Antonio war verlegen und wußte nicht, was er antworten sollte. Wie sehr ihn der Verlust seiner Geliebten in allen seinen Seelenkräften erschüttert hatte, so war er sich doch der erlebten Begebenheiten zu deutlich bewußt, um sie auf diese Weise in Zweifel ziehen zu können. Er fühlte einen neuen Trieb zur Thätigkeit, er wünschte wenigstens darthun zu können, daß die Geschichte jener Nacht kein Traumbild, daß jene zweite Crescentia ein wirkliches Wesen sei, und darum war es sein lebhaftester Wunsch, sie wiederzufinden, um sie den trauernden Eltern zurück zu geben, oder Ambrosio wenigstens beschämen zu können. In dieser Stimmung verließ er den alten Freund, und streifte durch die Stadt, allenthalben vom Gewühl des Volks gedrängt und vom mannigfaltigen Geschrei, Fragen und Erzählen in allen Sprachen betäubt. So war er von den Massen geschoben und gestoßen bis zum Lateran fortgetrieben worden, als er ganz deutlich, aber fern, so wie sich zu Zeiten das Gewühl etwas öffnete, jene häßliche Alte wahrzunehmen glaubte, die Mutter des schönen Mädchens, die ebenfalls Crescentia genannt wurde. Er strebte nun in ihre Nähe zu kommen, und es schien ihm schon zu gelingen, als ein entgegenströmender Zug von Pilgern ihn wieder völlig von jener Erscheinung abschnitt, und alles weitere Vordringen unmöglich machte. Indem er am heftigsten kämpfte und sich auf die Stufen des Tempels des heiligen Johannes empor arbeitete, um weiter um sich sehn zu können, fühlte er einen freundlichen Schlag einer Hand auf seiner Schulter, und eine bekannte Stimme nannte seinen Namen. Es war der Spanier Alfonso. So finde ich Dich also genau an der Stelle, sagte er freudig, wo ich Dich zu finden hoffte?

Wie meinst Du das? fragte Antonio.

Laß uns nur aus dem Gedränge und dieser Strömung kommen, rief jener, hier vernimmt man vor tausendfältigem Sprechen, und vor dem Gesumme der ungeheuren babylonischen Verwirrung kein Wort.

Sie begaben sich in das Gefilde, und hier eröffnete ihm Alfonso, daß, seitdem er sich in Rom befinde, er sich der Wissenschaft der Astrologie, der Wahrsagekunst und ähnlichen Dingen ergeben habe, die er vormals gehaßt, weil er der Ueberzeugung gewesen, sie könnten nur durch verdammliche Mittel und Hülfe der bösen Geister errungen werden. Seit ich aber, fuhr er fort, die Bekanntschaft des unvergleichlichen Castalio gemacht habe, erscheint mir dies Wissen in einem gar höheren und verklärteren Lichte.

Ist es möglich, rief Antonio aus, daß nach jener furchtbaren Begebenheit in Padua Du Deine Seele doch wieder der Gefahr bloß stellen kannst? Dir leuchtet nicht ein, daß dasjenige, was auf natürlichem Wege und mittelst der Vernunft zu erreichen steht, nicht der Mühe verlohnt, weil es geringfügige Künste sind, die nur Scherz und Gelächter veranlassen können; alles Höhere aber, welches nicht auf leere Täuschung hinausgeht, allerdings nur durch böse und verdammliche Kräfte aufzuregen ist?

Eifern, sagte der Spanier, ist kein Beweisen; wir sind noch zu jung, um unsere Natur ganz zu verstehn, viel weniger die übrige Welt und alle Geheimnisse zu fassen. Siehst Du den Mann, dem ich so viel zu verdanken habe, so werden alle Deine Zweifel verschwinden. Fromm, einfach, ja kindlich, wie er ist, leuchtet uns aus jedem seiner Blicke das schönste Vertrauen entgegen.

Und wie war es mit jenem Apone? warf Antonio ein.

Der, erwiederte der Freund, wollte ja doch wie ein überirdisches Wesen auftreten, er bestrebte sich mit Kunst und Bewußtsein, als ein Abgesandter des Himmels zu erscheinen, und mit erkünsteltem Glanz die gewöhnlichen Söhne der Menschen zu blenden. Er erfreute sich des Pompes, er ließ sich zwar herab, aber nur, um den ungeheuren Abstand zwischen ihm und uns noch fühlbarer zu machen. Schwelgte er nicht in der Bewunderung, die ihm Vornehm und Gering, Jugend und Alter zollen mußten? Aber mein jetziger Freund (denn das ist er, weil er sich mir ganz gleich stellt) will nicht groß und erhaben erscheinen, er belächelt dies Bestreben so vieler Menschen, und meint, schon dies leiste Gewähr, daß etwas Unächtes, Gebrechliches verhüllt werden solle, denn ein klares Bewußtsein wolle nur gelten als das, was es sich fühlt, und der größte der Sterblichen müsse sich ja doch gestehn, daß er eben so, wie der blödsinnige Bettler auch, nur ein Sohn des Staubes sei.

Du machst mich begierig, sagte Antonio: er kennt also Zukunft und Vergangenheit? Die Schicksale der Menschen? Und weiß mir zu sagen, wie glücklich oder unglücklich noch meine Verhängnisse seyn werden? Ob gewisse, geheimnißvolle Wünsche sich erfüllen können? Kann er denn errathen und entziffern, was mir selbst in meiner eigenen Geschichte undeutlich ist?

Das eben ist seine Weisheit, sagte Alfonso begeistert, daß er durch Buchstaben und Zahlen auf die einfachste und unschuldigste Weise alles erfährt, wozu jene Unglückseligen Beschwörungen, Formeln, Heulen, Geschrei und Todesangst anwenden müssen. Darum findest Du auch jenen widerwärtigen Zauberapparat nicht bei ihm: keine Kristalle und eingesperrte Geister, keine Spiegel und Gerippe, kein Rauchwerk und keine fratzenhaften Phantome, sondern er ist sich selbst genug. Ich sagte ihm von Dir, und er fand in seiner Rechnung, daß ich Dich heut, in dieser Stunde auf den Stufen der Lateranskirche ganz gewiß antreffen würde. So ist es nun auch in derselben Minute geschehn.