Er erstaunte, als er in die große Stadt eintrat. So hatte er sich ihre Macht, ihre Denkmäler, und das Getümmel der unzähligen Fremden nicht vorgestellt. Hier war es ein Wunder zu nennen, einen Freund oder Bekannten aufzufinden, wenn man seine Wohnung nicht schon genau bezeichnen konnte. Und doch begegnete ihm dieser wunderbare Zufall, daß er den Ambrosio plötzlich antraf, indem er das Kapitol hinaufsteigen wollte, von welchem der Alte niederschritt. Der Podesta nahm ihn sogleich mit in seine Wohnung, in welcher Antonio die trauernde Mutter begrüßte. Der Ruf von dem seltsamen Ende Pietro’s, von der Wiederbelebung Crescentia’s und ihrem Hinscheiden war schon bis Rom erschollen, diese wunderbare Geschichte war im Munde aller Pilger, entstellt, mit verworrenen Zusätzen und Widersprüchen, von der oftmaligen Wiederholung bis zu ihrem eigenen Gegentheil ausgebildet. Die Eltern hörten mit Freude und Schmerz die Begebenheit aus Antonio’s Munde, so furchtbar das Entsetzen auch beide, vorzüglich die Mutter, ergriff, die mit Abscheu den alten scheinheiligen Magier verwünschte, von dem sie in ihrer Erbitterung selbst zu glauben schien, daß er den Tod ihrer Tochter, vielleicht sogar von der Familie Markoni erkauft, herbeigeführt habe, um die Leiche nur wieder zu seinem wahnsinnigen Frevel erwecken zu können.

Ueberlassen wir, sagte der Alte, alles dem Himmel; was geschah und stadt- und landkundig wurde, ist erschrecklich genug, um nicht andere, die doch vielleicht unschuldig sind, in diese ungeheure Bosheit zu verwickeln. Mag es sich mit den Markonis verhalten, wie es wolle, so bin ich wenigstens dahin entschlossen, ihnen das Erbe meines Vermögens zu entziehen. Durch meine Beschützer hier werde ich es möglich machen, meine Besitzungen Klöstern oder frommen Stiftungen zu übertragen, und mein Lebensüberdruß bewegt mich vielleicht, selbst als Mönch oder Klausner mein Leben zu enden.

Wie aber, wandte die Mutter mit Thränen ein, wenn es doch noch möglich wäre, jene zweite Crescentia, von der uns Antonio erzählt hat, wieder aufzufinden? Das Kind wurde mir in Deiner Abwesenheit auf eine unbegreifliche Art geraubt, jene Hexe, die die Markonis in jener Nacht genannt hat, die Aehnlichkeit, alles, alles trifft ja so seltsam überein, daß wir die Hoffnung, das allerhöchste Gut des Lebens, nicht zu früh, nicht übereilt aus Verzweiflung aufgeben sollen.

Gute Eudoxia, sagte der Vater, laß, laß alle jene Träume, Sagen und Einbildungen fahren, für uns ist auf dieser Erde nichts mehr gewiß, als der Tod, und daß dieser fromm und sanft sei, müssen wir wünschen und vom Himmel erflehen.

Und wenn nun nachher, und zu spät, rief die Mutter aus, unser armes verwaistes Kind sich wieder finden sollte, dürfte uns die Unglückselige nicht mit Recht schelten, daß wir der Barmherzigkeit des Himmels nicht vertraut, und ihr Wiederkommen mit etwas mehr Ruhe und Geduld abgewartet haben?

Ambrosio warf einen finstern Blick auf den Jüngling und sagte dann: es gehört noch zur Vergrößerung unsers Elends, daß Ihr die Arme mit Euren kranken Einbildungen angesteckt, und ihr dadurch die letzte Ruhe des Lebens geraubt habt.

Wie meint Ihr das? fragte Antonio.

Junger Mann, antwortete der Vater, schon seit jenem Ritt durch Feld und Wald, wo Ihr mir jenes Mährchen aufgeheftet, das Euch in der vorigen Nacht begegnet seyn sollte —

Herr Ambrosio! rief Antonio, und seine Hand fiel unwillkührlich auf sein Schwert.

Laßt das, fuhr der Alte gelassen fort, fern sei es von mir, Euch einer Lüge bezüchtigen zu wollen, ich kenne ja seit lange Euren Edelmuth, wie Eure Wahrheitsliebe. Aber ist es Euch denn nicht, armer Jüngling, ohne meine Erinnerung beigefallen, daß seit jener Nacht, als Ihr dem Sarge meiner Tochter begegnetet, die Ihr am folgenden Tage als Braut heimzuführen gedachtet, Eure Sinne in Unordnung gerathen sind, Eure Vernunft geschwächt ist? In der einsamen Nacht, im Gewitter, in aufgeregter Leidenschaft, glaubtet Ihr die Gestorbene wieder zu sehen, daran knüpfte sich die Erinnerung an Euren unglücklichen Vater, an Eure früh gestorbene Mutter. So entstanden Euch jene Gebilde, und setzten sich in Eurem Gehirn fest. Fanden wir denn wohl eine Spur jener Hütte? Wußte uns irgend ein Mensch in der Umgegend von jenen getödteten Bewohnern zu sagen? Jenes furchtbare Erscheinen meiner wahren Tochter, an welches ich wohl glauben muß, ist allein hinreichend, auch das kälteste Gefühl bis zum Wahnsinn zu treiben, und soll ich mich nun verwundern, wenn Ihr wieder etwas Unmögliches erlebt haben wollt, daß Ihr im Gebirge den gestorbenen Pietro wiedergefunden, und ihn nicht erkannt habt, daß jenes fast lächerliche Gaukelspiel mit Euch vorgenommen sei, das Ihr uns eben so bestimmt erzählt habt? Nein, junger Freund, Gram und Schmerz haben Euren gesunden Sinn zerrüttet, daß Ihr nun Dinge seht und glaubt, die nicht in der Wirklichkeit sind.