Antonio wurde begierig, den wunderbegabten Mann kennen zu lernen, und von ihm sein eigenes Schicksal zu erfahren. Sie speisten in einem Garten und gingen gegen Abend zur Stadt zurück. Die Straßen waren etwas mehr beruhigt, sie konnten ungestörter ihren Weg fortsetzen. In der Dämmerung kamen sie in die Gassen, die sich eng hinter dem Grabmal des Augustus zogen. Sie schritten durch ein Gärtchen: ein freundliches Licht schimmerte ihnen aus den Fenstern eines kleinen Hauses entgegen. Sie zogen die Glocke, die Thür öffnete sich, und mit den sonderbarsten und gespanntesten Erwartungen trat Antonio mit seinem Freunde in den Saal.
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Antonio war verwundert, einen schlichten, nicht großen jungen Mann vor sich zu sehen, der noch, dem Anschein nach, nicht viel über dreißig Jahre alt seyn konnte. Mit einfacher Geberde begrüßte er den eintretenden Jüngling wie einen alten Bekannten. Seid mir willkommen, sprach er mit wohllautender Stimme, Euer spanischer Freund hat mir so viel Gutes von Euch gesagt, daß ich mich schon längst auf Euren Umgang gefreut habe. Nur müßt Ihr freilich nicht wähnen, daß Ihr zu einem Weisen, zu einem Adepten gekommen seid, oder gar zu einem Manne, vor welchem die Hölle in ihren Grundfesten zittert, sondern Ihr findet hier einen Sterblichen, wie Ihr seid und werden könnt, so wie jeder, den die ernsten Studien und die Entfernung vom eitlen Weltgetümmel nicht abschrecken.
Antonio fühlte sich wohl und behaglich, so sehr er auch überrascht war, er musterte die Stube, die, außer einigen Büchern und einer Laute, nichts Ungewöhnliches aufwies. Er verglich in Gedanken dieses kleine Haus und seinen schlichten Bewohner mit dem Palaste und Gepränge, den Instrumenten und den Geheimnissen seines ehemaligen Lehrers und sagte: freilich sieht man hier keine Spuren jener hohen und geheimen Weisheit, die mir mein Freund gerühmt und in welcher Ihr untrüglich seyn sollt.
Castalio lachte herzlich und sagte dann: Nein, mein junger Freund, nicht untrüglich, denn so weit kommt kein Sterblicher. Seht Euch nur um, dieses ist mein Wohnzimmer, dort in jener kleinen Kammer steht mein Bett; hier ist weder Raum noch Möglichkeit, trügerische Anstalten zu verbergen, oder künstliche Maschinen in Thätigkeit zu setzen. Alle jene Kreise, Gläser, Himmelsgloben und Sternbilder, die jene Beschwörer zu ihren Künsten nöthig haben, finden hier keinen Platz, und jene Elenden werden auch nur vom Geist der Lüge hintergangen, weil sie die Kräfte ihres eignen Geistes nicht wollen kennen lernen. Wer aber in die Tiefen seiner Seele, von Demuth und frommen Sinn geleitet, steigt, wem es Ernst ist, sich selbst zu erkennen, der findet auch hier alles, was er vergebens durch künstliche und verzweifelte Mittel von Himmel und Hölle erzwingen will. „Werdet wie die Kinder!“ In diesem Aufruf liegt das ganze Geheimniß verborgen. Ist unser Gemüth ungefälscht, können wir, wenn auch nur auf Stunden und Augenblicke, das wieder von uns werfen, welches unsre ersten Eltern mit frevlem Muthwillen an sich zogen, so wandeln wir wieder im Paradiese und die Natur mit allen ihren Kräften tritt wie damals, im bräutlichen Jugendalter der Welt, dem verklärten Menschen entgegen. Ist denn unser Geist nicht eben dadurch Geist, daß körperliche Schranken, verwirrender Raum und Zeit, ihn nicht hemmen sollen? Er schwingt sich ja schon, von Sehnsucht und Andacht beflügelt, über alle Sternenräume hinaus, nichts hemmt seinen Flug, als jene Erdengewalt, die sich in der Sünde erst auf ihn geworfen, und ihn zu ihrem Knechte gemacht hat. Diese können und sollen wir aber wieder bezwingen, durch Gebet, durch Zerknirschung vor dem Herrn, durch Erkennen unsrer großen Schuld und durch ungemessene Dankbarkeit für seine überschwengliche Liebe, und dann sehn und hören wir, was sich uns durch Raum und Zeit entzieht, wir sind dort und hier, die Zukunft tritt heran, und schüttet, so wie die Vergangenheit, ihre Geheimnisse vor uns aus, das ganze Reich des Wissens, Begreifens steht uns offen, die himmlischen Kräfte werden freiwillig unsre Diener; und dennoch ist dem ächten Weisen Ein Blick in die Geheimnisse der Gottheit, Eine Rührung seines Herzens, indem er ihre Liebe fühlt, mehr und wünschenswerther, als alle Schätze, die sich dem forschenden Geiste bieten, als alle Enthüllungen der Geschichte und Gegenwart, als die Kniebeugungen von tausend Engeln, die ihn ihren Meister nennen wollen.
Alfonso sah seinen Freund mit begeisterten Blicken an, und Antonio konnte sich nicht erwehren, sich zu gestehn, daß ihm hier im Gewande einfacher Demuth mehr entgegen komme, als ihn aus Apone’s Munde, zur Zeit seiner größten Verehrung des prunkenden Weltweisen, jemals angesprochen hatte. Faßte er doch jetzt die Ueberzeugung, daß die Weisheit, welche man die übernatürliche nennt, sich wohl mit Frömmigkeit und der völligen Ergebung in den Herrn vereinigen lasse.
Wißt Ihr nun von meinen Schicksalen? fragte der Jüngling bewegt; könnt Ihr mir von meiner Zukunft etwas sagen?
Wenn ich das Jahr, den Tag und die Stunde Eurer Geburt weiß, antwortete Castalio, mit dem Horoskop, das ich dann stelle, die Lineamente Eures Antlitzes und die Züge Eurer Hand vergleiche, nachher mit meinem freien Geiste mich der Anschauung ergebe, so zweifle ich kaum, Euch etwas davon offenbaren zu können.
Antonio übergab ihm ein Taschenbuch, in welchem sein Vater selbst seine Geburtsstunde bemerkt hatte. Castalio schenkte den Jünglingen Wein ein, indem er selber ein wenig von diesem genoß, schlug einige Bücher auf und setzte sich alsdann zum Rechnen nieder, ohne nebenher seine Gespräche mit den Jünglingen völlig abzubrechen. Es schien nur, als wenn der junge heitre Mann ein ganz gewöhnliches Geschäft vornehme, das bei weitem nicht seine ganze Aufmerksamkeit erfordere. So mochte unter Lachen und fröhlichen Gesprächen eine Stunde verflossen seyn, als Castalio aufstand und Antonio zu sich in ein Fenster winkte. Ich weiß nicht, fing er an, wie viel Ihr Eurem Freunde dort vertraut, was Ihr ihm etwa verschweigen wollt. Er betrachtete hierauf Antonio’s Gesicht, so wie seine Hände sehr aufmerksam, und erzählte ihm dann zusammenhängend die Geschichte und das Unglück seiner Eltern, den frühen gewaltsamen Tod der Mutter, die verirrte Leidenschaft des Vaters, dessen Ermordung durch seinen frevelhaften Mitschuldigen: hierauf kam er auf Antonio’s eigne Begebenheiten, wie er den Mörder gesucht und verfolgt, und selbst von einer Leidenschaft in Padua sei festgehalten worden. Ihr seid also, beschloß er, was ich nicht ohne Erstaunen erfahren habe, jener Jüngling, der jüngst die Bosheit des verruchten Apone auf wunderbare Weise entdeckt hat, der den Schändlichen seiner Strafe überlieferte, obgleich er selbst nur um so unglücklicher wurde, weil er seine Geliebte zweimal auf entsetzliche Weise verlieren mußte.
Antonio bestätigte dem freundlichen Manne alles, und hatte ein solches Zutrauen zu ihm gewonnen, daß es ihm war, als wenn er nur mit sich selber spräche. Er erzählte ihm hierauf noch von den Abentheuern jener Nacht, der zweiten Crescentia und jener widerlichen Hexe, die ihm, wie er glauben müsse, heute von neuem erschienen sei. Könnt Ihr mir nun, fragte er eifrig, sagen, ob dieses Wahrheit sei, wer jene Crescentia ist, ob ich sie wiedersehn und ihren Eltern zuführen werde?