Er hatte ihr Bild von den Eltern bekommen, und einiges Geräth, mit welchem sie als Kind gespielt hatte; vorzüglich lieb war ihm eine Nachtigall, die ihm in ihren rührenden Klagegesängen nur sein eigenes Leid auszutönen schien. Dieser Vogel war von Crescentien mit Sorgfalt und Liebe gepflegt worden, und der schwärmende Jüngling bewahrte ihn als ein Heiligthum, als den letzten Ueberrest seines irdischen Glückes.
Andre Jünglinge seines Alters sahe er nicht, außer dem Spanier Alfonso, mit welchem ihn der gleiche Enthusiasmus für die Größe des Pietro Abano vereinigte. Der Podesta Ambrosio hatte seine Stelle niedergelegt und die Stadt verlassen, er wollte in Rom seine letzten Tage verleben, um sich seinen Verwandten in Venedig zu entziehn. Er hatte es aufgegeben, die frühgeraubte Zwillingstochter wieder zu finden, und es schmerzte ihn um so inniger, daß Antonio ihm diese Hoffnung so erschütternd wieder in seine Seele gerufen hatte. Er war überzeugt, der Jüngling habe ihn und sich selbst mit den Fieber-Phantasien jener Nacht getäuscht.
Am Morgen reiste Pietro mit seinem getreuen Diener ab. Antonio war ganz allein im großen Hause, dessen Zimmer alle verschlossen waren. Die Nacht war ihm schlaflos hingegangen. Immer stand ihm das entsetzliche Gebild vor Augen, das ihm, wie es ihn erschüttert hatte, doch die schönsten Empfindungen zurück rief. Ihm war, als wenn jede Kraft zu denken in ihm erstorben sei, Gebilde, die er nicht festhalten konnte, bewegten sich in ewig umschwingenden Kreisen vor seiner Phantasie. Die Empfindung war ihm fürchterlich, daß er an seinem verehrten Lehrer irre wurde, daß er unerlaubte Geheimnisse und ein Entsetzen ahndete, das seit jenem Blick ins Gemach hinein auf ihn zu warten schien, um ihm allen Lebensmuth zu rauben, oder ihn einem verzweifelnden Wahnsinn zu überliefern.
Die Nachtigall sang eben vor seinem Fenster, und er sah, daß es stürmte und regnete. Vorsorglich nahm er sie herein und stellte sie hoch auf einen alten Wandschrank hinauf. Indem er sich überbog, um den Käfig sicher zu stellen, riß die Kette, an welcher er das Bildniß seiner Geliebten trug, und das Gemälde rollte nach der Wand zu, und hinter den eichenen alten Brettern hinab. Der Unglückliche wird auch von Kleinigkeiten erschreckt. Eilig stieg er hinunter, um sein geliebtes Kleinod wieder zu suchen. Er bückte sich, aber so sehr er auch forschte, war es unter dem großen schweren Schranke nicht anzutreffen. Alles, das Große wie das Kleine in seinem Leben, schien ihn wie eine Bezauberung zu verfolgen. Er schüttelte an dem alten Gerüste, und wollte es aus der Stelle schieben, aber es war in der Mauer verfestigt. Sein Ungestüm wurde mit jedem Hinderniß heftiger. Er faßte eine alte Eisenstange, die er im Vorzimmer fand, und arbeitete mit aller Anstrengung seiner Kräfte, den Schrein zu rücken, und endlich, nach vielem Heben, Stemmen und hundert vergeblichen Bemühungen geschah ein Riß mit lautem Krachen, als wenn eine eiserne Klammer oder Kette gesprungen wäre. Jetzt wich allmählig das Gebäude und Antonio vermochte es endlich, sich zwischen dieses und die Wand einzudrängen. Er sah sogleich sein geliebtes Bildniß. Es lag auf dem breiten Knauf einer Thür, die in der Mauer war. Er küßte es, und drehte den Griff, welcher nachgab. Die Thür öffnete sich, und er fiel darauf, den großen Schrank noch etwas mehr zurück zu schieben, um diese Seltsamkeit näher zu untersuchen, denn er glaubte, daß der Besitzer des Hauses diese geheime Oeffnung, die mit so vieler Sorgfalt, und wie es schien, seit so langer Zeit verdeckt war, selber nicht kenne. Als er sich mehr Raum verschafft hatte, sah er, daß hinter der Thür eine enge gewundene Stiege sich hinabsenkte. Er stieg einige Stufen hinunter, die dichteste Finsterniß umgab ihn. Er schritt weiter und immer weiter, die Treppe schien bis in die untern Gemächer hinabzuführen. Schon wollte er umkehren, als er auf eine Hemmung stieß, denn die Wendelstiege war nun zu Ende. Indem er in der Dunkelheit auf und nieder tastete, traf seine Hand auf einen erznen Ring, den er anzog, und sogleich öffnete sich die Mauer und ein rother Glanz quoll ihm entgegen. Noch ehe er in die Oeffnung hineintrat, untersuchte er die Thür und fand, daß eine Feder, die der Ring in Bewegung gesetzt, sie ihm aufgethan hatte. Er lehnte sie an und schritt behutsam in das Gemach. Rothe kostbare Teppiche schmückten es, mit Purpurdecken von schwerer Seide waren die Fenster verhängt, ein Bett, von glänzendem Scharlach mit Gold verziert, stand im Zimmer. Alles war still, man hörte das Getöse der Straße nicht, die Fenster gingen nach dem kleinen Garten. Mit beklemmter Brust stand der Jüngling im Gemach, er horchte aufmerksam und endlich dünkte ihm, er vernähme das Säuseln des Athems, wie von einem Schlafenden. Mit klopfendem Herzen wandte er sich um, und ging vor, um zu spähn, ob auf dem Bette jemand ruhe, er schlug die seidenen Vorhänge zurück — und glaubte nur zu träumen, denn vor ihm lag, leichenblaß, aber süß schlummernd, das Bildniß seiner geliebtesten Crescentia. Der Busen hob sich sichtlich, wie eine leichte Röthe war den blassen Lippen angeflogen, die, zart geschlossen, von einem sanften Lächeln unmerklich bewegt wurden. Das Haar war aufgelöst und lag in seinen schweren dunkeln Locken auf den Schultern. Das Kleid war weiß, der Gürtel eine goldne Spange. Lange stand Antonio im Anschauen versenkt, endlich, wie von einer übernatürlichen Gewalt getrieben, faßte er die weiße, schöne Hand, und wollte die Schläferin gewaltsam emporziehen. Diese stieß einen klagenden Schrei aus, und erschreckt ließ er den Arm wieder fahren, der ermüdet in die Kissen sank. Doch war der Traum, so schien es, entflogen, das Netz des Schlummers, welches das wundersame Bildniß umschlossen hielt, war zerrissen, und wie Wolken und Nebel sich im leisen Morgenwinde in wallenden Gestaltungen an den Bergen hinbewegen und wechselnd auf und nieder sinken, so rührte sich die Schläferin, dehnte sich wie ohnmächtig, und strebte in langsamen anmuthigen Bewegungen dem Erwachen entgegen. Die Arme streckten sich empor, so daß die weiten Aermel zurück fielen und die volle schöne Rundung zeigten, die Hände falteten sich und sanken dann wieder nieder; das Haupt erhob sich und der glänzende Nacken richtete sich frei auf, doch waren die Augen immer noch geschlossen, die Locken fielen schwarz in das Gesicht hinein, doch strichen die feinen langen Finger sie zurück; ganz aufrecht sitzend kreuzte die Schöne nun die Arme über die Brust, stieß einen schweren Seufzer aus und plötzlich standen die großen Augen weit offen und glänzend.
Sie betrachtete den Jüngling, als sähe sie ihn nicht, sie schüttelte das Haupt und ergriff jetzt die goldne Quaste, die über ihr am Bette befestigt war, richtete sich kräftig auf, und auf den Füßen stand jetzt in der purpurnen Umhüllung hoch aufgerichtet die große schlanke Gestalt, sie schritt dann sicher und fest vom Lager herunter, ging auf Antonio, der zurück gewichen war, einige Schritte zu, und mit einem kindischen Ausruf der Ueberraschung, wie wenn Kinder sich plötzlich über ein neues Spielzeug erfreuen, legte sie ihm die Hand auf die Schulter, lächelte ihn holdselig an und rief mit sanfter Stimme: Antonio!