Er verbarg sich in den innersten Gemächern, und der neugierige Beresynth trat fragend und forschend dem Pöbel und dem Andrang des Volkes entgegen. Nehmt die Teufelslarve, den Famulus, schrieen alle, zerreißt den Gottvergessenen, der nie eine Kirche besucht hat! Er wurde in die Straße geführt und gestoßen, auf seine Fragen, Bitten, auf sein Heulen und Schreien ward ihm keine Antwort, auch vernahm man in dem stürmenden Getümmel nichts anders als Flüche und Todesdrohung. Bringt mich ins Verhör! schrie endlich der Zwerg, da wird meine Unschuld offenbar werden! Die herbeigerufenen Schergen ergriffen ihn, und führten ihn nach dem Gefängniß. Alles Volk drängte sich nach. Hier hinein! rief der Anführer der Häscher, Ketten und Holzstoß warten Deiner. Er wollte sich losreißen, die Schergen packten ihn und stießen ihn hin und her, der faßte ihn am Kragen, jener am Arm, der hing sich an sein Bein, um ihn fest zu halten, ein anderer packte den Kopf, um seiner gewiß zu werden. Indem sie ihn so unter Geschrei, Fluchen und Lachen hin und wieder zerrten, fuhren alle plötzlich auseinander, denn jeder hatte nur ein Kleidungsstück, Aermel, Mütze oder Schuh des Mißgeschaffenen, er selbst war nirgend zu sehn. Entflohen konnte er nicht seyn, er schien verschwunden, doch keiner begriff wie.

Als man Apone’s Zimmer erbrochen hatte, fanden ihn die Eindringenden todt und verblutet auf seinem Bette liegen. Man plünderte das Haus, die magischen Instrumente, die Bücher, der seltsame Hausrath, alles wurde den Flammen übergeben, und durch die ganze Stadt erscholl nichts als Verfluchung des Mannes, den gestern noch alle wie einen Abgesandten der Gottheit verehrt hatten. Der Abscheu, mit welchem sie sich von dem Trugbild wendeten, war nun um so größer.

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Als sich das Getümmel des aufgeregten Volkes etwas beruhigt hatte, wurde der Leichnam Pietro’s still in der Nacht, außerhalb des geweihten Kirchhofes, beigesetzt. Antonio und Alfonso versöhnten sich wieder, und schlossen sich dem frommen Theodor an, der zum zweitenmal, mit Feierlichkeit und einer andächtigen Rede, den Leichnam der schönen Crescentia in die ihr bestimmte Gruft legen ließ. Antonio konnte nun nicht länger in Padua bleiben, er wollte seine Vaterstadt wieder besuchen, um seine Angelegenheiten zu ordnen, und sich dann vielleicht in einem Kloster aufnehmen zu lassen. Alfonso faßte den Entschluß, nach Rom zu wallfahrten, wohin der heilige Vater ein Jubeljahr und Ablaß von Sünden ausgeschrieben hatte. Nicht nur in Italien regte sich alles, sondern auch aus Frankreich, Deutschland und Spanien kamen viele Züge von Pilgrimmen an, um diese bis dahin unerhörte Feierlichkeit, dieses große Kirchenfest in der heiligen Stadt zu begehn.

Nachdem die Freunde sich getrennt hatten, verfolgte Antonio seine einsame Bahn, denn er vermied die große Straße, theils um seiner Schwermuth desto ungestörter nachhängen zu können, theils um die Schwärme zu vermeiden, die sich auf dem großen Wege drängten, und in den Nachtlagern beschwerlich fielen.

So seiner Laune folgend, streifte er durch die Fluren und die Thäler des Apennins. Einst ging die Sonne unter, und keine Herberge wollte sich zeigen. Indem die Schatten dichter wuchsen, hörte er seitwärts im Walde das Glöcklein eines Einsiedlers schallen. Er ging dem Tone nach und gelangte, als die Dunkelheit der Nacht schon hereingebrochen war, an die kleine Hütte, zu welcher ein schmaler Steg von Brettern über den Bach in das Buschwerk hinein führte. Er fand einen alten gebrechlichen Greis in tiefster Andacht vor einem Crucifixe betend. Der Einsiedler nahm den Jüngling, der ihn freundlich begrüßte, mit Wohlwollen auf, bereitete ihm im Felsen, der durch eine Thür von der Einsiedelei getrennt war, ein Lager auf Moos, und setzte ihm von seinen Früchten, Wasser und etwas Wein vor. Als Antonio erquickt war, erfreute er sich am Gespräche des Mönchs, der früher in der Welt gelebt und als Soldat manchen Feldzug mitgemacht hatte. So war es tiefe Nacht geworden, und der Jüngling begab sich zur Ruhe, indem ein anderer kranker und schwacher Mönch hereintrat, der mit dem Einsiedler in Gebeten die Nacht zubringen wollte.

Als Antonio eine Stunde geruht hatte, fuhr er plötzlich aus dem Schlafe auf. Ihm dünkte, er vernähme laute Stimmen und Streit. Er richtete sich empor, und es blieb ihm über das Gezänk und den Wortwechsel kein Zweifel übrig. Auch die Töne schienen ihm bekannt, und er fragte sich selber, ob er nicht träume. Er näherte sich der Thüre und entdeckte eine Spalte, durch welche er in den vordern Raum schauen konnte. Wie erstaunte er, als er Pietro Abano gewahr wurde, den er für gestorben halten mußte, der mit zornigen Augen und rothem Antlitz laut sprach und sich in heftigen Geberden bewegte. Ihm gegenüber stand die Fratze des kleinen Beresynth. Also Euren Verfolger, rief dieser mit krächzender Stimme, der Euch unglücklich gemacht, den verliebten frommen Narren, habt Ihr hier in Eurem Hause? der ist von selbst, wie ein Kaninchen, zu Euch in die Grube gefallen? Und Ihr zögert noch, ihn abzuschlachten? — Schweig, rief die große Figur, ich habe mich schon mit meinen Geistern berathen, sie wollen nicht einwilligen, ich kann ihm nichts anhaben, denn er ist in keiner Sünde befangen. — So schlagt ihn, sagte der Kleine, ohne Eure Geister, mit Euren eigenen huldreichen Händen todt, so wird ihm seine Tugend und Sündenlosigkeit nicht viel helfen, und ich müßte ein elender Diener seyn, wenn ich Euch in so löblicher That nicht beistehen sollte. — So laß uns, rief Pietro, an das Werk gehn, nimm den Hammer Du, ich führe das Beil, jetzt schläft er fest. — Sie näherten sich der Thür, doch Antonio riß diese auf, um den Bösewichtern muthig entgegen zu treten. Er hatte sein Schwert gezogen, aber er blieb wie eine Bildsäule, mit aufgehobenem Arme stehn, als er zwei kranke, gebrechliche Einsiedler auf den Knieen vor dem Kreuze liegend fand, die ihre Gebete murmelten. Wollt Ihr etwas? fragte ihn sein Wirth, der sich mühsam vom Boden erhob. Antonio konnte verwundert keine Antwort geben. Warum das Schwert? fragte der gebückte, schwache Eremit; wozu diese feindlichen Blicke? Antonio zog sich zurück mit der Entschuldigung, daß ihn ein böser Traum erschreckt und geängstigt habe. Er konnte nicht wieder einschlafen, so verstört waren seine Sinne. Da vernahm er wieder deutlich Beresynths krähende Stimme, und Pietro sagte mit vollem klaren Tone: laß ab, denn Du siehst, er ist bewaffnet und gewarnt, er wird sich dem Schlafe nicht von neuem überlassen. — Wir müssen ihn überwältigen! schrie der Kleine, da er uns nun wieder erkannt hat, sind wir ja auf alle Weise verloren! Der Knecht giebt uns morgen der Inquisition an, und das Volk ist auch dann gleich mit dem Verbrennen bei der Hand.

Durch die zerrissene Thür erkannte er die beiden Zauberer. Er stürzte wieder mit gezogenem Schwerte hinein, und fand wieder zwei kranke Alte, im Gebete flehend, am Boden liegen. Erbittert über die Truggestalten ergriff er sie in seine Arme, und rang kräftig mit ihnen, sie wehrten sich verzweifelnd, bald war es Pietro, bald der Eremit, bald das Gespenst Beresynth, bald ein kranker Greis. Unter Geschrei, Toben, Fluchen und Wehklagen gelang es ihm endlich, sie aus der Zelle zu werfen, die er dann fest verriegelte. Nun hörte er draußen Gewinsel, Bitten und Aechzen, dazwischen ein Flüstern von vielen Stimmen, Gesang und Geheul, nachher schien Regen und Sturm sich aufzumachen und ein fernes Gewitter grollte zwischen das mannigfache Getöse. Betäubt schlief endlich Antonio, auf sein Schwert gelehnt, vor dem Crucifixe ruhend ein, und als ihn der kalte Morgenwind erweckte, fand er sich auf der höchsten Spitze einer schmalen Klippe, mitten im dicken Walde wieder, und glaubte, hinter sich ein Hohngelächter zu vernehmen. Nur mit Lebensgefahr gelang es ihm, von der schroffen Höhe hinab zu klimmen, indem er die Kleider zerriß und Antlitz und Hand und Fuß verwundete. Mühselig mußte er durch die Wälder irren, kein Mensch war zu errufen, keine Hütte, so oft er auch die Anhöhe bestieg, weit umher zu entdecken. Erst in der Nacht traf er, von Müdigkeit, Hunger und Erschöpfung aufgelöst, auf einen alten Köhler, der ihn in seiner kleinen Hütte erquickte. Er erfuhr, daß er von jener Einsiedelei, die er gestern getroffen hatte, wohl zwölf Meilen und mehr entfernt sei. Erst spät am folgenden Tage konnte er, etwas gestärkt und ermuntert, seine Reise nach Florenz wieder fortsetzen.

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Antonio hatte sich nach Florenz begeben, um seine Verwandten und sein väterliches Haus wieder zu besuchen. Er konnte sich nicht entscheiden, welchen Lebenslauf er beginnen sollte, da ihm alles Glück des Daseins so treulos geworden war, da sich die Wirklichkeit ihm nur als ein wilder Traum erwiesen hatte. Er ordnete seine Angelegenheiten und ergab sich in dem großen väterlichen Palaste dem Gram, um in jener Grotte, in den wohlbekannten Zimmern sein Unglück und das seiner Eltern sich recht lebhaft zu vergegenwärtigen. Er gedachte jener scheußlichen Hexe, die in sein Verhängniß verflochten, und jener Crescentia, die ihm eben so wunderbar wie seine Braut erschienen und wieder verschwunden war. Hätte er nur irgend eine Hoffnung fassen können, so wäre es ihm möglich gewesen, sich mit dem Leben wieder auszusöhnen. Endlich ging ihm der Wunsch, wie ein blasser Stern, in seiner Seele auf, nach Rom zu wallfahrten, welches er noch nicht kannte, dort an den Gnaden der Gläubigen Theil zu nehmen, die berühmten Kirchen und Heiligthümer zu besuchen, sich in der wogenden Volksmenge, in dem Gedränge der unzähligen Fremden, die aus allen Theilen der Erde dorthin zogen, zu zerstreuen, und seinen Freund Alfonso auszuforschen. Er vermuthete auch, den alten Ambrosio in der großen Stadt anzutreffen, sich von diesem Leidenden, der ihm Vater hatte werden wollen, trösten zu lassen, und dem Bekümmerten wohl auch Trost gewähren zu können. Mit diesen Gesinnungen und Erwartungen machte er sich auf den Weg und langte nach einiger Zeit in Rom an.